Meine Querschnittlähmung und ich: Ich bin ein Mann, verdammt noch mal!

Als ich ein kleiner Junge war, legte meine Mutter mir jeden Morgen etwas zum Anziehen raus. Ich nahm ihre Kleiderwahl weitgehend gleichgültig hin, da ich es, wie die meisten Kinder, ja gewohnt war, dass sie alle meine Angelegenheiten regelte. Warum also nicht auch diese? Bis eines Winters, als ich in der zweiten Klasse war, der Groschen (den es damals noch gab) fiel.

Die Strumpfhosen – diese roten Wollstrumpfhosen, die kratzten und ziepten und nach mehrmaligem Waschen so elastisch waren wie Kupferrohre, und die ich bisher widerspruchslos getragen hatte – waren Mädchenklamotten! Sie fielen in dieselbe Kategorie wie Röckchen und Haarspangen! Ich ging also zu meiner Mutter, baute mich vor ihr auf und sagte: „Mama, die Strumpfhosen kannst du in Zukunft steckenlassen. Ich zieh die nicht mehr an. Ich bin ein Mann, verdammt noch mal!“ Nun, „verdammt noch mal“ sagte ich natürlich nicht, ich war ja erst acht. Aber das Revier war markiert und fortan war ich, was die Wahl meiner Kleidung anging, sehr emanzipiert. Und warm sein, war sowieso völlig überbewertet. Fand ich.

Wir machen nun einen Zeitsprung in den Winter dieses Jahres. Ich bin inzwischen verheiratet und lasse (weil sich die Dinge niemals wirklich ändern) meine Frau den einen oder anderen Aspekt meines Lebens organisieren. Und heute zahle ich den Preis dafür, denn als ich aus der Dusche komme, liegt auf dem Bett die neue Alpakawollunterwäsche, die sie für mich besorgt hat.

Da haben wir ein Unterhemd mit kurzen Ärmeln. Ein Unterhemd mit langen Ärmeln. Lange Unterhosen. Kniestrümpfe. Socken. Und zwei Stoffröhren, die vermutlich Kniewärmer sind.

Das Ganze sieht verdächtig nach Feinstrick aus und ist in einem Farbton gehalten, der sich nicht so recht entscheiden kann, ob er weiß ist oder beige. Und an den Säumen entdecke ich einen Besatz aus gehäkelter Spitze… WTF..?

Was hat die Frau gemacht? Den Schrank meiner Oma geplündert? Mein männlicher Stolz ist verletzt. Soll ich mich anziehen, wie eine Achtzigjährige? Will meine Frau, dass ich mein Y-Chromosom an der Garderobe abgebe? Will sie mich quasi mit Textilien kastrieren?

Ohne mich! Ich zieh das nicht an. Ich bin ein Mann! Verdammt noch mal!

Meine Empörung ist grenzenlos. Aber meine Frau ist schon weg, weshalb ich ihr das nicht sagen kann. Ich strafe die Weiberwäsche mit Nichtachtung, ziehe meine normalen Sachen an und rolle los.

Meine Wut hält mich warm bis zur nächsten Ecke. An der Straßenbahnhaltestelle ist mir so kalt, dass ich mit den Zähnen klappere. Ich kann es nicht sehen, aber ich schätze, dass meine Zehen blau werden. Und meine Lippen.

Schon klar. Ich bin ein Mann.

Ein Mann, der friert.

Hier haben wir sie wieder in Aktion. Meine alte Freundin, die Temperaturregulationsstörung. Eines der vielen Bonusfeatures, die einen als Querschnittgelähmten eiskalt erwischen können. Im Sommer können wir unterhalb der Lähmungshöhe nicht schwitzen, im Winter nicht zittern, um den Körper auf Betriebstemperatur zu halten. Je höher die Lähmungshöhe, desto übler ist man dran. Und nicht nur dass Erfrierungen drohen, nein, mein Körper kann auf die Kältereize auch mit so lustigen Sachen wir Spastik oder einem Anfall chronischer Schmerzen reagieren. Nichts was man sich wünscht also.

Resigniert fahre ich nach Hause und ziehe mich um.

…..

Blicken wir nun der Wahrheit ins Gesicht: Ich trage mehrere Lagen Thermounterwäsche, um mich warmzuhalten. Zu sehen ist sie nicht, da die Unterwäsche ja nicht das einzige ist, was ich anhabe. Und ich muss mich deswegen auch nicht schlecht fühlen. Es ist nicht so, dass ich ein Mädchen wäre. Oder ein Weichei. Ich bin trotzdem ein Mann! Mehr als das, wenn ich so darüber nachdenke. Ich bin eigentlich schon fast ein Pirat und männlicher geht es ja wohl kaum!

Ich habe einen Ohrring im linken Ohr! Wie ein Pirat!

Ich habe eine Tätowierung am Oberarm! Wie ein Pirat!

Ich habe einen Papagei auf der Schulter! Wie ein… Nein. Kleiner Scherz. Einen Papagei hab ich natürlich nicht. Aber ich weiß, wo ich mir einen leihen könnte.

Der springende Punkt ist folgender: Dein Geschlecht hat vielleicht einen Einfluss darauf, was du trägst. Aber was du trägst, hat keinen Einfluss auf dein Geschlecht. Wohl aber auf dein Wohlbefinden. Und wenn man vor der Wahl steht, ist es vielleicht doch ganz clever sich gegen Spastik und Schmerz und damit auch gegen den Calvin Klein Männer-String zu entscheiden. Und außerdem: unter unserer Kleidung sind wir – ob Mann, Frau oder Pirat – doch sowieso alle nackt.

…..

Als meine Frau nach Hause kommt, fragt sie: „Na, mein Schatz, hast du heute gefroren?“

„Ach, nur am Anfang ein bisschen“, sag ich. „Und dann gar nicht mehr.“

Ihr glückliches Lächeln wärmte mich durch und durch.

Später am Abend zeige ich ihr, was wir Piraten so drunter tragen. Ihr scheint’s zu gefallen.

 

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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