Leben mit Querschnittlähmung: „Mit Pferd und Kutsche zurück ins Leben“

„Der Umgang mit Pferden und besonders das Kutschenfahren haben mir geholfen, ins Leben zurückzukommen.“ Heute ist Uwe Dambach dem Fahrsport „völlig verfallen: Er motiviert mich und erfüllt mich mit Stolz“.

Auch vier Jahre nach seinem Querschnitt fühlte Dambach sich noch immer „frisch verletzt“. Der damals 31-Jährige suchte nach Therapie-Möglichkeiten und wagte sich mit gemischten Gefühlen an eine Hippotherapie: „Es war Winter, es war kalt, die Pferde waren unruhig, das alles war eine sehr wacklige Angelegenheit für mich. Außerdem hatte ich Respekt“, erinnert sich der heute 58-Jährige. „Das war ja noch in den ersten Jahren des Umbruchs. Alles hatte sich verändert. Und dann stellst du dir selber so eine Aufgabe: Man kommt dem Pferd mit dem Rolli näher – das ist groß, das sind 600 Kilo, man selbst ist klein. Da muss man schon mit einem gewissen Respekt rangehen.“

Dambach ist mit seinem Vincent fast jeden Tag unterwegs.

Die Krankengymnastik auf dem Pferderücken zeigte bald positive Effekte, zumal es ihm mit einem inkompletten Querschnitt auf Höhe Th12/L1 relativ leicht fiel, das Gleichgewicht zu halten.: „Der Schritt des Pferdes wird auf das eigene Becken übertragen. Ich hatte fast das Gefühl, selbst zu Gehen. Ich wurde entspannter, der Tonus ließ nach. Meine Rückenmuskulatur wurde gestärkt. Vielleicht das Wichtigste: Dambachs Kopf wurde frei, sein Selbstbewusstsein wuchs: „Es hat mich stolz gemacht, dass ich das geschafft habe.“

„Dahin, wo ich mit dem Rolli nicht hinkomme“

Seine damalige Lebensgefährtin besaß einen Haflinger; das Paar ließ das Tier zum Therapiepferd ausbilden. Nun konnte Dambach sich jederzeit auf sein Pferd setzen – ein erster Schritt in eine neue Freiheit. Die ihm bald nicht mehr genug ist: „Ich dachte mir: Jetzt könnte ich doch auch das Fahren mit der Kutsche ausprobieren, denn damit komme ich in den Wald. Dahin, wo ich mit meinem Rolli nicht hinkomme.“

Das Paar schickt den Haflinger zu ein paar Fahrstunden und investiert viel Geld in eine eigene Kutsche, die nach Dambachs Bedürfnissen umgebaut wird: „Ich kann ja mit den Beinen nicht bremsen, ich brauchte eine Handbremse. Und irgendwie musste ich auf das Ding raufkommen. Das war ein Riesengetue mit zwei Schienen, über die ich hochgeschoben wurde und dann auf die Sitzbank umgesetzt werden musste. Bei meiner neuen Kutsche kann ich über eine Rampe von hinten auf den Kutschbock über einen drehbaren Sitz umsteigen.“

Kurse und Qualifikationen

Kutschfahrer benötigen nicht nur das entsprechende Material, sondern auch Fachwissen. Empfehlenswert ist der Besitz eines Basispasses Pferdekunde. Den nächsten Schritt stellt die Teilnahme an einem Kurs zum Erwerb eines Fahrabzeichens dar – hier gibt es verschiedene Varianten vom Ein- bis zum Vierspänner.

Mit der Kutsche in den Wald – dorthin, wo man mit dem Rollstuhl nicht hinkommt.

Menschen mit Querschnittlähmung oder anderen Behinderungen benötigen zudem einen sogenannten Sportgesundheitspass, in dem auch vermerkt ist, welche kompensatorischen Hilfsmittel der Fahrer benutzen kann bzw. muss: angefangen von speziellen Leinen, Bremskraftverstärkern, über Podeste mit Schlaufen im Fußraum, Aufstiegshilfen bis hin zu Spezialsitzen gibt es viele Möglichkeiten, um Rollstuhlfahrern das Kutschenfahren zu ermöglichen – just for fun in der Natur oder auf Turnieren in Konkurrenz mit anderen Fahrern.

Die „Interessengemeinschaft Fahren für Menschen mit Behinderung”, der auch Dambach angehört, berät Neueinsteiger, um möglichst optimale, individuell angepasste Lösungen zu finden, und vermittelt weitere Kontakte.

Mit dem Sportgesundheitspass und den darin aufgeführten Hilfsmitteln darf die erste Prüfung zum Fahrabzeichen gemacht werden. Für alle weiteren Prüfungen und Fahrabzeichen gilt der Sportgesundheitspass ebenfalls, genauso wie für alle Fahrturniere im Regelsport und Parafahrsport, erläutert das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. auf seinen Para-Fahrsport-Seiten. Sämtliche Hilfsmittel, die im Sportgesundheitspass aufgeführt sind, dürften bei Sportveranstaltungen zum Ausgleich der Behinderung genutzt werden.

Zudem rät z. B. die „Deutsche Reiterliche Vereinigung“, einen Kutschenführerschein zu erwerben, der dazu qualifiziert, Pferdegespanne auf öffentlichen Wegen und Straßen zu bewegen. Dieser Führerschein ist nicht zwingend vorgeschrieben, lediglich in Niedersachsen müssen ihn gewerbliche Fahrer besitzen – „im Falle eines Unfalls und/oder Versicherungsfalles ist der Besitz des Kutschenführerscheins jedoch wichtig, um besondere Sachkunde nachzuweisen“.

Neueinsteiger müssen laut Schätzung des DKThR für Ausbildungskosten und eine Kutsche samt individueller Umbauten mit Kosten in Höhe von mindestens 3.000 Euro rechnen.

Fünfmal die Woche draußen

Dambach hat die nötigen Trainings und Prüfungen vor Jahren absolviert. Seither hat ihn das Kutschenfieber nicht mehr losgelassen: „Kutschenfahren ist Freiheit pur, gemischt mit großer Verantwortung und einer tiefen Bindung zum Tier“.

Der Sachbearbeiter besitzt inzwischen ein Sächsisch-Thüringisches Schweres Warmblut. Der braune Wallach mit der schwarzen Mähne gehört einer alten Pferderasse an. Früher wurden die Tiere als Arbeits- und Transportpferd eingesetzt, heute machen sie vor allem auf dem Turnierplatz von sich Reden; mit ihnen lassen sich bei Fahrprüfungen Medaillen und Schleifen gewinnen.

Vincent steht in einem Stall, in dem er regelmäßig geritten und seine Box sauber gehalten wird. Die tägliche Pflege des Tieres übernimmt Dambach selbst. Dazu kommt das Basteln an der Kutsche, ab und an die Teilnahme an einem Turnier und regelmäßige Ausfahrten. „Wenn alle Faktoren stimmen, fahre ich fünfmal die Woche zwischen 15 und 30 Kilometer. Im Winter fahre ich bis minus zehn Grad, im Sommer solange, bis er mir und Vincent zu heiß ist.“

Ärger wegen des aufwändigen Hobbys bekommt er zu Hause deswegen aber nicht: Seine zweite Frau ist genauso wie er passionierte Kutschenfahrerin – auch sie liebt die große Freiheit auf dem Kutschbock.

 


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