Schwarz wie die Nacht und bitter wie das Leben

Es gibt ein paar Dinge, die man sich nicht wünscht. Ein Skorpion unter dem Kopfkissen. Eine Nagelfeile im Auge. Oder ein halber Liter kochender Kaffee im Schritt. Raten Sie mal, was davon mir passiert ist.

Der Skorpion? Na, Sie sind ja lustig. Nein. Der Kaffee war‘s. Was ja wohl schlimm genug ist.

Ich weiß nicht, wie oft ich mir schon was auf den Schoß gekippt habe. Eis. Suppe. Speisen jeder Art. Das liegt jetzt nicht unbedingt an meiner eingeschränkten Handfunktion. Das passierte mir nämlich auch schon dauernd bevor ich querschnittgelähmt war. Meist gingen diese „Unfälle“ harmlos aus und ich musste nur Hemd und Hose wechseln, aber vor ein paar Jahren passierte der Super-GAU.

Morgens war ich nicht früh genug aus dem Bett gekommen und gefrühstückt hatte ich auch nicht. Auf dem Weg zur Arbeit wollte ich mir schnell einen Kaffee holen. Die unheilschwangere Betonung liegt hier auf schnell, denn wenn ich es nicht eilig gehabt hätte, wäre mir das was folgte vielleicht erspart geblieben.

Zum Kaffeehaus führt eine kleine Schwelle. Eine von der Sorte, die ich problemlos bewältigen kann. Fünf Zentimeter oder so. Wirklich gut machbar. Ich rolle rein, bestell meinen Kaffee, die Dame hinterm Tresen versieht ihn sorgfältig (oder vielleicht auch nicht ganz so sorgfältig) mit einem Deckel, reicht ihn rüber und fragt noch „Geht’s?“. Weil ich es ja eilig habe, zahle ich schnell und murmle „Klar. Geht“. Dann stell ich mir den Maxibecher zwischen die Oberschenkel. Und rolle los.

Kaffee ohne Milch und Zucker

Ich bin stolz darauf, dass ich meinen Kaffee „schwarz wie die Nacht und bitter wie das Leben“ trinke, also ohne Zucker, geschmacksverändernde Sirupe, Milch, Sojamilch, Mandelmilch, jedwede anderen Milche, ohne Milchschaum und ohne all die Schnörkel und den neumodischen Firlefanz, den es heutzutage so gibt.

Heute aber tut mir das leid, denn wenn der eine oder andere Schnörkel im Becher gelandet wäre, wäre der Kaffee, der sich mir beim Verlassen des Ladens über die Schenkel ergießt vielleicht nicht mehr kochend heiß gewesen sondern nur sehr heiß. Als ich nämlich die Minischwelle von fünf Zentimetern (oder so) runterrolle, komm ich dumm auf und der Druck meiner Oberschenkel auf den Becher verändert sich. Der Deckel poppt hoch und ein riesiger Schwall Kaffee durchtränkt meine Hose. Ich fluche. Den Schmerz spüre ich nicht, Querschnittlähmung sei Dank, aber ich weiß, dass ich mir gerade eine Verbrühung zuziehe. Und ich weiß, dass mein Körper diesen Reiz interpretieren und in eine autonome Dysreflexie umsetzen könnte. Ich schmeiße den ohnehin fast leeren Becher weg und sehe zu, dass ich zum Arzt komme.

Beim Arzt ist die Situation peinlich genug. Ich bin immerhin da, weil ich gekleckert habe. Welchen Schaden meine Haut davon getragen hat, sehe ich zunächst nicht, aber ich sehe das Gesicht des Arztes, als er die Bescherung betrachtet. Mir wird mulmig. Dann höre ich ihn „Oh!“ sagen. Und kriege Angst.

Jetzt doch mit Schnörkel

An dieser Stelle verzichte ich darauf, zu erzählen, wie lange ich im Krankenhaus war (Tage), wie lange ich nicht zur Arbeit konnte (Wochen) und wie hoch die Kosten waren, die diese Misere dem Gesundheitssystem verursachte (tausende von Euro). Aber als die ganze Sache vorbei war, war ich bereit in etwas zu investieren, das lange kein Thema gewesen war, weil ich – grundlos – fand, dass es doof aussah.

Nämlich in einen Becherhalter. Den kann man fest am Rollstuhlrahmen installieren und er kostet sage und schreibe zehn Euro.

Ich fahre jetzt also mit einem wenig stylischen aber sehr nützlichen Becherhalter durch die Gegend, in dem Kaffeebecher einen genauso sicheren Platz finden wie Wasserflaschen und manchmal auch eine Tüte Pommes. Ich tue dies in der Gewissheit, dass mir in Zukunft Verbrennungen zweiten Grades erspart bleiben werden. Und ich bekleckere mich auch viel seltener.

***

Erst neulich, als ich mal wieder die noch immer dünne und trockene Haut am linken Oberschenkel mit fett- und feuchtigkeitsspendender Lotion einreibe, sagt meine Frau: „Weißt du, Schatz. Es hätte auch schlimmer kommen können. Der Kaffee hätte dich zehn Zentimeter weiter oben erwischen können.“

Ich lächle sie an. Sie lächelt zurück und kommt näher….

Ein Glück, dass wir’s heut gar nicht eilig haben.

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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