US-Forschung: Mit Magnetfeldern erfolgreich Blasenfunktion stimuliert

Seit langem behandeln US-Ärzte Depressionen und Migräne mit Magnetstimulation. Nun ist es Forschern gelungen, mit derselben Methode bei einigen Querschnittgelähmten die Fähigkeit zur Blasenkontrolle zu verbessern.

„Wir waren sehr erfreut über den positiven Effekt bei allen fünf Patienten – nach nur vier Sitzungen mit leichter magnetischer Stimulation“, sagt Dr. Daniel Lu, der als außerordentlicher Professor für Neurochirurgie an der David Geffen School of Medicine an der University of California, Los Angeles (UCLA), die Studie leitete. „Der Effekt blieb zwei bis vier Wochen bestehen, was darauf hindeutet, dass die neuralen Schaltkreise des Rückenmarks ein ‚Gedächtnis‘ der Behandlung behalten.“

„Die meisten Rückenmarksverletzungen sind nicht anatomisch vollständig; das Rückenmark hat eine schwache, restliche Verbindung mit dem Gehirn „, erläutert der Neurochirurg in einer Pressemitteilung der Universität den medizinischen Hintergrund seiner Forschungen. „Wir stellen die Blasenfunktion wieder her, indem wir diese schwachen Signale verstärken und die Fähigkeit der neuronalen Schaltkreise verbessern, auf diese zu reagieren.“

Per Magnetstimulation wurde bei einer US-Studie die Fähigkeit zur Blasenkontrolle bei fünf Querschnittgelähmten verbessert.

Durch die Haut Zugang zu Mikromechanismen

Dabei verwendeten die Neurowissenschaftler eine elektrische Spule in Form einer „8“, die laut Ärzteblatt.de in den USA seit 2008 zur Behandlung von Depressionen zugelassen ist. Das Gerät wird dabei über der seitlichen Stirn platziert, um die Aktivität im präfrontalen Cortex zu stimulieren: Magnetfelder, die in der Umgebung elektrischer Leitungen entstehen, können die Aktivität von Nervenzellen beeinflussen. Für eine therapeutische Anwendung werden laut Ärzteblatt.de Feldstärken im Tesla-Bereich benötigt.

Lu und seine Kollegen applizierten die Magnetstimulation nicht auf die Gehirnregion, sondern auf die Haut über der Wirbelsäule, um Zugang zu den Mikromechanismen zu bekommen, die die Blasenentleerung  steuern. Vier Wochen lang erhielt jeder Teilnehmer einmal pro Woche eine jeweils 15-minütige Stimulation. Zunächst sahen die Wissenschaftler keine Ergebnisse. Aber nach vier Sitzungen begannen die Männer, messbare Verbesserungen zu erfahren.

Öfter ohne Katheter

Alle fünf Männer hatten wieder die Fähigkeit, während der Stimulation selbst urinieren zu können „, sagte Lu. „Ein Patient – 13 Jahre nach seiner Verletzung – konnte bis zu vier Wochen nach seiner letzten Behandlung vollständig auf einen Katheter verzichten und seine Blase mehrmals täglich entleeren.“

Die Fähigkeit, kontrolliert zu urinieren, verbesserte sich laut UCLA durch diese nichtinvasive Methode bei jedem Patienten. Vier der Männer mussten noch mindestens einmal pro Tag einen Katheter benutzen – immer noch ein signifikanter Unterschied zu den durchschnittlich mehr als sechs Mal am Tag vor der Behandlung. Die durchschnittliche Blasenkapazität der Patienten stieg von 244 Millimetern auf 404 Millimeter, und die von ihnen kontrolliert entleerte Urinmenge stieg von 0 auf 1120 Kubikzentimeter pro Tag.

Mehr als 80 Prozent der Menschen, deren Rückenmark verletzt ist, verlieren nach Angaben der UCLA durch die Verletzung die Fähigkeit, kontrolliert zu urinieren. Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 (The Health and Life Priorities of Individuals with Spinal Cord Injury: A Systematic Review) übertrifft bei Querschnittgelähmten der Wunsch, die Blasenkontrolle wieder zu erlangen, sogar den Wunsch, wieder gehen zu können.

Meist müssen Querschnittgelähmte mehrmals täglich mit Hilfe eines Katheters ihre Blase entleeren, was einige von ihnen mitunter als belastend empfinden.  Zudem muss auf äußerste Hygiene geachtet werden, denn die unsachgemäße Anwendung von Kathetern kann gesundheitliche Risiken mit sich bringen. U. a. besteht das Risiko, dass Bakterien in den Harnwegsbereich eindringen oder sich nach Verletzungen Vernarbungen bilden können.

Dr. Lu hofft, dass die Forschung seines Labors mithilft, diese Risiken zu reduzieren, indem sie es einigen Betroffenen ermöglichen könnte, völlig ohne Katheter auszukommen oder zumindest seltener einen Katheter anwenden zu müssen.

Nichtinvasiv, schmerzlos und kostengünstig

Das Experiment baute auf Lus früheren Forschungen auf, bei denen er elektrische Stimulationsgeräte in die Wirbelsäule implantierte, um die Handkontrolle bei zwei Personen mit Rückenmarksverletzungen zu verbessern. Nun verwendete Lus Team die magnetische Stimulation, weil diese Methode nichtinvasiv, schmerzlos und kostengünstiger ist als ein Implantat.

Lu und seine Kollegen planen, den Ansatz mit einer größeren Anzahl von Männern und Frauen in einer zweiten Studie zu untersuchen, um ein tieferes Verständnis darüber zu erlangen, wie die magnetische Stimulation die neurale Aktivität im Rückenmark verändert. Das Team wird auch untersuchen, ob unterschiedliche Stimulationsmuster die Reaktionen bei Patienten verbessern, die nicht in gleichem Maße von anderen Studien profitieren.

Noch bleibt die Magnetstimulation als Anwendung für eine Blasenrehabilitation also experimentell.

Die Studie der University of California wurde auf Scientific Reports veröffentlicht.

Für weitergehende Informationen zu den Themen Blasenfunktion, Harnwegsinfekten sowie Blasenentleerung über Katheter siehe auch:

Zur Durchführung des intermittierenden Selbstkatheterismus

Ableitende Kontinenzhilfsmittel

7-Punkte-Plan zur Vermeidung von Harnwegsinfekten bei Querschnittlähmung

 

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