Meine Querschnittlähmung und ich: Die Dame oder der Tiger

Manchmal nerven sie: die bewundernden Blicke und anerkennenden Worte, die meine Frau erntet, weil sie mit mir zusammen ist. Das Schwierigste dabei ist allerdings, hinterher das Trümmerfeld aufzuräumen, das meine Frau verursacht, wenn ihr der Kragen platzt.

Es gibt eine berühmte Geschichte von Francis Richard Stockton, die „Die Dame oder der Tiger“ heißt. In ihr wird ein verurteilter Verbrecher vor zwei geschlossene Tore gestellt, von denen er eines öffnen soll. Hinter einem Tor wartet eine hübsche, sanfte, wohlerzogene junge Dame, die der Verurteilte heiraten darf; hinter dem anderen wartet ein Tiger. Wählt er das Tor mit dem Mädchen, kommt das einer Begnadigung gleich, denn er darf mit ihr in ein schönes Haus ziehen und hat für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Öffnet er aber das Tor mit dem Tiger, ist das ein Todesurteil, das den Vollstrecker gleich mitliefert, weil der Tiger hungrig ist. Wer hinter welchem Tor wartet, weiß der Verurteilte natürlich nicht. Es soll ja `ne Überraschung sein.

Ähnlich verhält es sich mit meiner Frau. Sie ist ein zartes, sanftes Wesen, und wenn man sie lange ärgert, versucht sie auf lobenswerte Art und Weise ruhig zu bleiben. Manchmal gelingt ihr das auch. Aber manchmal wird sie zur reißenden Bestie. Zu ihrer Verteidigung: Sie kündigt solche Aussetzer an. Ich habe gelernt die Zeichen zu deuten, aber andere Menschen sind oft Rehkitze im Scheinwerferlicht.

Mitleid. Bewunderung.

Neulich zum Beispiel: Ich muss zu einer Routineuntersuchung in die Uniklinik und meine Frau begleitet mich. Wir haben einen Termin um acht. Um zehn Uhr sind wir immer noch nicht dran, und meine Frau ist schon leicht ungehalten, als wir von einer älteren Dame im Wartebereich angesprochen werden. „Also, ich würde Sie ja vorlassen, wenn ich dran komme, aber um zwölf hab ich leider schon den nächsten Termin.“

Vorlassen? Ja, genau. Die Dame ist nach uns hier angekommen.

„Ja. … danke“, sagt meine Frau.

„Das dauert ja wieder ewig hier!“

„Schon“, murmelt meine Frau, weil uns das von alleine ja nicht aufgefallen wäre.

„Und Sie sind seine Betreuerin?“

Mir gefällt es nicht, wenn man von mir in meiner Anwesenheit in der dritten Person spricht, aber meiner Frau gefällt das noch weniger und ich sehe wie ihre Züge sich verhärten. „Wir sind verheiratet“, sagt sie.

„Oh, das muss schwer sein!“

„Es kommt auf die äußeren Umstände an“, sagt meine Frau. Bei dieser Bemerkung sehe ich bereits eine schwarze Schwanzspitze im hohen Gras zucken; die Dame aber lässt sich nicht beirren.

„Ich hab meinen Mann auch gepflegt, als er sich das Bein gebrochen hat. Drei Monate hat das gedauert.“

„Ich pflege meinen Mann nicht“, sagt meine Frau leise. Oje, oje. Ihre Pupillen werden zu vertikalen Schlitzen, ihre Eckzähne verlängern sich. Wenn nicht gleich eine Gazelle vorbeihoppelt, die sie ablenkt, sind wir alle verloren.

„Ach? Ja, aber trotzdem. Trotzdem find ich es ganz, ganz toll von Ihnen, dass Sie bei ihm geblieben sind. Das erlebt man heutzutage nicht oft. Bis dass der Tod uns scheidet, heißt es ja, aber die Jugend heute nimmt das ja nicht mehr so genau wie wir damals. “

Ein Glück, dass wir in einem Krankenhaus sind, denke ich. Es wird nicht schwer sein die Dame in die Notaufnahme zu bringen, wenn meine Frau mit ihr fertig ist.

Meine Frau lehnt sich nach vorne. Ihre Krallen sind ausgefahren. „Wir haben uns erst nach dem Unfall kennengelernt.“

Blut und Eingeweide

Ich kann es meiner Frau nicht übel nehmen, dass sie wütend wird. Wir hatten dieses Gespräch in ähnlicher Form schon mehrmals. Trotzdem versuche ich die Situation zu entschärfen. „Guck mal, Herzblatt, da hinten können wir uns einen Kaffee holen“, sage ich, aber es fruchtet nichts.

Die Dame, die in ihrer Arglosigkeit im Dschungel Malaysias keine Sekunde überleben würde, beugt sich ebenfalls nach vorne und tätschelt in einer Geste der Vertrautheit die Hand meiner Frau. „Aber so eine hübsches junges Ding wie Sie…“

Brüllend stürzt meine Frau sich auf die Dame und reißt ihr mit tödlicher Präzision die Eingeweide heraus.

Nein, tut sie nicht.

Sie sagt: „Mein Mann, ist der beste Mann der Welt und genauso wie er ist, habe ich ihn mir ausgesucht. Er ist gutaussehend, freundlich, humorvoll, ehrlich. Er behandelt mich mit Respekt! Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, erwartet er nicht, dass ich noch nebenher den Haushalt mache, für ihn koche und sein Sexhäschen bin, was mehr ist als manche andere behaupten können! Mit ihm verheiratet zu sein, ist nichts wofür Sie mich bewundern oder bemitleiden sollten. Sie sollten mich beneiden!“

Sie holt kurz Luft.

„Und ich habe es satt, dass Leute wie Sie, die weder meinen Mann, noch mich, noch unsere Lebensumstände kennen, sich anmaßen darüber zu urteilen, wer von uns beiden nun Glück hat und wer nicht! Ist da noch irgendetwas unklar?“

Stille.

„Du hast vergessen zu sagen, dass ich auch eine Granate im Bett bin“, sag ich, immer hilfsbereit.

Sie schnaubt. „Das versteht sich ja wohl von selbst.“

Wir sehen die Dame an, die jetzt ganz rot im Gesicht ist. Ihre Augen huschen von meiner Frau zu mir und dann zu dem bebenden Assistenzarzt, der hinter uns steht. Als wir uns zu ihm umdrehen, sagt er: „Estutmirleiddasssiewartenmussten!“

Ich lächle ihn an. „Keine Sorge. Sie hat bereits gefressen.“

Meine Frau wirft mir einen vernichtenden Blick zu und marschiert in Richtung Kaffeeautomaten davon.

Jetzt lasse ich den Arzt warten, während ich stolz der Frau hinterher sehe, die ich liebe, die für mich kämpft bis aufs Blut. Und bei der man nie genau wissen kann, wer durch das offene Tor kommt.

 


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