Psychotherapie nach der Reha: Darauf kommt es an

Eine Psychotherapie kann Menschen mit Querschnittlähmung helfen, die Folgen eines traumatisierenden Unfalls zu verarbeiten. Bei entsprechender Indikation übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten.

„Wenn Querschnittgelähmte spüren, dass die Folgen ihres Unfalls sie stark belasten und sie deshalb zum Beispiel eine Depression oder eine posttraumatische Erkrankung entwickeln, sollten sie möglichst zeitnah über eine Psychotherapie nachdenken“, sagt Dr. rer. nat. Ernst Dietrich Munz, der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). „Wer sich bei seelischen Problemen frühzeitig professionell unterstützen lässt, kann seine Leidenszeit deutlich verkürzen.“

Zudem könnten Betroffene durch eine frühzeitige Behandlung verhindern, dass ein seelisches Leiden chronisch wird, dass es sich – ohne Behandlung – stark verschlimmert oder dass Erkrankungen wie eine Depression häufig und heftig zurückkehren. Therapien vermittelten die Fähigkeit, sich besser einzuschätzen und mit Belastungen besser umzugehen – Verbesserungen, die oft über lange Zeit und sehr nachhaltig wirken, betonte der BPtK-Präsident im Gespräch mit Der-Querschnitt.de.

Schnelle und nachhaltige Verbesserungen

Viele Betroffene spüren die positiven Auswirkungen einer Therapie aber bereits nach wenigen Therapiestunden: „Ihnen fällt eine Last von den Schultern, das Leben wird wieder einfacher, sie können wieder Freude empfinden und das Leben selbstbewusster nehmen. Die Lähmung bleibt, aber sie drückt die Betroffenen nicht mehr so stark nieder.“

So könne eine Therapie helfen, sich Flashbacks nicht länger hilflos ausgeliefert zu fühlen. Das Zerstörerische am Flashback ist, so der Experte, dass der Betroffene „seinen“ Unfall wieder und wieder durchlebt, als würde er gerade erst geschehen. Kein Sich-Erinnern also, sondern ein äußerst belastender psychischer Vorgang, der die Betroffenen regelrecht überfällt; als Auslöser genügt oft ein Geräusch.  „In einer professionellen Therapie“, so Dr. Munz, „wird das, was bisher als Flashback zurückkam, anders eingeordnet und als Erinnerung im Gedächtnis verankert, damit es nicht mehr zur überfallartigen Belastung wird.“ Der Patient wird gestärkt und lernt, das Erlebte anders zu verarbeiten.

Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten

Die Leistungen der privaten Krankenkassen sind nicht einheitlich geregelt – hier müssen Betroffene sich durchs Kleingedruckte arbeiten.

Wenn die Betroffenen aufgrund eines Arbeitsunfalls querschnittgelähmt sind und unter einer psychischen Erkrankung leiden, dann ist die gesetzliche Unfallversicherung für die Psychotherapie zuständig und trägt die Kosten. Die Therapie wird vom Unfallversicherungsträger oder D-Arzt eingeleitet (Nähere Informationen siehe: Medizinische Rehabilitation/Psychotherapeutenverfahren).

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen im Gegensatz zu privaten Kassen die kompletten Kosten für eine Therapie, sofern das Erkrankungsbild eine Therapie indiziert. Dies muss der Patient – unterstützt von seinem Therapeuten oder Arzt – VOR der Behandlung nachweisen und von der Kasse bewilligen lassen.

Ein Unfall, durch den man querschnittgelähmt wurde, ist per se noch kein Grund für eine Psychotherapie, zumal nicht jeder, der ein traumatisches Erlebnis hatte, eine seelische Erkrankung entwickelt: „Es gibt Leute, die das gut alleine verarbeiten. Der Mensch hat seine Regenerierungsmechanismen“, sagt Munz.

Wer jedoch spürt, dass ein traumatisches Erlebnis über längere Zeit psychische Beschwerden auslöst, der sollte sich professionell beraten lassen. Die Flashbacks von Posttraumatischen Belastungsstörungen treten manchmal erst Monate nach dem Unfall auf. Ein traumatisches Ereignis kann aber auch Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder Anpassungsstörungen auslösen.

