Handbikerin Manu: Dogtrekking hat mich auf ein neues Lebens-Level katapultiert

„Für mich wurde eine neue Welt freigeschaltet, direkt von der Demo-Version rauf auf Level 99!“ Manuela Richter praktiziert „Dogtrekking“. Mit Unterstützung ihrer Hunde kurbelt sie Berge hoch: „Das ist einfach nur beflügelnd“.

Beim Dogtrekking bewältigen Outdoor-Fans zusammen mit ihren Hunden Weitwanderungen durch unwegsames, mitunter sogar unerschlossenes Gelände. Manu, die seit einem Motorradunfall querschnittgelähmt ist, hat eine eigene Variante entwickelt: Sie schnallt ihren Hunden ein Laufgeschirr an und lässt sich bei ihren kilometerlangen, anspruchsvollen Touren durch die Natur von ihnen ziehen oder unterstützen.

Ihr Mann begleitet sie auf ihren Touren – ein Alleingang im Rollstuhl wäre zu gefährlich, wenn umgestürzte Bäume den Weg blockieren oder der Rollstuhl in unwegsamen Gelände umzukippen droht. Das eingespielte Team stößt immer wieder an seine Grenzen: „Wir laufen auch mal quer durch den Wald, teilweise übelste Wanderwege. Dann stellt sich schon die Frage: Lohnt es sich weiterzugehen? Sollen wir umdrehen?“

Um jeden Zentimeter gekämpft

Manu mit ihrem Handbike. Dogtrekking ist ihre große Leidenschaft.

Manchmal ist der Rückweg die einzige Option: „Im Harz wollten wir den Hexenstieg raufgehen, der ist 15 Kilometer lang. Wir haben aber nur 1,7 Kilometer geschafft. Überall waren Steine und Geröll. Runterzus wurde es dann richtig unangenehm. Die Schwerkraft hat gezogen, der Untergrund war mies. Wir haben teilweise darüber diskutiert, wie wir die nächsten zehn Zentimeter schaffen sollen.“

Nichts geht mehr: Umgestürzte Bäume machen auch aus einem eigentlich barrierefreien Weg eine Sackgasse.

Irgendwie sind sie dann doch wohlbehalten unten angekommen. Und merkten bald, dass auch jedes Scheitern sie weiterbringt. Als Manu bei einer der nächsten Touren im Harz die Karte falsch liest und sie von der vorbereiteten rollstuhltauglichen Route abkommen, bewältigen sie den Umweg souverän, obwohl er über einen steinigen, ausgewaschenen Weg führt: „Wir waren ein eingespieltes Team, hatten schon die entsprechende Erfahrung und konnten uns aufeinander verlassen.“

Harte Prüfung fürs Material

Vertrauen in Mensch und Tier ist das eine – Vertrauen ins Material das andere: „Auf einem meiner Rollstühle stand ´Bitte nicht nassmachen´. Wie stellen sich das die Hersteller vor? Wie machen das andere Rollstuhlfahrer – gehen die bei Regen einfach nicht raus, noch nicht einmal zur Arbeit?“, fragt sich Manu. Rahmenbrüche, gerostete Kugellager, heißgefahrene Bremsen, zu schwache Bremsen, ein Handbike, das ihr unter A… wegrostet und sie zu einer viertägigen, sehr entspannten Zwangspause in einem Dogtrekker-Camp im Wald zwingt: Manu verlangt ihrem Rollstühlen einiges ab.

Ihre Touren in die Berge sind ohnehin nur möglich, weil sie ihre Gefährte pimpen lässt; dank verlängertem Radstand kann sie auch im Elbsandsteingebirge Runden drehen.

„Bevor ich das das erste Mal gemacht habe, dachte ich mir: Das schaffst du nie! Als Kind haben mich meine Eltern immer durchs Elbsandsteingebirge gescheucht, das war nach dem Unfall alles ganz weit weg, unerreichbar. Und dann habe ich mich doch irgendwie hochgekurbelt, und oben, auf fast 400 Höhenmetern, dachte ich nur noch: Wow! Das hast du jetzt ganz alleine geschafft!“ Ein neues Lebens-Level war freigeschaltet.

Die erste Tour mit Radstandsverlängerung: Damals wurde für sie eine „neue Welt freigeschaltet“.

Community als große Familie

Die Dogtrekker sind eine große Familie – auch das schätzt Manu. „Die Leute ticken alle gleich, wir sind stunden – manchmal auch tagelang draußen, sitzen am Lagerfeuer und erzählen von unseren Erlebnissen.“

In Tschechien, Österreich, der Slowakei und Polen ist Dogtrekking sehr populär. Auch in Deutschland gibt es einige Gruppen. Zum Beispiel auf hundwegsam.jimdo.com  erfährt man einiges über das Dogtrekking und über „offizielle“ Events wie das Elbsandstein-Dogtrekking (ESDT), bei dem auch Manu teilgenommen hat.

