Meine Querschnittlähmung und ich: Hilfe! Zu viel Hilfe!

Du meine Güte! Siebenmal „Nein. Danke. Passt schon!“ in nur drei Stunden! Das ist mein neuer persönlicher Rekord! So oft musste ich heute wohlgemeinte, aber unnötige Hilfsbereitschaft abwehren.

Es gibt diesen alten Witz über die beiden Pfadfinder, die stolz darauf sind, dass sie eine Oma sicher über die Straße gebracht haben „obwohl die sich total gewehrt hat!“

Ich kann darüber nicht lachen. Denn ich weiß, wie die alte Dame sich fühlt. Immer wieder treffe ich auf Allzu-Hilfsbereite, die über das Ziel hinausschießen, Schritt C vor Schritt B machen und in ihrem Eifer Schritt A gleich ganz vergessen.

Dabei wäre es so einfach. (Für akute Unfall-Situationen, Notfälle und das Aufheben heruntergefallener Smartphones gelten natürlich andere Regeln.)

Schritt A: Der Hilfsbereite macht das, was er sich vorgenommen hat (einkaufen, die Straßenseite wechseln, sind den Infostand genauer ansehen).

Schritt B: Der Hilfsbereite macht das auch dann, wenn sich in seinem näheren Umfeld eine vermeintlich hilfsbedürftige Person (also ich) befindet. Auch wenn es noch so schwerfällt: Er sollte davon ausgehen, dass die in seinen Augen potenziell hilfsbedürftige Person gar keine Hilfe will/braucht, sondern ganz gut alleine zurechtkommt, sich eventuell sogar wohl fühlt.

Ein nützliches Mantra könnte hier sein: „Ich bin fest davon überzeugt, dass auch Menschen mit Querschnittlähmung in Ruhe die Auslage im Schaufenster betrachten wollen.“ Das Ende des Satzes kann man je nach persönlicher Vorliebe beliebig durch Sätze wie „in Ruhe auf ihre Frau warten“ oder „in Ruhe Löcher in die Luft starren“ ersetzen. Kein Problem. Denkbar wäre sogar das Satzende „ganz alleine die Tür öffnen können.“

Schritt B für Fortgeschrittene: Der Hilfsbereite geht davon aus, dass die in seinen Augen potenziell hilfsbedürftige Person trotz Lähmungen im unteren Körperbereich im oberen Körperbereich (Kopf, Hirn, Sprechorgane) fit und deshalb durchaus in der Lage ist, sich selbst zu artikulieren. Das Mantra dazu: „Der wird schon Bescheid sagen, wenn er Hilfe braucht.“

Schritt C: Die potenziell hilfsbedürftige Person sagt Bescheid. Dann – und wirklich nur dann – darf der Hilfsbereite seine Finger um die Schiebegriffe meines Rollstuhls legen und mich samt meinem Stuhl irgendwo anders hinschieben.

Das mag jetzt ein bisschen verbittert klingen, so, als ob ich zu denen gehöre, die lieber ertrinken als nach Hilfe zu rufen. Aber das stimmt nicht. Ich gehöre nur zu denen, die nicht ständig so behandelt werden wollen, als würden sie permanent ertrinken. Wenn mir Hilfe angeboten wird – mitunter mit mitleidvoll gesenkter Stimme, mitunter über Bande, wenn gar nicht erst ich, sondern meine Begleitung gefragt wird, ob man „ihm“ helfen könne – fühle ich mich, als ob mich da gerade jemand nicht für voll nimmt. Manchmal ärgere ich mich nur über die Grenzverletzung, mitunter komme ich mir nahezu entmündigt vor.

Abends jammere ich meiner Frau vor über das, was mir in der Fußgängerzone passiert ist. „Freu dich doch, dass die Menschen so hilfsbereit sind! Die wollen doch einfach nur nett sein. Das ist doch tausendmal besser, als all die Leute, die immer wegschauen.“

Ja, da hat mein Herzblatt schon recht. Und ich habe auch gar nichts dagegen, mir helfen zu lassen. Im Gegenteil. Aber diese ungefragte Allzu-Hilfsbereitschaft geht mir einfach manchmal zu weit. Am liebsten würde ich in solchen Situationen laut „Ich kann das! Ich kann das ganz alleine“ schreien. Aber dann würde ich mich ja benehmen wie ein dreijähriges Kind, dem Mama verbietet, Papas Tischkreissäge auszuprobieren.

„Ich will aber nicht zwangsgeholfen werden!“ trotze ich. Darauf umarmt mein Herzblatt mich. Ganz fest. Ganz liebevoll. Ganz sicher, ohne dass ich sie darum gebeten hätte. In diesem Fall tut es aber dennoch gut.


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