Meine Querschnittlähmung und ich: Das letzte große Abenteuer: In der Rushhour tanken

Wer Spannung und Nervenkitzel sucht, kann beides für wenig Geld haben: Er muss nur so verwegen sein wie ich und zu Stoßzeiten an die Tankstelle fahren. Den Rest erledigt der junge Mann im tiefergelegten Mittelklassewagen.

Zugegeben: Ich war an meiner misslichen Lage selbst schuld. Niemand hatte mich gezwungen, gerade hier zu tanken. Ich hätte bereits die Tankstelle von vor 50 Kilometern nehmen können – da gab es keine langen Schlangen in der Auffahrt und keine langen Schlangen vor der Kasse. Aber da war ich im Flow und habe an vieles gedacht, nur nicht an meine Treibstoffanzeige.

Die ging nun rapide gegen null, weshalb ich wohl oder übel bei nächster Gelegenheit raus zum Tanken musste. Es war Freitagnachmittag, wer nicht gerade auf dem Weg in die Ferien war, war auf dem Weg in den Feierabend. So richtig Zeit hatte keiner. Und mittendrin war ich. Keine Win-win-Situation, sondern eine ziemlich festgefahrene Rien-ne-va-plus-Zwickmühle.

Die normale Tankstrategie

Denn ich habe alle Anfängerfehler gemacht, die man als Rolli hinterm Steuer machen kann. Es fing damit an, dass ich an Tanksäule 1 fuhr, obwohl gegenüber an Tanksäule 3 eine breite Limousine stand und ich mit meinem Wagen gerade so hineinpasste. Schlanke Fußgänger hätten sich noch aus dem Auto schälen können, ich nicht. Was aber unerheblich war: Ich wollte ja gar nicht aussteigen, um den Tank eigenhändig zu füllen. Weil ich spät dran war und der Transfer immer viel Zeit raubt, wollte ich, dass mir der Tankwart hilft.

Normalerweise klappt das prima: Bei meiner Stammtankstelle zu Hause kennt man mich und mein Auto, sobald ich vorfahre, winkt mir die Frau an der Kasse zu und ist mir behilflich.

Wenn ich auf fremden Terrain unterwegs bin, suche ich mir vorab im Internet Tankstellen mit Tankwartservice und fahre diese gezielt an. Oder ich stelle mein Auto an eine Tanksäule und hupe und wedle mit Armen und meinem blauen Parkausweis solange herum, bis jemand meine Signale versteht oder zumindest aus dem Kassenhäuschen kommt, um zu fragen, ob bei mir alles okay ist und ob ich jetzt bitteschön aussteigen und tanken könnte? Sobald die Lage geklärt ist, hat mir noch jeder Tankwart geholfen.

Wenn keiner reagiert, recherchiere ich als letzte Möglichkeit auf meinem Smartphone die Telefonnummer der jeweiligen Tankstelle und rufe dort an: „Entschuldigen Sie bitte– ich bin der Mann, der bei Ihnen an Tanksäule 4 parkt. Könnten Sie mir kurz helfen? Ich bin auf den Rollstuhl angewiesen und zum Aussteigen und Selbsttanken ist es hier für mich zu eng.“

Ich blockiere eine ganze Spur

Heute klappte nichts davon. Die Männer an den Kassen hatten alle Hände voll zu tun, um die Wartenden abzufertigen. Ans Telefon gehen oder mal einen Blick nach draußen werfen: Unmöglich. Ich wedelte und telefonierte dennoch weiter – das Handyverbot ist mir in solchen Fällen schnuppe, außerdem interpretiere ich es ohnehin so, dass man nur direkt an der Zapfsäule nicht telefonieren darf.

Also hupe ich noch einmal. Auch das wird nicht vom Personal erhört. Dafür stimmen jetzt die ersten Fahrer hinter mir in das Hupkonzert mit ein. Der junge Mann im Auto direkt hinter mir wedelt mit den Armen und macht Bewegungen, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen wollte.

Ich kann es ihm nicht verübeln: Während gegenüber an Tanksäule 3 ein Wagen nach dem anderen befüllt wird, blockiere ich schon seit Ewigkeiten meine Tankspur. Nebenan hingegen wechseln sich die Autos zügig ab – so zügig, dass ich keine Chance sehe, meinen Wagen umzuparken, damit ich Platz hätte, meinen Rolli auszupacken und selber zu tanken.

Der Tiefergelegte verliert die Geduld

Schließlich verliert der junge Tiefergelegte die Geduld: Als nebenan schon wieder ein Platz an der Tanksäule frei wird, reißt er seine Tür auf, plustert er sich auf und stapft auf mein Auto zu. „Hoffentlich wird der nicht grob“, denke ich noch, da steht er schon mit kurbelnden Bewegungen vor meiner Tür und bedeutet mir, das Fenster zu öffnen.

„Wie schauts`s aus?“ bellt er mich an. „Wolln wa noch tanken oder lieber übernachten?“

Ich lasse meine Scheibe einen Spalt herunter und piepse: „Sorry, ich bin querschnittgelähmt und komme nicht aus dem Wagen raus. Könnten Sie mir beim Tanken helfen?“

Danach folgt das übliche: Tausendfache Entschuldigungen, gerade so, als ob er schuld sei an meiner Behinderung oder an der Enge der Tankstellen oder an der Tatsache, dass heute einfach zu viele Autos unterwegs sind. Immerhin: Irgendwann beruhigt er sich wieder und tankt meinen Wagen voll.

„Alles erledigt, Meister!“

Bevor er zurück zu seinem Auto stapfen kann, winke ich ihn noch einmal zu mir: Ob er vielleicht auch so nett sein könnte, für mich das Bezahlen zu übernehmen?

„Klar Meister, wird erledigt!“

Und da merkte ich, dass ich doch nicht alles falsch gemacht hatte: Ich habe mit dem Tiefergelegten gesprochen. Und: Ich hatte genug Bargeld in der Tasche! Meine EC-Karte samt PIN hätte ich dem jungen Mann nämlich nur ungern anvertraut, so nett er auch war.


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