Bei solchen organisierten Events legen Teilnehmer bis zu 100 Kilometer zurück, wobei sie festgelegte Kontrollpunkte anlaufen müssen, um zu dokumentieren, dass sie die ganze Route gelaufen sind. Für Manu wurde beim ESDT geschwind eine kürzere, barrierefreie Route zusammengestellt.

Ihr längstes Event war bisher im Harz, auch dort gibt es eine aktive Community: „Wir sind vor Sonnenaufgang gestartet und erst weit nach Sonnenuntergang zurückgekommen. Für uns war es völlig krass, erst im Dunkeln heimzukommen. Mein Mann und ich waren völlig am Ende, nur die Hunde haben fünf Kilometer vor Schluss so richtig angefangen zu ziehen. Trotzdem mussten wir zwanzig Meter vor dem Ziel noch eine Pause machen.“ Und trotzdem freut sich Manu auf jeden neuen Dogtrekking-Event.

„Im Herbst will ich das nächste Event fahren, in der Schweiz. Auch dort haben die Organisatoren für mich und meinen Mann eine Rolli-Route zusammengestellt. Sogar mit barrierefreien Toiletten, damit ich nicht in den Wald pullern muss!“

Neuzugang im „Team Manu“

Es müssen nicht immer Berge sein: Beim Weitwandern mit Hunden gibt es auch gemütliche Abschnitte.

Den Höhentrip in der Schweiz kann eigentlich nur noch eine Unabwägbarkeit bremsen: Ikarus, ein pubertierender Schlittenhund-Welpe, der neu im Team Manu ist: „Ich habe mir mit ihm einen Rennboliden gekauft, aber noch keine Ahnung, wie man ihn fährt. Manchmal überlege ich mir wirklich, ob das besonders klug war“, lacht sie.

Vorsorglich hat sie sich in ihren „Räuberrollstuhl“ schon eine Hinterradbremse einbauen lassen – für und mit den anderen Hunden genügte eine Vorderradbremse. Dazu kommen breitere Reifen, breite Felgen und eine verstärkte Kupplung. Alles ist startklar für das Dogtrekking mit Ikarus.

Dass sie sich den Umgang mit einem so fordernden Tier zutraut, war vor einigen Jahren für sie noch undenkbar. In den Monaten nach dem Unfall versperrten viele Wenns und Abers Möglichkeiten und Träume. Selbst ein eigener Hund erschien Manu illusorisch. Wie sollte das funktionieren? Sollte der Hund nach links in die Büsche ausbüxen, könnte sie ihm ja schlecht hinterherlaufen: „Ich hatte richtig Schiss davor, vom Rollstuhl aus so ein Tier zu händeln.“

Schließlich holen sie und ihr Mann sich doch einen Hund, ihren ersten Magyar Vizsla. Manu wendet sich einfach an die nächstgelegene Hundeschule, „und siehe da: Die Hundetrainerin saß selber im Rolli. Perfekt!“

Das Dogtrekking, die gemeinsamen Touren und Herausforderungen, das intensive Training schweißen Hundehalterin und Hunde zusammen und nehmen Manu die Angst, die Tiere nicht beherrschen zu können – weshalb sie nun, beim nächsten Hund, gleich noch eine Schippe mehr Energie drauflegt hat. „Meine Ungarischen Vorstehhunde Chiron und Jody waren fix“, sagt Richter, „aber im Vergleich zu Ikarus wirkt es, als ob sie gerade schnell genug waren, damit die Leine nicht am Boden schleift.“

„Noch bin ich die einzige Bekloppte“

Mit ihrem Powerpaket will Manu im Herbst ein Zughunde-Seminar absolvieren. Dann ist Ikarus auch alt genug, um vor Manus Handbike herzulaufen und sie durchs Gelände und die Berge begleiten. Der Lauf in der Schweiz wird seine erste große Tour sein.

Vermutlich wird Manu dort wieder die einzige Teilnehmerin im Rollstuhl sein: „Meines Wissens bin ich im Moment die einzige Bekloppte, die diesen Sport treibt.“ Und die dafür belohnt wird: Mit unbezahlbaren Gemeinschaftserlebnissen. Atemberaubenden Natureindrücken. Teamerlebnissen mit den eigenen Hunden. Und der Gewissheit, aus eigener Kraft für sich selbst ein neues Level freigeschaltet zu haben.

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