Das Pipiproblem. Oder: Sauer macht lustig

Eine Harnwegsinfektion ist eine fiese Sache und ich wünsch sie meinem schlimmsten Feind nicht. Ich hatte leider immer mal wieder eine, bis ich (Achtung, Wortspiel) sauer wurde…

Wenn man eine Querschnittlähmung hat, bedeutet das in den meisten Fällen nicht nur, dass man im Rollstuhl unterwegs ist, sondern auch dass Blase und Darm nicht richtig funktionieren. Ich bilde da keine Ausnahme. Und es ist nicht so, dass ich die Blase nur nicht kontrolliert entleeren könnte, nein, da hängt ein ganzer Rattenschwanz mit dran: Durch u. a. die gestörte Ausscheidung kann es häufiger zu Harnwegsinfektionen kommen. Und die interpretiert mein Körper gerne mal mit einer autonomen Dysreflexie – d. h. mein Kreislauf spielt verrückt und ich krieg fiese Kopfschmerzen – oder mit mehr Spastik, was bedeutet, dass meine Beine so unkontrolliert zucken, dass es mich aus dem Rollstuhl hauen könnte.

Wann immer mich ein Harnwegsinfekt erwischt, lege ich mich ins Bett, lass mich von meiner Frau mit Suppe und Bärentraubenblättertee versorgen und danke ihr mit einem tapferen Hundeblick, wenn sie einen warmen Kartoffelwickel auf meinen Bauch legt. In der Vergangenheit halfen solche Hausmittel und die Fürsorge meiner Frau aber nur bedingt und meist lief es doch auf die Antibiotikabehandlung hinaus, die ich eigentlich hatte vermeiden wollen.

Antibiotikaalternativen: Verzweifelt gesucht

Es gab eine Zeit, da hatte ich monatlich Blasenentzündungen. Und weil weder ich noch meine Frau (ganz zu schweigen von meinem Arbeitgeber) mit dieser immer wiederkehrenden Situation glücklich waren, suchten wir nach Möglichkeiten, wie man Harnwegsinfekte vermeiden kann. Und ich probierte einiges aus.

Ich trank literweise Cranberrysaft. Und wir reden hier von Muttersaft, nicht von einem leckeren Cosmopolitan abends an der Bar. Das Zeug, das ich trank, war ohne Zucker. Ohne Wodka. Und ohne Wirkung. Eine Verbesserung stellte sich bei mir jedenfalls nicht ein.

Ich nahm in Wasser aufgelöstes Natron, was schlicht ekelig war und langfristig auch nicht half.

Dann versuchte ich es mit D-Mannose, weil die vielen meiner Freunde geholfen hatte. Aber ich bekam davon Durchfall. Zuerst glaubte ich da an einen Zufall, aber dann erzählte mir ein befreundeter Apotheker, dass der Zucker, der in D-Mannose enthalten ist, sich im Körper in einen Alkohol verwandeln kann, der abführend wirkt. Und glauben Sie mir: Dünnpfiff brauchen Sie als Querschnittgelähmter so nötig wie ein Loch im Kopf.

Der Tipp, der alles veränderte.

Und dann kam der Tipp, der alles veränderte. Völlig unerwartet bei einem Sonntagsbrunch mit Freunden. Uncharakteristisch für mich hatte ich auf die Frage „Na, wie geht’s denn so?“, auf die niemand eine andere Reaktion erwartet als „Gut, danke. Und dir?“, mit der Wahrheit geantwortet.

„Ich nehm‘ grad Antibiotika, weil ich schon zum achten Mal in diesem Jahr eine Blasenentzündung habe. Davon krieg ich Verdauungsprobleme, weshalb ich nicht weiß, ob die Pilzfrittata und die belgischen Waffeln mit Sahne so eine gute Idee sind.“

Susanne, eine Freundin meiner Frau, sah mich an und fragte: „Hast du es schon mal mit Apfelessig versucht?“

„Anstelle von Sahne?“ fragte ich, weil ich mir die Waffeln eigentlich nicht entgehen lassen wollte und deswegen bereits einen Tunnelblick entwickelt hatte.

„Als Vorbeugung von Blasenentzündungen“, sagte Susanne geduldig.

Ich merkte auf.

„Ich hatte die auch ganz lange immer wieder“, erklärte sie. „Dann hab ich eine Diät gemacht, bei der man täglich Apfelessig trinken soll. Abgenommen hab ich damit nicht, aber die Blasenentzündungen waren weg.“

Ich bedankte mich für die Info, trat dem Teufel auf den Kopf und aß die Waffel. Dann rollte ich nach Hause, um zu recherchieren, was an dieser Apfelessiggeschichte daran war.

Der Held der Stunde: Apfelessig

Tatsächlich: Apfelessig kann zur Behandlung und Vorbeugung bei Harnwegsinfekten eingesetzt werden, und zwar, weil er Bakterien bekämpft. Diese antibakterielle Wirkung ist von Studien belegt worden. Hab ich jedenfalls gelesen. Weiter verfolgt habe ich das nicht.

Zum Vorbeugen und zur Behandlung von Harnwegsinfektionen wird allgemein empfohlen einmal täglich einen Teil Apfelessig mit drei Teilen Wasser oder zweimal täglich 2 EL Apfelessig mit einem Glas lauwarmem Wasser zu trinken.

Damit versuchte ich es anfangs auch. Und eine Wirkung war auch da, aber nicht so spektakulär, wie ich mir das erhofft hatte. Dann befolgte ich die Empfehlung eines ebenfalls querschnittgelähmten (!) Puristen: „Ich nehme schon lange Apfelessig 2 EL auf ein Glas Wasser morgens und abends. Jetzt nehme ich 2 EL Apfelessig pur und trinke etwas später erst Wasser. Die Wirkung ist viel besser, so dass ich nun nur noch morgens den Apfelessig trinke.“

Dass die Einnahme des unverdünnten Apfelessigs besser hilft, könnte sich laut meiner Ernährungsberaterin dadurch erklären lassen, dass die Wirkstoffe durch die Mundschleimhäute aufgenommen werden.

Wie das schmeckt? Scheußlich! Essig ist per Definition ja sauer, und ich bin eher von der „Süß“- Fraktion. Aber, wie das Sprichwort sagt, „Sauer macht lustig!“, ganz im Gegensatz zu einer Harnwegsinfektion, die bitter ist. Und die ich jetzt viel seltener habe.

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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Fragen & Kommentare

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  1. susy greb 03.09.2018, 10:17 Uhr

    danke für den amüsanten Text zu einem leidigen Thema!
    PS; ich empfehle noch solidago.