Meine Querschnittlähmung und ich: Ich bin doch kein Briefkasten

Unsere neue Kolumne „Quer Schnittchen“ geht online – und startet mit der Frage, weshalb Rollstuhlfahrer sich im Park öfter mal in einen Briefkasten verwandeln.

Sobald die Räder meines Rollstuhls stillstehen, scheine ich mich auf unheimliche Weise zu verändern: Gerade noch ein doch recht lebensfroher Tetraplegiker – und schwupps! – mutiere ich zum Briefkasten. Wahlweise auch zu einem anderen Behältnis; Hauptsache, die Sorgen anderer Leute haben darin Platz. Meine Verwandlung läuft immer nach demselben Schema ab. Deshalb genügt wohl ein Beispiel, damit man versteht, was ich meine:

Ich sitze im Park und genieße die Sonne. Prompt kommt Frau Schmidt mit einem strahlenden Lächeln zu mir herüber. Drei Schritte, bevor sie mich erreicht, verdüstert sich ihr Gesicht. Mit einem tiefen Seufzer lässt sie sich auf die Bank neben mich sinken, sieht mir tief in die Augen, seufzt noch einmal noch viel tiefer – und dann beginnt sie zu erzählen. Wie so viele Menschen, die mir über den Weg laufen.

„Hallo! Ich bin doch kein Kummerkasten auf Rädern!“ würde ich am liebsten schreien. „Klebt mir etwa ein Schild auf der Stirn, auf dem `Bei mir kannst Du Deine Sorgen loswerden` steht?“ Aber ich finde keine Lücke in Frau Schmidts Redefluss, in die ich diesen Satz platzieren könnte. Und unhöflich unterbrechen will ich sie auch nicht. Denn irgendwie mag ich Frau Schmidt ja.

Irgendwann lässt sie doch von mir ab und schlendert Richtung Fußgängerzone. Ich bleibe ratlos mit einem großem Berg Fremdkummer auf meinen Schultern zurück. Noch bevor ich die Sorgen über das mir unbekannte Enkelkind und all die Bedenken gegen das neue Auto, das Herr Schmidt sich trotz angespannter finanzieller Lage der Familie unbedingt anschaffen will, hinter einen Busch im Park abladen kann, entdeckt mich auch schon Frau Müller. Und die hat es auch nicht immer leicht, wie ich im Laufe der nächsten zwanzig Minuten erfahre.

Ermattet komme ich nach Hause.

„Schatz! Wie war´s im Park?“, fragt mich meine Frau.

„Ach, ganz schön anstrengend!“, sage ich. Und dann jammere ich ihr nicht zum ersten Mal die Ohren voll, dass ganz viele Menschen sich bei mir ausweinen und mir das nicht immer recht ist. „Ich weiß auch genau, woran das liegt,“ schmolle ich weiter, „die denken alle, dass ich Lust auf ein Pläuschchen habe, weil ich scheinbar gemütlich dasitze und die Hände im Schoß liegen habe! Dabei will ich doch einfach nur in Ruhe in der Sonne sitzen.“

„Schatz, da kann ich dir nicht helfen,“ blockt mein Herzblatt ab, „das musst du den Leuten direkt sagen, nicht mir. Ich bin doch nicht dein Kummerkasten!“ Aber dann merkt sie offenbar selbst, wie unsensibel sie gerade eben war, drückt mir einen Kuss auf die Stirn und sagt mir, dass die Leute sich mir bestimmt nicht anvertrauen, weil sie mich für einen Kummerkasten auf Rädern halten, sondern weil ich wirklich ganz, ganz toll zuhören kann und die Menschen liebe.

„Pfffh!“ mache ich, sage nichts mehr, nehme mir aber im Stillen vor, in Zukunft alle Annäherungsversuche von Leidenden und Geplagten abzuwettern – schließlich sind das ihre Probleme, nicht meine. Und eine interessierte Nachfrage werde ich bestimmt nie wieder stellen.

Am nächsten Nachmittag fahre ich wieder in den Park. Kaum habe ich meine Räder an meiner Lieblingsstelle am Ententeich arretiert kommt auch schon Frau Meier auf mich zu. Jetzt muss ich stark sein!

„Ach wie schön, dass ich sie hier sehe“, ruft sie schon von weitem. Dann setzt sie sich neben mich, kruschelt in ihrer Tasche herum (hoffentlich holt sie jetzt keine Papiertaschentücher heraus, weil sie weinen muss!) und überreicht mir eine dicke Packung Pralinen; die Guten, von denen sie weiß, dass ich sie liebe. „Ich wollte mich einfach mal bei ihnen bedanken, weil sie immer ein offenes Ohr haben und mir mit ihren schlauen Tipps schon so oft geholfen haben, gerade letztes Jahr, als es mir so schlecht ging.“

„Umpf“, mache ich und bekomme vor Rührung kein Wort heraus. Vielleicht ist mein Teilzeit-Job als Lebensberater auf Rädern doch nicht so schlecht.


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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