Ihre Erfahrung: „Manchmal orientiere ich mich zu sehr an den Maßstäben anderer“

Der-Querschnitt.de-Leser Felix Esser hat einen sehr persönlichen und ehrlichen Text darüber geschrieben, wie er an manchen Tagen von Unzufriedenheit geplagt wird und sich in Kleinigkeiten verbeißt. Obwohl Blütenstaub in Wahrheit gar nicht das Problem ist.

Jeden Morgen, wenn ich aufwache, habe ich die Möglichkeit zu entscheiden, nach welchen Maßstäben ich heute leben möchte. Es gibt wenige Menschen, die körperlich so eingeschränkt sind wie ich es bin. Und doch finde ich Erfüllung darin, tun und lassen zu können, was ich möchte. Manche Tage beginnen wie im Rausch: was steht heute auf dem Plan? Was sollte im Haushalt erledigt werden?

Der Assistent sollte einkaufen, was schreibe ich auf die Liste? Ist noch alles im Kühlschrank? Und wann macht er das? Und was mache ich in der Zeit? Schaffe ich es in die Arbeit? Habe ich Termine? Oder besser: Was kann ich machen? Es gibt doch noch tausend Dinge zu erledigen! Vorher jedoch sollte der Assistent noch mit dem Besen durch die Wohnung, der Blütenstaub dieses Jahr ist wirklich hartnäckig. Und ich sollte dabei sein, dabei zusehen. Schließlich kann man dabei vieles falsch machen!

Im Kopf bin ich schon bei der nächsten Aufgabe

Leser Felix Esser kann nicht jeden Tag genießen. Mitunter hadert er mit Kleinigkeiten.

Oh, siehe da, auf dem Schreibtisch liegen noch die Abrechnungen, die ich doch machen wollte. Komme aber nicht hin. Ich resigniere, mag nicht darum bitten, damit der Assistent sie mir gibt. Ich bin ja schon weiter, bei der nächsten Aufgabe. Ich sehe einen Fleck auf der weißen Oberfläche meiner Musik-Anlagen-Box. „Warum ist der da, hat da keiner drübergewischt?! Und wieder dieser verdammte Blütenstaub!“

Mein Blick schweift über die Uhr an der Wand: „Oh, schon 12:30 Uhr! Zeit für das Mittagessen. War ich schon einkaufen?“ Ich schnappe mir die Tomaten, die Zucchini, irgendetwas, das aussieht wie Hühnchen. „Diesmal bereite ich vorher alles vor, bevor in der Hektik wieder etwas runterfällt!“ All der akribischen Vorbereitung zum Trotz fallen die zwei Tomaten zu Boden und rollen in die Ecke unter den Tisch, wo ich nicht hinkomme. Und anscheinend auch sonst niemand. „Da hat auch wieder keiner gesaugt!“ Und wieder, wie sollte es anders sein, der verfluchte Blütenstaub!

Jetzt merke ich: Da liegt doch noch das Tee-Ei, gefüllt bis oben hin. „Und was ist dann im Tee? Da hat der Assistent wieder nicht mitgedacht. Alles muss man selber machen!“ Das Mittagessen endet ohne Tomaten und ohne Tee, eineinhalb Stunden später. „Aber hey, das Mittagessen selber und alleine zubereitet! Ob dabei schon mal einer verhungert ist?“, versuche ich mich selbst zu loben und damit in eine positivere Stimmung zu bringen.

Ich jammere und klage

Derweilen ist meine Tante kurz zu Besuch. Ich klage über den Stress, meine Assistenten und generell über meine Unzufriedenheit mit allem. Ich bin nahe an der Grenze, in Tränen auszubrechen.

Was folgt, ist ein kurzer Abriss darüber, dass es doch jedem so erginge und es wirklich helfen würde, wenn ich meine Umgebung schöner gestalten würde, wenn ich schon so viel Zeit in meinen vier Wänden verbringe. Neue Stühle am Tisch würden zum Beispiel helfen! Und Blumen. Und das Regal, von dem ich doch schon ewig rede, ist ja immer noch nicht da! Vielleicht, sinniert sie weiter, würde es mein Inneres bereits etwas aufhellen, wenn alles etwas blanker poliert wäre und auf der Terrasse der Grill und der Boden vom – raten Sie mal! – Blütenstaub befreit wäre. Ihr zumindest, befindet sie, würde diese Art von Reinheit helfen, selbst mehr Klarheit zu finden. Am besten, so ihr Tipp, hätte ich mich schon gestern darum gekümmert und den Blütenstaub neben den – das sage jetzt ich – tausend anderen kleinen Dingen, die ich mit meinen Assistenten zu bewältigen habe, gleich miterledigt.

Nicht die anderen – ich selbst!

Ich liebe meine Tante sehr und weiß, dass sie versucht, mir damit zu helfen. Aber nach ihren Maßstäben. Nicht nach meinen. Sie weiß natürlich um meine Einschränkungen. Aber sie – und viele andere Menschen, die mit mir als Behindertem eng zusammenleben – können mitunter nicht einschätzen, wie wenig ihre Erwartungshaltungen an das, was „man“ den Tag über so schaffen kann, mit dem übereinstimmen, was ich als Querschnittgelähmter leisten kann oder mit Rücksicht auf meine Grundkonstitution leisten will.

Und während ich das schreibe, wird mir noch eines bewusst: Es war gar nicht meine Tante, die mir Stress gemacht hat. Es war auch nicht der Blütenstaub, der mich störte. Ich selbst war es, der mich heute dem Stress und der Unzufriedenheit ausgesetzt hat, indem ich von morgens an all den tatsächlichen oder vermeintlichen Erwartungshaltungen entsprechen wollte. Ich dachte, ich hätte den Tag nach meinen Maßstäben gelebt, doch es waren die Maßstäbe von jemand anderem.

Was meine Maßstäbe sind? Naja, die zu benennen würde zu lange dauern und das wäre auch gar nicht zielführend, denn Maßstäbe können sich jeden Tag ändern und jeder sollte seine eigenen haben. Aber sie äußern sich durch ein Zufriedenheitsgefühl, wenn ich abends nach dem Telefonat mit meiner Freundin ruhig einschlafen kann. Und das ist doch echt beruhigend, oder?

 


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