Als Rollstuhlfahrer im Dating-Dschungel

Bevor ich meine jetzige Frau kennenlernte, mich in sie verliebte und sie heiratete, ehe sie es sich anders überlegen konnte, war ich lange Zeit Single. Und als solcher ständig auf der Jagd. Meine Waffen waren mein spitzbübischer Charme und mein männlich-markantes Kinn. Früher hatte ich auch mal einen knackigen Hintern, aber die Querschnittlähmung hat damit Schluss gemacht.

Dating war anders, bevor ich im Rollstuhl saß, und ich muss sagen, es war eine ganz schöne Umstellung. Während ich früher nur meine Muskeln spielen lassen und mir dann die Frauen mit einem Stock vom Hals halten musste, war ich nach dem Unfall dazu gezwungen, meine Strategie grundlegend zu ändern und Qualitäten auszubilden, die ich zwar hatte, deren Einsatz allerdings nie so richtig notwendig gewesen war.

Sehen wir es ein: Wenn man als Mann nur einen fitten Körper und ein schickes Auto zu bieten hat (ich hatte nach dem Unfall beides nicht mehr), zieht man auf lange Sicht die Arschkarte, denn der schöne Schein ist vergänglich. Zum Glück bin ich aber nicht nur ein schlaues und einfühlsames, sondern auch ein – wie man mir oft versicherte – silberzüngiges Bürschchen. Wenn die Mädels also nicht mehr meiner Optik wegen in meine Arme sanken, konnte ich sie immer noch so lange bequatschen bis sie es taten.

Silberzunge vs. Alabasterkörper

Zu der Erkenntnis kam ich allerdings erst nach fast zwei Jahren voller Selbstzweifel, Selbstmitleid und der festen Überzeugung, dass „mich sowieso nie wieder eine Frau haben wollen würde“. Erst als ich Frieden mit meinem neuen Körper und der Situation geschlossen hatte, konnte ich aus den Trümmern meines Egos wieder genug Selbstbewusstsein zusammenkratzen, um ein Mädchen anzusprechen. Ich war wahnsinnig nervös und hätte ich schwitzen können, hätt ich vermutlich getrieft. Sie ließ mich abblitzen, aber der Bann war gebrochen und ich übte bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Außerdem änderte ich meinen Anmachspruch von „Hey, im Mondlicht schimmernde Pfirsichblüte, was geht?“ zu „Ich finde dich superhübsch. Und dein Inneres ist bestimmt genauso attraktiv wie dein Äußeres. Magst du mir was über dich erzählen?“.

Je nachdem wieviel ich getankt hatte, konnte das dann weitergehen mit: „Bei mir zuhause? Ich höre zu, bis du deinen BH ausziehst….“ Hey, ich bin querschnittgelähmt. Kein Heiliger.

Neue Götter und ewig Jagdgründe

Auch meine Jagdgründe veränderten sich zwangsläufig. Während ich vor dem Unfall viel auf Partys, in Clubs und in Bars unterwegs war, musste ich danach feststellen, dass viele meiner bevorzugten Locations nicht barrierefrei waren. Clubs und Bars gibt es zwar auch in „rollstuhlgerecht“, aber längst nicht so viele. Ich wendete mich also an den Liebesgott, dem die Menschen seit der Jahrtausendwende huldigen: dem Online-Dating.

Da gibt es ja Plattformen, die sich speziell an Menschen mit Behinderung richten, wie Handicap-love, Behinderte-dating und Gleichklang, aber eben auch die gängigen, wie Parship, Elitepartner, eDarling und Lovescout24, etc. Umsonst ist das natürlich nicht. Wenn man die Mails, die andere einem schicken, wirklich lesen können will, muss man bezahlen. Und das lohnt sich nicht immer. Aber manchmal halt schon.

