Leben mit Querschnittlähmung: „Mit meinem Lebensstil und meiner Faulheit hätte ich nicht erreicht, was ich heute erreicht habe.“

„Konsequent in die Grube oder konsequent ins Leben?“ – diese Frage stellte sich Hermann Mottweiler nach seinem Motorradunfall. Mit Anfang 20 entschließt er sich, konsequent Gas zu geben und entscheidet sich fürs Leben.

Mopeds, Mädels und Sport – mehr hatte Mottweiler in seinen jungen Jahren nicht im Sinn. „Ich hatte überhaupt keinen Plan und wollte unbedingt Holzfäller in Kanada werden“; dass er auf der Realschule zwei Klassen hatte wiederholen müssen, spielte bei diesen Berufsplänen nur eine untergeordnete Rolle.

Hermann schlingerte durchs Leben. Es war eine schwere Zeit mit wenig Halt für den 18-Jährigen, der im selben Jahr auch seinen Vater verloren hatte. „Ich weiß, das hört sich makaber an, aber heute bin ich froh, dass mir das mit dem Unfall passiert ist. Meine Lebenseinstellung und das, was ich beruflich erreicht habe, hätte ich mit meiner Faulheit vor dem Unfall und mit meinem damaligen Lebensstil nicht erreicht.“

Erst der Unfall weckt seinen Willen

Hermann Mottweiler: Erst der Unfall in jungen Jahren weckte seinen Willen.

Der Motorrad-Unfall, den er mit einer inkompletten Lähmung auf Höhe Th5/6 überlebt, zwingt ihn zum Umdenken und weckt seinen Willen. Zumal sein gewohntes Umfeld wegbricht: „Meine Kumpels waren alles Motorradfahrer. Von denen habe ich nach dem Unfall nicht mehr viel gehört. War aber irgendwie auch okay.“

Dann bekommt er „die Chance seines Lebens“ – und nutzt sie auch. Statt vier Jahre auf eine Lehrstelle in einem Berufsförderwerk zu warten, geht er schon zwei Jahre nach seinem Unfall zurück an eine Regelschule und beendet doch noch die Realschule mit einem guten Abschluss. Danach folgen Abitur und ein Studium in Sozialpädagogik/Sozialarbeit.
Als Sozialpädagoge arbeitet er mit Menschen mit geistiger und körperlichen Behinderungen und später 16 Jahre lang im Sozialdienst eines Krankenhauses, wo er sich auch im Betriebsrat engagiert. Hinzu kommt sein ehrenamtlicher Einsatz in diversen Organisationen und Vereinen, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen einsetzen.

„Alles tun, was möglich ist“

„Ich wollte nie an das denken, was ich nicht mehr kann, sondern mich voll auf das konzentrieren, was ich kann. Außerdem bin ich nach wie vor keiner, der sich zuhause hinsetzt.“ In seiner Single-Zeit ist er jeden Tag unterwegs: In seinem Stammlokal, wo er Freunde findet und trifft. Oder beim Sport: Schwimmen, Leichtathletik, Tischtennis, Basketball sogar bis hoch in die erste Liga: Mottweiler bleibt umtriebig.

Mit einem Skat-Freund geht er zelten, auch dort, wo es keine behindertengerechte Toilette gibt; neben Gepäck und Luftmatratzen packen sie einen Toilettenstuhl ein, „und zum Schlafen bin ich halt einfach auf dem Boden ins Zwei-Mann-Zelt gerobbt“, erinnert sich Mottweiler. In manchen Jahren fährt er 36.000 Kilometer – ein durchschnittlicher Deutscher bringt es auf rund 13.250 Kilometer.  „Ich habe alles ganz pragmatisch angegangen und getan, was möglich ist – und es ist trotz Lähmung noch so viel möglich!“

Heute ist er etwas ruhiger geworden. „Im Krankenhaus musste ich so viel Verwaltungskram machen, jetzt, wo ich in Rente bin, habe ich mit meiner Frau einen Deal: Ich übernehme den kompletten Haushalt, die Küche und die Einkäufe, dafür muss sie alles an Verwaltung machen und jedes Formular ausfüllen. Schließlich ist sie ja auch Sozialversicherungsangestellte und hat das gelernt.“

Kennengelernt hat sich das Paar übrigens zweimal: Zum ersten Mal, als Mottweiler nach dem Unfall im Rollstuhl seine Mittlere Reife nachholte, das zweite Mal zwölf Jahre später auf einem Straßenfest. Beim zweiten Mal hat es gefunkt – seit 31 Jahren unterstützt seine Frau ihn in seinem Elan, „das Leben anzupacken und das beste daraus zu machen.“ Nur manchmal, da bremst sie ihn auch ein bisschen und erinnert ihn daran, dass es im Leben noch anderes gibt, als ständig unterwegs zu sein.

 


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