Leben mit Querschnittlähmung: „Jahre nach dem Unfall hat mir eine Psychotherapie geholfen“

In den ersten Monaten und Jahren war Felix Esser der festen Überzeugung, dass er den Aquaplaning-Unfall und seine Folgen allein verarbeiten könne. Heute weiß er, dass er sich überforderte.

Zu Beginn war meine Erinnerung, meine Geschichte die coolste und interessanteste Story, die ich zu erzählen hatte. Ich konnte mich als toughen Typen geben, dem das alles nichts ausmacht. Das war leicht, weil ich ja wirklich so dachte. Heute werte ich die Geschichte anders; bin mir ihrer aber voll bewusst. Da wird nichts mehr geschönt, das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Aber auch mitunter die lehrreichste und für meine Sicht auf viele Dinge sehr wertvolle Zeit. Familie, Freundschaft, Mentefakte – also Werte und Ideen…das alles hat sich verändert und ist gewachsen in dieser Zeit.“

Seit einigen Monaten nimmt Felix die professionelle Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch: „Dazu kann ich jedem nur raten! Die psychische Seite ist ganz wichtig; was am Ende bei jedem Menschen entscheidet, ist schlicht das, was im Kopf vor sich geht.“

„Mehr als 1,50 gebückte Meter auf Rollen“

Positive Effekte kann der 30-Jährige bereits jetzt an sich beobachten: „Ich fühle mich besser, gewappneter für die Welt da draußen. Mein Selbstvertrauen wird größer, ich definiere mich nicht mehr so sehr über 1,50 m gebückte Haltung auf vier Rollen. Ich werde ich selbst, der einzige, der letzten Endes bestimmt, was passiert und auch der einzige, der weiß, was für ihn am besten ist. Darin liegt aber auch meine Verantwortung.“

Per Definition ist der 30-Jährige kompletter Tetraplegiker: „In der ersten Zeit konnte ich mich überhaupt nicht bewegen. Ich musste die Situation einfach annehmen, denn zum ersten Mal gab es für mich keine Möglichkeit, irgendwie auszuweichen. Anders als im Studium und meinem bisherigen Leben gab es keine Chance zu fliehen. Es war eine sauschwere Zeit.“

Auf die er zunächst mit Härte gegen sich reagiert: „Ich habe einfach nur funktioniert“, erinnert sich Felix. „Das ist keine Stärke, auf die ich stolz bin. Meine Psyche hat eben einfach auf ´Funktionieren` umgeschaltet“.

Auch Felixs Eltern funktionierten. Schon drei Tag nach dem Unfall, drei Tage, nachdem klar war, dass ihr damals 25-jähriger Sohn von nun an C5-Tetraplegiker ist, machte sich der Vater auf die Suche nach einer Wohnung für Felix. Sie helfen ihm, wo es nur geht – „wohl auch, weil es einem selbst hilft, anderen zu helfen“.

Mit einem Lächeln gegen Unsicherheiten

Sobald er den „geschützten Kokon des Rückenmarkzentrums verlassen“ hatte, gestaltete sich das Leben für Felix Esser zusehends herausfordernder. Eineinhalb Jahre nach dem Unfall nimmt er sein Studium wieder auf. „Ich hatte Angst davor, dass die anderen an der Uni mich schief ansehen. Deshalb habe ich meinen Rollstuhl als Schutzschild genommen, und mir immer wieder eingeredet, dass die anderen gar nicht mich sehen, sondern nur einen Mann im Rollstuhl.“

Felix kann verstehen, dass Menschen, die er nun kennenlernt, mitunter sehr unsicher mit ihm interagieren: „Der Mensch hat immer Angst vor dem, war er nicht kennt – und so viele Tetraplegiker gibt es nun mal nicht. Wer bin ich denn, dass ich verlangen könnte, dass sich jeder mit mir auskennt?“ Auch seine Freunde reagierten nicht gewohnt unbefangen: Wie sollten sie auf jemanden zugehen, den sie vor ein paar Monaten noch als zwei Meter großen Hünen kannten und der nun nahezu bewegungslos im Rollstuhl vor ihnen saß?

Die Angst der anderen versuchte und versucht Felix mit einem Lächeln weg zu kompensieren: „Klappt immer. Schon im Krankenhaus habe ich mir immer den Mann mit dem grimmigsten Blick ausgesucht, ihn angelächelt und dann um Hilfe gebeten.“

Er konzentriert sich auf seinen Körper, arbeitet hart an sich und erobert Stück für Stück einige Körperareale zurück: „Es war nicht absehbar, dass ich irgendwann wieder so viele Dinge würde tun können. 2015 habe ich angefangen, stundenweise zu arbeiten. Wenn ich heute einen der Kollegen von damals treffe und sie begeistert sind, was ich inzwischen wieder ohne Hilfe oder Adaptionsmittel kann, merke ich, wie viele Fortschritte ich gemacht habe.“

Zu viele schlimme Abende mit zu vielen Tränen

Felix gelingt es scheinbar gut, zu funktionieren in diesem Leben außerhalb des Kokons Krankenhaus. Die ersten Monate und Jahre im Rollstuhl verbringt er in der Überzeugung, den traumatisierenden Unfall und seine und psychischen Folgen alleine bewältigt zu haben.

Heute weiß er, dass er dabei zu hart mit sich umgegangen ist; er kann nicht mehr ignorieren, dass bei dem Unfall auch seine psychische Gesundheit gelitten hat: „Irgendwann habe ich selber gesehen, dass es so nicht weitergehen kann. Die schlimmen Abende, wo ich unter Tränen am Tisch saß, häuften sich. Und ich verstand einfach nicht, warum. Warum ich? Wo ist mein Weg? Ich sah nicht, dass ich längst darauf unterwegs war.“

Inzwischen lässt er sich regelmäßig von einem Therapeuten unterstützen und reflektiert aktiv seine Situation: „Ich akzeptiere jetzt, dass es so ist, wie es ist. Aber das ist ein Lernprozess, der geht über viele Jahre. Ich bin noch längst nicht am Ende. Meinen Therapeuten habe ich jetzt länger an der Backe. Holen Sie mal 30 Jahre auf! Ihr Wesen beginnt nämlich nicht mit dem Unfall. Sie waren ja vorher schon da. Sie müssen lernen, mit sich selbst umzugehen. Und sie sind immer noch derselbe, wie vor dem Unfall.“

Felix Esser veröffentlicht einen eigenen „Tetra-Blog“: Der Tetraplegiker. Dort schreibt über sein Leben als Tetraplegiker sowie über seine Emotionen und seine psychische Situation.


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