Nicht-invasive Methode zu Verbesserung der Handfunktion bei chronischer Tetraplegie

Eine neue Studie deutet darauf hin, dass ein nicht-chirurgisches, nicht-invasives Wirbelsäulen-Stimulationsverfahren Menschen mit Tetraplegie helfen kann, Hände und Finger wieder zu benutzen.

Ein von der University of California (UCLA) geleitetes Forscherteam verwendet bei der Behandlung von Tetraplegikern ein nicht-chirurgisches, nicht-invasives Wirbelsäulen-Stimulationsverfahren – die transkutane motorische Steuerung („transcutaneous enabling motor control“ oder tEmc) – zur Neuromodulation von funktionsbeeinträchtigten sensorisch-motorischen Netzwerken. Dabei werden Elektroden auf der Haut platziert, die das Rückenmark im Halswirbelbereich mit elektrischem Strom stimulieren, der mit unterschiedlichen Frequenzen und Intensitäten an bestimmte Orte geleitet wird. Das Ziel der Methode ist es, physiologische Zustände wiederherzustellen, die eine willentliche Muskelkontrolle ermöglichen oder unterstützen.

In einer Studie wurden sechs Personen mit teils kompletter, teils inkompletter Querschnittlähmung im Halswirbelbereich mit der tEmc-Methode behandelt. Ein kleines Greifgerät musste 36-mal (18-mal mit jeder Hand) gedrückt und drei Sekunden lang gehalten werden, wobei die Forscher die zum Halten des Griffs verwendete Kraft maßen. Die Trainingszeit bestand aus zwei Sitzungen zu je 90 Minuten pro Woche über einen Zeitraum von vier Woche hinweg.

Die Ergebnisse zeigten, dass nach den acht Sitzungen mit nicht-invasiver tEmc-Stimulation und den gleichzeitigen Trainingseinheiten die maximalen freiwilligen Handgriffkräfte bei den chronischen zervikalen SCI-Patienten um etwa 325% (bei gleichzeitiger Stimulation) und um etwa 225% (ohne gleichzeitige Stimulation) zunahmen. Maximale Greifkraft sowohl in der linken als auch in der rechten Hand, unabhängig von der Handdominanz.

Teilnehmer und Ergebnisse

Alle Studienteilnehmer hatten sich die Rückenmarksverletzungen im Halswirbelbereich vor mehr als einem Jahr zugezogen; bei manchen lag der Zeitpunkt der Verletzung bereits mehr als zehn Jahre zurück. Zu Beginn der Studie konnten drei der Teilnehmer ihre Finger überhaupt nicht bewegen, und keiner konnte einen Türknauf mit einer Hand drehen oder den Verschluss einer Plastikflasche abdrehen; hinzu kamen starke Schwierigkeiten bei der Nutzung von Mobiltelefonen. Nach nur acht Trainingseinheiten mit der Wirbelsäulenstimulation zeigten alle sechs Personen deutliche, langfristige Verbesserungen bei der Greiffähigkeit. Zudem verbesserten sich bei den Teilnehmern auch Blutdruck, Blasenfunktion, Herz-Kreislauf-Funktion und die Fähigkeit, ohne Unterstützung aufrecht zu sitzen.

Teilnehmerin Cecilia Villarruel berichtet: „Etwa nach der Hälfte der Sitzungen konnte ich zum ersten Mal seit Eintritt meiner Verletzung meine Schlafzimmertür mit der linken Hand öffnen und neue Wasserflaschen aufmachen – vorher hatte das immer jemand anderes für mich tun müssen. Diese kleinen Dinge wie das Öffnen von Gläsern, Flaschen und Türen ermöglichen ein Maß an Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, das sehr befriedigend ist und das Leben nachhaltig beeinflusst.“

Das Team arbeitete in weiteren Studien mit insgesamt mehr als 24 Versuchsteilnehmern mit Tetraplegie, von denen die meisten nennenswerte Verbesserungen erlebten.

Überraschende Ergebnisse

„Fast alle dachten, dass von der Methode nur Menschen profitieren würden, die sich die Rückenmarksverletzung vor weniger als einem Jahr zugezogen haben. Das war das Dogma. Jetzt wissen wir, dass das Dogma überholt ist; alle unsere Versuchsteilnehmer sind seit mehr als einem Jahr querschnittgelähmt“, sagte Studienautor und Professor für integrative Biologie und Physiologie, Neurobiologie und Neurochirurgie an der UCLA, Dr. Reggie Edgerton.

Edgerton beantragt nun die offizielle Zulassung für das Motorsteuergerät, damit es an z. B. Rehabilitationszentren eingesetzt werden kann und die Anwendung der Methode nicht auf seine Einrichtung beschränkt ist. Die Vorteile sprechen für sich: Die Wirbelsäulenstimulation ist kostengünstig, erfordert keine Operation und kann praktisch überall eingesetzt werden. „Die Auswirkungen“, sagt Edgerton, „sind in gewisser Weise, denken wir, besser als die einer Operation. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Nervensystem viel anpassungsfähiger ist als angenommen – und dass es sich von schweren Verletzungen erholen kann.“

Die Studie wurde im April 2018 im Fachmagazin Journal of Neurotrauma veröffentlicht und u. a. von der Christopher and Dana Reeve Foundation (siehe: Behandlungsmöglichkeiten finden: Die Christopher & Dana Reeve Foundation) finanziert.

 

Fragen & Kommentare

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  1. Lag 30.11.2018, 22:13 Uhr

    Hallo.
    Als inkompletter C3-Tetra bin ich natürlich hochinteressiert.
    Gibt es schon Informationen, ob oder ab wann man das in Deutschland ausprobieren kann?
    Es klingt auf jeden Fall vielversprechend…

    • Tanja Konrad 07.12.2018, 11:44 Uhr

      Guten Tag,
      die Methode ist noch sehr neu und wird nach ihrer Zulassung zunächst in den USA Fuß fassen müssen, bevor sie in Europa übernommen werden wird. Wann das sein wird ist derzeit leider nicht abzusehen. Wir halten aber Augen und Ohren offen.
      Viele Grüße,
      Die Redaktion