Leben mit Querschnittlähmung: „In jeder Hinsicht ein neuer Lebensabschnitt“

„Schon damals habe ich mir gedacht: Jetzt fängt für dich ein neuer Lebensabschnitt an!“ Tatsächlich findet Ingo Jäger durch seine Querschnittlähmung sogar sein großes Glück.

Eine kleine, unbedachte Bewegung nur, ein paar Millisekunden Unaufmerksamkeit – und das Leben von Ingo Jäger verändert sich unwiderruflich. Er stürzt rücklings aus einem Fenster im dritten Stock.

Für Ingo Jäger begann mit der Querschnittlähmung ein in jeder Hinsicht neuer Lebensabschnitt.

Als er nach sechs Monaten die Klinik verlassen darf, bringen ihn die Sanitäter nicht nach Hause. Sondern in eine fremde, nahezu leere Wohnung, in der nur ein Krankenbett steht. Drei Umzugskartons, ein alter Schrank – mehr besitzt Ingo Jäger in diesem Moment nicht mehr. Auch seine Ehe, in der es schon vor seinem Sturz kriselte, ist endgültig gescheitert. Und es kursieren böse Gerüchte um die Begleitumstände seines Unfalles. All das belastet den 44-Jährigen enorm.
Wieder in den Job einzusteigen, in dem er 28 Jahre gearbeitet hatte, ist bis heute für ihn undenkbar: „Mit einer Läsion zwischen drittem und vierten Brustwirbel und einem extremen Schmerzproblem hätte mich das zu viel Kraft gekostet“.

Immerhin: Eine Abfindung und seine Rente sicherten ihn finanziell ab und schufen die Basis für einen Neuanfang: „Ich habe mir damals gesagt: Jetzt sind eben andere Dinge möglich als vorher. Außerdem will ich fast alles machen, worauf ich Lust habe; oder ich probiere es zumindest aus!“

Manchmal klappt das, manchmal klappt das nicht. Monoskifahren zum Beispiel wird Jäger als einmaliges Erlebnis in Erinnerung behalten – das braucht er kein zweites Mal, zu oft ist er dabei in den Schnee gepurzelt. Anders die Tour auf dem Quad – ebenfalls ein einmaliges Erlebnis, aber eher aus der Rubrik ´toll!´: „Ich bin auf den Sitz gekrochen und dann war es einfach nur eine Riesengaudi. Denn auf dem Quad gibt man ja mit der Hand Gas, schaltet mit der Hand und bremst mit der Hand. Alles für mich kein Problem“.

Jäger stuft sich selbst als „ein Drittel einsatzfähig“ ein – die Power für den Rest muss er sich irgendwo holen. Bevorzugt bei seiner Familie. Denn mit und durch seine Lähmung begann für den 44-Jährigen tatsächlich ein völlig neuer Lebensabschnitt. In der Rehabilitation hatte er zwar gelernt, selbstständig zu Hause zurechtzukommen, doch völlig auf sich allein gestellt wollte er nicht bleiben. Er hörte sich in seinem Bekanntenkreis um, ob nicht jemand jemanden kenne, der jemanden kennt, der ihm als Pfleger oder Pflegerin behilflich sein könnte.

Tatsächlich kannte jemand jemanden. Eine junge Frau aus Polen erklärte sich bereit, Ingo Jäger zunächst für ein paar Monate zu unterstützen. Sie ist länger geblieben als nur ein paar Monate, seit elf Jahren sind die beiden glücklich verheiratet. Ingo Jäger wurde durch sie sogar Vater: Seine Frau hatte aus einer früheren Beziehung ein kleines Mädchen, das nun bei ihm aufwächst. In einer Wohnung, die seit langem nicht mehr leise und leer ist.


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