Am Anfang verwendete ich auf den Mainstreamportalen nur eine Portraitaufnahme von mir und das eingangs erwähnte Superhelden-Kinn wirkte. Viele Frauen schreiben mir und fast alle, die ich anschrieb, antworteten. Wenn ich dann nach einem netten Hin und Her mehr oder weniger langer Mails erwähnte, dass ich querschnittgelähmt bin, waren die meisten dann aber ganz schnell weg.

Wenn ich überhaupt nochmal was von den Damen hörte, dann zum Beispiel:

  • „Oh, das tut mir aber leid.“
    Meist war da schon der Ofen aus, denn ich möchte keine Partnerin, die mich bemitleidet.
  • „Oh, ich hab mit mir selbst schon so viel zu tun, da kann ich mich nicht auch noch um dich kümmern.“
    Hätte es Sinn gemacht zu erklären, dass ich mich ganz gut um mich selbst kümmern kann? Versucht hab ich’s. Gebracht hat es nichts.
  • „Oh, ich fürchte, dann wird das leider nichts mit uns, weil ich einen Partner suche, der meine Hobbys mit mir teilt.“
    Echt jetzt? Wenn dein Hobby nicht Stepptanzen ist, bin ich dabei! Hat auch nichts gebracht. Und KEINE wollte Stepptanzen.
  • „Oh, du bist im Rollstuhl? Meine Freundin XY auch. Ich kann euch ja mal bekannt machen!“
    Ich will aber mit dir bekannt werden. Nein? Na gut dann.

Und einmal:

  • „Ich find dich ja ganz nett, aber ich will keinen behinderten Freund.“
    Dazu fiel mir überhaupt nichts ein. Wenigstens war sie ehrlich….

Nachdem mein Ego diese Tiefschläge hatte hinnehmen müssen, ergänzte ich mein Portraitbild durch eines, auf dem mein Rollstuhl gut zu sehen war, und fügte in die Infos über mich ein, dass ich querschnittgelähmt aber wohlerzogen und durchaus salonfähig bin. Die Zahl der Frauen, die auf meine Mail antwortete, fiel um über 70 Prozent. Aber der Rest war aufrichtig interessiert.

Bezeichnenderweise bestätigte sich das Klischee, dass Leute aus medizinischen Berufen oft was mit Patienten anfangen, denn ich hatte viel Kontakt mit Krankenschwestern, Physiotherapeutinnen und Ärztinnen. Aber ich weiß gar nicht, ob da so wirklich der Samaritereffekt am Werk ist… Vielleicht ist es ja auch einfach so, dass Vertreter dieser Berufsgruppen wissen, was sie von mir erwarten können und dass sie keine Angst vor mir zu haben brauchen. Und es ergaben sich auch zwei, drei Beziehungen. Fernbeziehungen, leider. Die meisten scheiterten an der Distanz und ich fing wieder von vorne an.

Das alles fand ein jähes Ende, als ich meine jetzige Frau kennenlernte. Nicht online, sondern ganz klassisch über Freunde. Gott sei Dank gibt es diesen Weg ja auch noch.

Gezähmt und gesattelt

Als Fazit kann ich folgendes sagen: Meine Dating-Jahre waren spannend und interessant, ich habe viele umwerfende Frauen kennen gelernt (und auch ein paar Nieten) und manchmal vermisse ich es der ungesattelte Hengst zu sein, der ich war, frei und wild über die Prärie galoppierend rollend.

An dieser Stelle lacht meine Frau, die mir beim Tippen über die Schulter guckt, ganz laut. Sie sagt zwar, dass sie gerade an was Lustiges denken musste, aber ich vermute, sie lügt. Fast möchte ich mir jetzt das Aber, das diesem Satz folgen sollte, verkneifen. Trotzdem kommt es jetzt:

Aber ich bin sehr glücklich damit, die „Eine“, die „Diejenige Welche“, gefunden zu haben, die ich all die Jahre gesucht habe.

Allen verbleibenden Singles da draußen im Dating-Dschungel wünsche ich „Viel Spaß“ und „Bon Chance“.

 

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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