Leben mit Querschnittlähmung: „Ich lasse mir gerne helfen!“

Ingo Jäger will möglichst mobil und unabhängig bleiben. Das schafft er, weil er ohne Scheu wildfremde Menschen um Hilfe bittet. Eine Methode, mit der er bisher sehr gut gefahren ist.

Seit einem Sturz ist Ingo Jäger querschnittgelähmt. „Ich bin finanziell nicht extrem gut aufgestellt“, sagt er. „Aber ich habe gelernt, mich zu arrangieren.“

Als Beispiel nennt er sein Auto, das er nur minimalistisch hat umbauen lassen: „Ich kann damit fahren und bremsen. Alles andere ist serienmäßig geblieben.“ Denn statt in teure Kfz-Hardware zu investieren, geht Jäger einen anderen Weg: Er baut auf die Macht der Zwischenmenschlichkeit.

Offen für spontane Begegnungen: Ingo Jäger lässt sich gerne von anderen Menschen helfen.

Damit die innerfamiliäre Zwischenmenschlichkeit nicht allzu sehr strapaziert wird, lässt er sich möglichst bereits am Abend vor einer Autofahrt den Zweitrolli in den Kofferraum legen. „Am nächsten Morgen kann ich, wann immer ich will, mit meinem Hausrolli zum Auto fahren, mich auf den Fahrersitz setzen und losdüsen. Den Hausrolli lasse ich in der Einfahrt stehen.“ Vorteil für Jäger: Er ist zeitlich völlig unabhängig – und auch für seine Familie bedeutet dieses Arrangement ein Stück Freiheit, denn sie muss nicht exakt zu dem Moment, an dem Jäger losfahren muss, parat stehen.

Nun hat Jäger nicht an jedem seiner Ziele einen Dritt-, Viert- oder Fünftrollstuhl in petto. „Ich spreche einfach irgendwelche Menschen an – außer sie haben gerade ihre Arme in Gips – und bitte sie, mir den Rollstuhl aus dem Kofferraum zu holen. Die meisten machen das gerne. Und wenn wirklich mal jemand ´leider keine Zeit´ hat, warte ich eben auf den nächsten. Lange bin ich nie unfreiwillig in meinem Auto gesessen.“

Ingo Jäger war einer der Leser, die sich auf einen Aufruf auf Der-Querschnitt.de gemeldet hatten, in dem die Redaktion User um Tipps aus dem Alltag für den Alltag bat. Weil er mit seiner einfachen Methode bisher so gut zurechtgekommen ist, will er auch andere Querschnittgelähmte dazu ermutigen, aktiv um Hilfe zu bitten: „Die meisten Rollis, die ich kenne, wollen alles alleine machen. Aber warum? Man muss doch nicht alles können!“

Zudem glaubt er, dass viele sich schlichtweg nicht trauen, andere Leute anzusprechen. Dabei, davon ist Jäger überzeugt, verpassen sie einiges. Nicht nur die angenehme Gefühl, wenn einem jemand bereitwilligt hilft – sondern auch das ein oder andere angenehme Schwätzchen mit einem netten Menschen. Einfach so. Zwischen Kofferraum und Fahrertür.


Die Artikel, die in der Reihe „Ihre Erfahrungen helfen anderen“ veröffentlicht werden, schildern ganz persönliche Strategien, Tipps und Erfahrungen unserer Leser. Sie stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und spiegeln nicht die Meinung der Redaktion wider.