Erste Schritte und Ansprechpartner

In der Reha:

  • Wer in der Klinik oder Reha unter psychischen Beschwerden leidet, sollte sich bereits dort untersuchen lassen und so feststellen, ob er eine Psychotherapie benötigt, die über psychologische Betreuungsgespräche hinausgeht.
  • Wer in der Reha schon eine Behandlung begonnen hat oder eine Indikation für eine Psychotherapie erhalten hat, sollte sich dies in den Entlassungsbericht schreiben lassen, um ohne weiteren bürokratischen Aufwand eine Therapie weiterführen oder beginnen zu können.

Zu Hause:

  • Erster Ansprechpartner kann der vertraute Hausarzt sein, der bei entsprechender Diagnose an einen Therapeuten überweist.
  • Betroffene können sich – auch ohne Überweisung – direkt an einen Therapeuten mit Kassenzulassung wenden. Dieser klärt, ob die seelischen Belastungen so schwerwiegend sind, dass eine Therapie angeraten ist – und ist auch bei den Anträgen an die gesetzliche Krankenkasse behilflich. Die allermeisten Anträge auf Psychotherapie werden genehmigt und damit auch von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt.
  • Zudem gibt es die Möglichkeit, bei Ambulanzen, psychiatrischen und psychosomatischen Krankenhäusern und psychosozialen Beratungsstellen nach professioneller Hilfe zu fragen.
  • Seit 2017 gibt es zudem in Deutschland die Möglichkeit zur Psychotherapeutischen Sprechstunde: Menschen mit psychischen Beschwerden können kurzfristig zur Erstberatung bei einem Therapeuten kommen – ihre Zeit ist auf maximal 150 Minuten begrenzt, die meist auf sechs Termine á 25 oder drei Termine á 50 Minuten verteilt werden.

In diesen Sprechstunden klären sie mit dem Therapeuten, ob bei ihnen Selbsthilfe- oder Beratungsangebote ausreichen, ob sie psychisch erkrankt sind und welche Behandlung sie benötigen oder ob weitere diagnostische Abklärungen erforderlich sind (Nähere Informationen auch zur Akutbehandlung: „Neue psychotherapeutische Sprechstunde: Schnell erfahren, was los ist“). „Mit der psychotherapeutischen Sprechstunde lassen sich die bisherigen monatelangen Wartezeiten auf ein erstes Gespräch beim Psychotherapeuten erheblich verringern“, stellt Munz fest.

So hilfreich die Erstsprechstunde ist, wenn es darum geht, für sich selbst Klarheit zu schaffen und seinen eventuellen Anspruch auf eine Therapie zu klären – ein Garant für eine rasche Anschlusstherapie ist sie nicht. Denn niemand kann gewährleisten, dass der entsprechende Therapeut in den nächsten Wochen oder Monaten einen freien Therapieplatz hat.

Wie finde ich einen Therapeuten?

In Deutschland gibt es zu wenige Therapeuten. Zwischen erstem Anruf und erster regulärer Therapiestunde liegen nach einer Studie der BPtK 20 Monate. Dennoch – oder gerade deshalb – sollten sich Betroffene ohne Zögern auf die Suche machen, sobald die Indikation steht.

  •  Therapeuten – sei es für die Erstsprechstunde, sei es für eine von der Kasse bewilligte Therapie – finden Betroffene über die Suchmaschine „Arztsuche in Deutschland“ der Kassenärztlichen Vereinigung. Bei dieser interaktiven Karte sind aktuelle Daten über Anschriften und Qualifikationen aller in Deutschland niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten hinterlegt.
  • Wer möglichst schnell einen Termin vereinbaren will, kann sich auch an eine Terminservicestelle wenden, die Patienten mit Überweisung recht kurzfristig einen Termin bei einem Psychotherapeuten mit Kassenzulassung vermitteln können. Das Bundesgesundheitsministerium hat eine interaktive Karte mit den Kontaktnummern aller Terminservicestellen erstellt.

Weitere Informationen über „Wege zur Psychotherapie“ finden sich in einer gleichnamigen Broschüre der BPtK.

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