Kreuzfahrt. Nicht Kreuzzug.

Sommerzeit ist Reisezeit. Auf Reisen sind mir als Rollstuhlfahrer schon viele lustige Sachen passiert – besonders skurril war aber eine Begebenheit, die sich an Bord eines Kreuzfahrtschiffes zutrug.

Meine Frau und ich sind ganz aufgeregt: Zehn Tage werden wir an Bord eines Kreuzfahrtschiffes übers weite Meer fahren. Naja… wenn ich sage „das weite Meer“, dann meine ich damit keine Atlantiküberquerung inkl. Eisbergen, Walfang und haushohen Brechern, die das Schiff zum Spielball der Elemente machen, sondern eine gediegene Fahrt in relativer Küstennähe von Süd- nach Nordeuropa. Und zwar all-inclusive.

Wir werden nicht enttäuscht. Die gebuchte Kabine ist groß, das Bett höhenverstellbar und das Bad wirklich rollstuhlgerecht. Zu allen Decks führen Fahrstühle und das Büffet ist zwar ein bisschen hoch, aber machbar. Und wenn ich so gar keinen Bock hab meinen Teller auf den Knien zu balancieren während ich zum Tisch zurück rolle, kann ich in eins der À-la-carte-Re­s­tau­rants an Bord gehen, wo ich bedient werde. Auch cool: Es gibt ein Ärzteteam an Bord, das ich im Vorfeld über meine Situation informiert habe und das entsprechend vorbereitet ist. Sehr beruhigend, wenn mich die autonome Dysreflexie erwischen sollte.

(Fast) alle Mann von Bord

Ich bin also recht guter Dinge, als ich zum Büro des Reiseveranstalters auf Deck 5 fahre, um mich nach Landausflügen für mich und meine Frau zu erkundigen. Als ich näher rolle, strahlt eine junge Dame mich an und ich frage sie nach den Angeboten, die sie für die Häfen, die angelaufen werden, hätte. Sie lächelt, nickt und redet. Und redet. Und redet. Besichtigungen kultureller Stätten, Einkaufsmöglichkeiten, Strandausflüge, Draisinentouren, Krachtenfahrten, Städtetrips. Eine Destination schöner und interessanter als die nächste.

Ich bin ganz begeistert und sage anerkennend: „Wow, dass das alles im Rollstuhl möglich ist!“

Das Strahlen verschwindet. Im Rollstuhl? Nein. Wieso?

Ich sehe an mir hinunter, um festzustellen, ob mein Rollstuhl noch da ist, oder ob er sich ohne mich verdrückt hat. Nee. Er ist noch da. Deutlich sichtbar. Direkt unter mir. Ich hebe die Augenbrauen und deute auf meinen fahrbaren Untersatz.

Die junge Dame wird puterrot im Gesicht und eilt unter Entschuldigungen davon, um einen Kollegen zu holen, von dem sie annimmt, dass er mir besser helfen könne. Sie tut mir schon fast ein bisschen leid. Aber nur fast. Mir ist klar, dass für manche Menschen Behinderte so unsichtbar sind, wie ein Eisbär im Schneesturm, aber das war schon sehr seltsam.

Mitarbeiter Nummer Zwei ist leider auch ratlos, doch der dritte kann mich endlich darüber aufklären, welche der Ausflüge im Angebot für mich und meinen Rollstuhl geeignet sind.

Nämlich keine.

Der Grund dafür ist folgender: Die Busse, mit denen die Kreuzfahrtpassagiere an den Ort ihrer Wahl gebracht werden, sind allesamt Reisebusse und damit für mich nicht befahrbar. Wenigstens aber kann man mir die Auskunft geben, dass der öffentliche Nahverkehr in allen Ländern, die wir besuchen werden, rollstuhlgeeignet ist und auch die Hafentransferbusse über Rampen verfügen.

Meine Frau und ich ziehen also in jedem Hafen auf eigene Faust los und im Großen und Ganzen klappt auch alles wunderbar und wir haben eine sehr schöne Zeit zusammen. Bis mein Herzblatt in Belgien unbedingt Schuhe kaufen will. In den ersten und zweiten Schuhladen begleite ich sie noch. Vor dem dritten bleibe ich stehen. Beim vierten rebelliere ich und beschließe alleine aufs Schiff zurückzukehren, während sie ein Monatsgehalt auf den Kopf haut.

Love me tender

Froh wieder an Bord zu sein, ziehe ich mich mit einem Cocktail aufs Sonnendeck zurück und komme mit einem anderen Rollstuhlfahrer ins Gespräch. Er ist ein alter Hase auf solchen Schiffen und die Ausflugssituation ist ihm nicht neu. Er rät mir allerdings zu mehr Gleichmut, denn immerhin sei ich ja vom Schiff gekommen. Ob ich schon einmal getendert hätte, fragt er. Unter dem Stichwort fällt mir eigentlich nur der alte Elvis-Song „Love me tender“ (Liebe mich zärtlich) ein und ich rücke ein bisschen von ihm weg.

Beim Tendern, so erklärt er mir, verlassen die Passagiere das Schiff nicht über die Gangway, sondern setzen in speziellen Booten über. Das ist nötig, wenn das Schiff nicht am Pier festmachen kann sondern vor der Küste ankert. Und wenn Rollstuhlfahrer nicht ein paar Schritte selbständig durch die Tenderluke machen können – dann dürfen sie nicht mit.

„Und wenn ich in einem Hafen bin, in dem das notwendig ist, was mach ich dann?“ frage ich.

Mein Gesprächspartner zuckt mit den Schultern. „Winken“, sagt er und genießt weiter die Sonne.

Ich überlege kurz, ob es sich lohnen würde mich durch die Instanzen hindurch zu beschweren, obwohl wir gar keinen Tenderhafen anlaufen, und entscheide mich schließlich dagegen. Immerhin hab ich Urlaub.

Ich bin auf Kreuzfahrt.

Die Kreuzzüge heb ich mir für zuhause auf.

 

 


Eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greift die Redaktion gerne in dieser Kolumne auf.

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