Andalusien im Rollstuhl

Kim Lumelius ist Weltenbummlerin und Bloggerin aus Leidenschaft. Auf Wheeliewanderlust.de schreibt sie über ihre Abenteuer in fernen (und nahen) Ländern und wie sie vor Ort im Rollstuhl zurechtkommt. Auf Der-Querschnitt.de stellt sie ihre Erfahrungen in Sevilla vor!

„Warst du schon mal im Winter in Andalusien?“ schreibt Kim Lumelius auf ihrem Blog Wheeliewanderlust.de und gibt Tipps für ein entspanntes Wochenende in der südspanischen Metropole.

„Sicher ist Spanien dank seines milden und warmen Klimas ein Reiseziel für das ganze Jahr. Die andalusische Hauptstadt Sevilla zählt sogar zu den wärmsten Städten Europas und eignet sich mit über 320 Sonnentagen im Jahr auch im Winter als perfektes Reiseziel, um dem Winterblues ein Ende zu bereiten. Im Frühling und Herbst ist es sicher mindestens genauso schön. Nur im Sommer, wenn die Temperaturen bis auf über 40 Grad steigen, ist Sevilla für einen Städtetrip vielleicht etwas zu heiß.

Wer also, wie wir, etwas Sonne tanken und einen Ort besuchen möchte, an dem er bisher noch nicht war, sollte sich schleunigst in den Flieger setzen und diese wunderschöne Stadt entdecken. Mittlerweile fliegen mehrere Airlines direkt nach Sevilla und Flugtickets kriegt man gerade in den Wintermonaten schon für schlappe 37 Euro (hin und zurück!!). Ein ganzes Wochenende zusammen mit einer Unterkunft in Sevilla kann man sich mit etwas Glück schon für 150 Euro gönnen. Und ich kann versprechen, dass man das auf keinen Fall bereuen wird. Ein paar Einblicke in diese wunderschöne Stadt möchte ich euch hier schon mal geben, aber Achtung: es wird eure Reiselust galaktisch in die Höhe treiben.

Ich konnte mir im Vorfeld auch nur schwer vorstellen, wie kräftig im Februar hier schon die Sonne runterbrutzelt und wie bezaubernd dieses Städtchen eigentlich ist. Architektonisch gesehen folgt hier ein Highlight auf das andere. Die ganze Stadt ist ein riesiges Freiluftmuseum. Wenn man hier so durch die Straßen schlendert, kommt man aus dem Staunen echt nicht mehr heraus. Die schnuckeligen Gassen, all die Häuser mit ihren bezaubernden Innenhöfen, die beeindruckenden Plätze mit ihren gigantischen Bauwerken und viele kleine grüne Oasen sorgen für unvergessliche Spaziergänge.

Es gibt hin und wieder Kopfsteinpflaster, welches aber gar nicht so uneben ist, sodass man auch mit Rollstuhl leicht drüber fahren kann. In Sevilla findet ihr außerdem fast überall abgesenkte Bordsteine, Rollstuhl-Gehwege, Rollstuhltaxis, kleine Rampen, um in Geschäfte oder Restaurants zu gelangen (auch für die öffentlichen Verkehrsmittel) und viele ebenerdige, meist sogar rollstuhlgerechte, Toiletten. Vermutlich entsprechen die zwar keiner Norm und sind meistens sehr niedrig, was ich persönlich als sehr unpraktisch empfinde, aber es sind welche da. Spanien setzt sich immer mehr für den barrierefreien, für alle zugänglichen Tourismus ein und das konnte man überall spüren. Hab mich hier sehr wohl gefühlt und was die Barrierefreiheit betrifft, war ich mehr als positiv überrascht.

Anreise/Fortbewegung

Von Deutschland, in unserem Fall Frankfurt, erreicht man den Flughafen in Sevilla (SVQ) in zwei bis drei Stunden. Er liegt nur zehn Kilometer vom Zentrum entfernt. Direkt vor der Ankunftshalle fährt der Bus Richtung Sevilla Stadt ab. Wenn man in das Zentrum möchte, steigt man am besten an der Haltestelle „Paseo Colón“ oder „Marqués de Paradas“ aus, je nachdem wo sich euer Hotel oder Apartment befindet. Die Fahrt zu unserer Haltestelle “Paseo Colón” dauert ungefähr eine halbe Stunde. Die Fahrt kostet pro Person 4 Euro. Von der Haltestelle sind wir noch weitere fünf Minuten bis zur Unterkunft gelaufen. Vor jedem Urlaub lade ich mir übrigens die jeweilige Karte auf maps.me runter, die funktioniert nämlich auch offline. Dazu muss man nur das GPS am Smartphone einschalten, Internet braucht man für eine Routenführung nicht.

