Leben mit Querschnittlähmung: „Das Darmmanagement kann ein großes Problem sein.“

Felix Esser war 25 als er sich vor fünf Jahren eine traumatische Querschnittlähmung zuzog. Abgesehen von der stark eingeschränkten Mobilität, stellte die Darmfunktionsstörung für ihn ein großes Problem dar.

„Gleich nach dem Unfall wurde in der Klinik ein Darmmanagement aufgebaut. Man sagte mir, meine Verdauung sei beeinträchtigt; sie wäre viel langsamer. Ich war inkontinent, nahm das alles aber gar nicht so wahr, es geschah ja ‚hinter meinem Rücken‘ und ich hatte da echt andere Sorgen“, beschreibt Felix Esser die Veränderungen, die die traumatische Querschnittlähmung hinsichtlich seiner Verdauung mit sich brachte. Und in der Anfangsphase schien es auch keine Probleme zu geben. „Eigenständig abführen konnte ich bei einer Lähmungshöhe natürlich nie. Das hat immer die Pflege gemacht. Anfangs räumten wir täglich digital aus und fertig war die Sache. Mit der Zeit wurde alles immer träger.“

„Bei mir als C6-Tetraplegiker macht ein Zwei-Tages-Rhythmus beim Ausscheiden Sinn, und daran arbeite ich. Von der digitalen Stimulation bin ich abgekommen. Stattdessen nehme ich heute alle zwei Tage Co2-Stuhlzäpfchen. Das ist angenehmer, sicherer und entstresst meinen Morgen. Ich frühstücke im Bett während die Zäpfchen den Stuhlgang auslösen sollen.“

Wenn es denn hinhaut mit dem Abführen. Chronische Verstopfung ist es, die Esser Abführstrategie seit Jahren immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. „Ich muss verstärkt darauf achten was ich esse, wie viel ich trinke und wieviel ich mich bewege.“

Körperliche und psychische Belastung: „Manchmal fliehe ich aus Meetings.“

Die Problemen, mit denen sich Esser hinsichtlich des Darmmanagements auseinandersetzten muss sind sowohl physischer als auch psychischer Natur und stellen eine dauerhafte Belastung im Berufs- und Privatleben dar.

„Ich habe chronische Verstopfung, die öfter im Monat auftritt. Das macht mich unsicher, weil ich nie weiß, ob ich gerade alles richtig mache. Ich bekomme dann Bauchschmerzen und ein Völlegefühl soweit ich das sagen kann. Dann kommt starke Spastik und ich werde sehr schwach. Mein Puls geht dann immer bergab. Ich beschreibe mein Gefühl anderen dann wie als wenn sie Durchfall haben: dieses fertige, ermattete Gefühl das jeder danach kennt. Das habe ich dann den halben Tag.”

Hinzu kommt die Unsicherheit ob es am Tag des Abführens auch wirklich zu Ausscheidungen kommt, ob die investierte Zeit vergebens ist – und ob im Laufe des Tages ungeplante Ausscheidungen auftreten. „Ich bin dann oft unsicher. Das Abführzäpfchen hinterlassen Rückstände im Darm, die unter Tage nachrutschen können. Jeder Transfer mit dem Rutsch-Brett wird somit zum Drahtseilakt. Blähungen sind auch problematisch, vor allem im beruflichen Alltag. Manchmal ‚fliehe‘ ich dann spontan aus Meetings. Das Darmthema verhindert übrigens aktuell seit zwei Wochen, dass ich in die Arbeit gehe. Entweder ich bin zu schwach, oder nervös.”

„Das Darmmanagement ist eine der größten Aufgaben in der Bewältigung des neuen Lebens, das wir führen.“

Seit wenigen Wochen nimmt Esser das Beratungsangebot des Zentrums für Ernährung und Verdauung Querschnittgelähmter wahr und freut sich über die Hilfe und die Informationen, die er hier erhält. „Über die Ernährung lässt sich das Darmmanagement schon ein gutes Stück beeinflussen“, weiß Esser heute. „Ich esse mehr Ballaststoffe und habe vor allem die Trinkmenge angepasst. Ich trinke drei bis vier Liter Wasser am Tag, alleine schon zwei Gläser zusammen mit den Flohsamenschalen, die ich nehme. Sie regen die Darmtätigkeit an – aber nur wenn man auch wirklich einen halben Liter hinterher trinkt. Sonst bekommt man gleich noch mehr Verstopfung.“

In vielen Fällen hilft diese Intervention über die Ernährung schon Verstopfungen zu beheben, doch in Esser Fall müssen nach wie vor Abführmittel zum Einsatz kommen. Aber damit wird er nicht alleine gelassen, sondern vom Team des Beratungszentrums begleitet. „Wir besprechen in regelmäßigen Abständen die Dosierung von Abführmitteln und dergleichen. Das gibt mir schon mehr Sicherheit, alleine würde ich mich nicht trauen mit solchen Mitteln zu hantieren.“

Tipps und Tricks für eine bessere Verdauung

Die Ergebnisse begeistern. „Seit einer Woche funktioniert mein Darmmanagement besser. Ein halber Beutel des Abführmittels Movicol morgens und abends zusammen mit einem Teelöffel Flohsamen weichen den Stuhl auf und machen ihn ‚formbar‘. Am Abend vor dem Abführen nehme ich jetzt sogar einen ganzen Beutel Movicol. Beides lässt den Stuhl aufquellen, was zu einer Verbesserung der Peristaltik führt.“

Mit Darmperistaltik ist ein Zusammenziehen und Entspannen der Darmmuskulatur in einer Art Wellenbewegung gemeint. Sie sorgt dafür, dass der Nahrungsbrei durch den Verdauungstrakt befördert wird. Bei einer Querschnittlähmung ist die Peristaltik oft eingeschränkt, was zu einem längeren Verweilen des Stuhls im Dickdarm führt. Vor allem eine ballaststoffreiche Ernährung kann für ein größeres Stuhlvolumen sorgen, denn Ballaststoffe quellen in Verbindung mit Wasser im Darm auf und drücken gegen die Darmwand, was die Peristaltik anregt.

In Esser Ernährungsplan wurden diese Komponenten natürlich integriert: „ Die Leinsamen in meinem Müsli mit Haferflocken, Haselnüssen, Trockenpflaumen, Kleie, Naturjoghurt, Apfel und anderen Sachen machen den Stuhl ‚rutschiger‘. Ich trinke mehr Wasser, oft mit etwas Apfel- oder Zitronensaft, damit das nicht langweilig wird. Und so habe ich gerade keine Probleme mehr.“

Auf die Frage, was er anderen Querschnittgelähmten mit Darmproblemen raten würde, antwortet Esser: „Stellt euch aktiv diesem Problem und sucht euch Hilfe, das erspart euch eine schwere Zeit. Entweder beim Rückenmarkszentrum eures Vertrauens oder gleich beim Beratungszentrum der Manfred Sauer Stiftung. Wir sollten uns die Zeit dafür nehmen, denn die haben wir!“ Er fügt hinzu: „Das Darmmanagement ist eine der größten Aufgaben in der Bewältigung des neuen Lebens, das wir führen. Und es ist keine Schande, deswegen auch mal auszufallen. Es ist menschlich.”

 

 


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Fragen & Kommentare

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  1. Felix Esser 25.08.2018, 14:46 Uhr

    Vorsicht übrigens mit THC/CBD-haltigen Medikamenten wie Sativex® oder Dronabinol®.
    Die entspannen die Muskulatur so immens, dass wirklich kaum mehr Peristaltik, sprich Darmbewegung mehr vorkommt.