Dank ausklappbarer Rampe ist der Bus auch für Rollstuhlfahrer leicht zugänglich. Nur beim Aussteigen muss man sich laut bemerkbar machen, damit der Busfahrer einem zu Hilfe kommt.

Auf dem Rückweg zum Flughafen haben wir ein rollstuhlgerechtes Taxi ausprobiert. So tolle Fahrzeuge hätte ich gerne auch bei uns zu Hause. Dann wäre es mir nämlich auch möglich alleine ein Taxi zu benutzen. Durch den Kofferraum kann man samt Rollstuhl einfach reinfahren. Dieser wird am Boden festgezurrt. Ohne Umsteigen fährt man hier von A nach B im eigenen Stuhl. Für Fahrten zum Flughafen gibt es einen Festpreis von 22 Euro.

Während unseres Aufenthaltes waren wir fast ausschließlich zu Fuß/via Lutzi unterwegs. Dabei sieht und entdeckt man doch am meisten von einer Stadt und meine Lutzi schafft ungefähr zehn Kilometer, die für einen Tag dann immer grad so reichen. Die Busse und auch die Tram in Sevilla sind barrierefrei und können auch von Rollstuhlfahrern genutzt werden.

Unsere Unterkunft – Boutique-Hotel Casa de Colón

Es gibt einige Hotels in Sevilla, die explizit rollstuhlgerechte Zimmer anbieten (Hotel Zenit Sevilla, Melia Sevilla usw.). Da wir kleinere Unterkünfte oder Boutique Hotels bevorzugen, war ich ganz glücklich, das Casa de Colón entdeckt zu haben. Das Boutique-Hotel liegt mitten in der Altstadt, keine 50 Meter von der imposanten Kathedrale von Sevilla entfernt und bietet die perfekte Ausgangslage, um die reizende Stadt zu erkunden. Das familiengeführte Hotel verfügt über ein Dutzend individuell eingerichtete Zimmer und eine gemeinsame Dachterrasse.

In dem restaurierten Kolonialgebäude liegen die Zimmer rund um einen zentralen Innenhof mit Buntglasfenstern und Palmen. Unser Zimmer im 2. Obergeschoss konnten wir mit einem Fahrstuhl erreichen, er hat eine Türbreite von 80 cm. Unser Bad war mit einer ebenerdigen großen Dusche ausgestattet, auch ein Hocker wurde uns zur Verfügung gestellt. Allerdings war der Zugang zum Bad so eng, dass Lutzi nicht hindurch gepasst hat. Zur Toilette waren es allerdings nur zwei Schritte, die ich mit Hilfe bewältigen kann. Wer hier übernachten möchte, sollte unbedingt vorher mit dem Hotel abstimmen, ob und wenn ja welches Zimmer für einen am besten geeignet ist. Für acht Euro bekommt ihr euer Frühstück ins Zimmer, auf der Dachterrasse oder im Innenhof serviert. Frisch gepresster O-Saft, Obst, vers. Brote/Brötchen, Croissant, Süßkram zum Draufschmieren und Käse.

Sehenswürdigkeiten in Sevilla

Plaza España
Einer der bekanntesten und größten Plätze Sevillas, der schon oft als Kulisse für Filmdreharbeiten diente, u.a. für Lawrence von Arabien oder Star Wars – Episode II Angriff der Klonkrieger. Ringsum den Platz fließt ein 500 Meter langer Kanal, der von vier Brücken überquert wird, die die alten spanischen Königreiche symbolisieren. Das halbkreisförmige Gebäude, das 1929 für eine lateinamerikanische Ausstellung gebaut wurde, ist mit Marmor, Keramik und Sitzbänken versehen, in die bunten Ornamente wurden die 48 spanischen Provinzen mit ihren jeweiligen Wappen verewigt. Zu dem imposanten Platz führen einige Stufen. Am Rand findet Ihr Rampen, über die ihr mit Rollstuhl, Kinderwagen & Co. auch nach “oben” fahren könnt. Angrenzend an den Platz liegt der grüne Park Maria Luisa. Perfekt für einen Spaziergang unter schattenspendenden Bäumen oder auch beliebt zum Fahrrad fahren.

Real Alcázar
Es wundert mich nicht, dass dieser wunderschöne Palast auch heute noch als Residenz von der spanischen Königsfamilie genutzt wird, wenn sie sich in Sevilla aufhält. Das mittelalterliche Bauwerk und die prächtigen Gärten mit ihren entzückenden Innenhöfen sind das schönste blaublütige Zuhause, dass ich je gesehen habe. Dank vieler Rampen, kommt man auch mit Rollstuhl in viele Bereiche der Anlage. Der riesige Garten mit seiner vielfältigen Bepflanzung war Drehort für die Serie Game of Thrones. Wer bei Staffel 5 aufgepasst hat, konnte hier die Wassergärten von Dorne bewundern. Ihr werdet echt beeindruckt sein, der Königspalast ist ein absolutes Muss für euren Sevilla-Aufenthalt. Dank seiner Beliebtheit könnte euch allerdings eine lange Warteschlange am Eingang erwarten. Die gilt glücklicherweise nicht für Rollstuhlfahrer. Ihr dürft nicht nur an der Schlange vorbei, sondern auch kostenlos den Palast besichtigen. Kleiner Tip: Montagabend ist der Palast für alle Besucher kostenlos. Die Uhrzeit variiert je nach Jahreszeit.

Metropol Parasol/Setas de Sevilla
Diese wahnsinnige Holzkonstruktion wurde von einem deutschen Architekten entworfen und wird von den Einheimischen liebevoll “die Pilze” (les Setas) genannt. Das Wahrzeichen der Stadt thront über dem Plaza de la Encarnación, direkt über einer Markthalle, in der ihr allerlei frische Lebensmittel bekommt.

Den Eingang zur Aussichtsplattform findet ihr im Untergeschoss, von dort führt der Fahrstuhl ins 2. Obergeschoss. Für Rollstuhlfahrer und deren Begleitperson ist der Eintritt (3 Euro) frei. Die Eintrittskarte gilt gleichzeitig auch als Voucher für die kleine Bar auf der Plattform und kann gegen ein erfrischendes Getränk eingetauscht werden. Die Aussicht könnt ihr ohne Probleme genießen, nur den ganzen Rundweg kann man aufgrund einzelner Stufen mit Rolli nicht entlang.

Food & Drinks
In ganz Sevilla haben wir ausschließlich gut gegessen und auch getrunken. Ich liebe die große Auswahl an Tapas und die kleinen Portionen. So kann man einfach von allem etwas probieren und muss sich nicht auf ein Gericht beschränken. Auch wenn du zu einem Glas Vino Tinto nur ein bisschen was knabbern möchtest, wirst du in den ganzen Bodegas fündig. Durch die Straßen zu laufen, das Gelächter zu hören, das bis auf die Gassen raus schallt und das gemütliche Beisammensein der Einheimischen zu sehen, macht einfach Freude. Glaube generell kann man hier nirgends viel falsch machen. Von den Bars, die ihr Essen auf Plastiktafeln mit bunten Bildchen auf fünf verschiedenen Sprachen anpreisen, halt ich mich grundsätzlich fern, davon gab es aber auch ausgesprochen wenig in Sevilla. Bei einem Spaziergang durch die Stadt läuft man an zig authentischen spanischen Cafés&Bars vorbei, die wir am liebsten alle getestet hättet. Leider kann man ja nicht überall rein gehen, wo dich die ausgelassene Stimmung anzieht. Einige Restaurants öffnen am Abend erst um 20:30 Uhr, davor geht hier kein Einheimischer zum Abendessen. Ein paar besonders schöne Orte, die uns gut gefallen haben und sogar barrierefrei waren, möchte ich euch nicht vorenthalten:

Eine (kleine!) Auswahl an rollstuhlgerechten Restaurants in Sevilla:

Filo. Sandwicheria
Bar Augustin & Company
El Pinton
Torres y Garcia

In Sevilla ist es sowieso überhaupt nicht schwer, es sich gut gehen zu lassen. Es ging uns viel zu gut. Es wird euch nicht entgangen sein, dass ich ein absoluter Genussmensch bin. Da kommt es mir natürlich gerade Recht, dass man hier alles bekommt, was die Seele von innen strahlen lässt. Dazu noch die lebhaften und temperamentvollen Spanier, die gerne lange und üppig in Gesellschaft speisen und quatschen. Ich liebe diese Mentalität und Siestas, Fiestas & Tapas-Orgien natürlich auch! Dazu bietet die spanische Altstadt mit ihren arabischen Einflüssen jede Menge Beeindruckendes fürs Auge. So eine schöne und saubere Stadt mit so vielen herzlichen Einwohnern habe ich schon lange nicht mehr entdeckt. Und für mich nicht unerheblich, relativ gut barrierefrei. Sie eignet sich als perfektes Reiseziel für Frühling, Herbst und Winter! Worauf wartest du? Wann startet dein nächster Städtetrip?“

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Wer sich noch mehr Anregungen für den nächsten Urlaub oder Ausflug holen möchte, stöbert am besten auf Kims Blog Wheeliewanderlust.de und auf ihrer Facebookseite.

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