Speziell für Frauen im Rollstuhl: Die eigene Stärke entdecken

Marion Rapp gibt Kurse in Selbstbehauptung und Selbstverteidigung – auch speziell für Frauen im Rollstuhl. Sie ist überzeugt: „Es geht nicht in erster Linie darum, sich körperlich zu wehren. Sondern darum, Stärke und Entschlossenheit zu trainieren.“

„Rollstuhlfahrerinnen haben natürlich Einschränkungen, aber die interessieren im Kurs nicht, denn diese Frauen haben auch viele Möglichkeiten. Und auf die konzentrieren wir uns“,  erzählt Rapp.

Die Heidelbergerin bietet seit 1999 entsprechende Coachings und Kurse an. Statt eine Laufbahn als Gymnasiallehrerin einzuschlagen, ließ sie sich nach dem Studium zwei Jahre lang bei Regina Speulta in Karlsruhe zur Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungstrainerin nach dem Konzept von Sunny Graff („Jede Frau und jedes Mädchen kann sich wehren“) ausbilden. Graff – gelernte Juristin, Buchautorin und Taekwondo-Weltmeisterin – unterrichtet seit über 30 Jahren Frauen, die ihre eigene Stärke entdecken wollen. Ihre Disziplin sieht sie nicht als Kampfsport, sondern als Kampfkunst: Beide hätten unterschiedliche Ziele: Beim Kampfsport ginge es um den Sieg, bei der Kampfkunst darum, den Kampf zu stoppen, wie sie es in einem Interview mit zeit.de formulierte.

Doch im Grunde setzt das Konzept, an dem sich auch Rapps Kurse orientieren, noch viel früher an: Nach Möglichkeit soll es erst gar nicht zu einem Kampf kommen. „Das Wichtigste ist meiner Meinung nach die innere Haltung. Da kann eine Frau schon im Vorfeld sehr viel durch ihren Blick, durch die Art, wie sie sich durchs Leben bewegt sowie durch ihre Ausstrahlung von Entschlossenheit bewirken.“

Nach Rapps Erfahrung sind Gewaltsituationen häufig dynamische Prozesse, der Angriff aus dem Hinterhalt die seltene Ausnahme, die überwiegende Mehrzahl der Angriffe erlebten Frauen durch Bekannte oder Verwandte, oft durch den Partner. Gerade bei Übergriffen werde häufig „angetestet“, ob eine Frau als Opfer in Frage komme, so Rapp. Sobald der Frau das Bauchgefühl sage, dass die Situation sich zu einer Gewaltsituation entwickeln könnte, sollte sie den potenziellen Übergriff frühzeitig abstoppen. Denn je näher und enger der potenzielle Angreifer komme, desto schwieriger werde es oft für die Frau, ihrer eigenen Wahrnehmung und Einschätzung der Situation zu trauen und Unterstützung zu bekommen.

Anerzogene Verhaltensmuster abtrainieren

„Das ist einer der Punkte, die wir in unseren Kursen trainieren“, sagt Rapp, „es ist für viele Frauen – ganz besonders, wenn sie sich aufgrund ihrer Behinderung in einem Abhängigkeitsverhältnis befinden – schwierig, die Verletzung der eigenen Grenzen zu stoppen. Doch das kann man üben, indem man sich zum Beispiel anerzogene Verhaltensmuster („Ich darf doch nicht laut werden!“ – „Der hält mich doch für eine Zicke, wenn ich ihm jetzt klar sage, er soll mich in Ruhe lassen!“) wieder abtrainiert und durch klare Ansagen ersetzt.

„Und für all das“, betont Rapp, „ist es völlig egal, ob die Frau Fußgängerin oder Querschnittgelähmte ist.“

Entsprechend ist das sogenannte Konfrontationstraining einer der zentralen Punkte in den Kursen. In Rollenspielen werden bedrohliche Situationen durchgespielt und analysiert, welche Reaktionen einen Angriff noch verstärken – und welche dazu beitragen, die Lage zu deeskalieren. Auch eine Publikation des Landeskriminalamtes Niedersachsen zu den „Standards polizeilicher Selbstbehauptungs-/ Selbstverteidigungstrainings“ (Booklet zur Information Interessierter außerhalb der Polizei) betont die Bedeutung von Selbstbehauptungsstrategien: „…bei frühzeitigem Wahrnehmen und Einsetzen der Selbstbehauptungstechniken“ sei, so die Erfahrung der Kriminaler, „der Einsatz körperlicher Abwehrtechniken oft nicht mehr erforderlich.“

Rapp rät dazu, sich täglich ein paar Minuten Zeit für mentale Übungen zu nehmen und sich selbst abzufragen: Was tut mir gut? Was tut mir nicht gut? Ist das wirklich meine Wahrnehmung oder will mir jemand etwas aufdrücken? „Die Frage ist: Was will ich? Was tut mir gut – nur dann kann ich Grenzen stecken.“ Mentale Übungen mögen sich für manche esoterisch anhören – doch auch Spitzensportler und erfolgreiche Manager bedienen sich dieser Methode: Es geht darum, so Rapp, „sich auf mögliche Situationen vorzubereiten und diese gedanklich durchzuspielen und so zu üben, die eigenen Regeln des Erfolgreichseins zu verinnerlichen.“

Körperliche Techniken

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Kurse sind die körperlichen Techniken, mit denen eine Rollstuhlfahrerin sich zur Wehr setzen kann. Dass der Rollstuhl dabei kein Handicap sein muss, sondern vielmehr als effektives Mittel zur Verteidigung eingesetzt werden kann, ist Rapp wichtig.

Studien wie eine repräsentative Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) der Universität Bielefeld aus dem Jahre 2011 deuten darauf hin, dass „Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen … im Lebensverlauf allen Formen von Gewalt deutlich häufiger ausgesetzt als Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt“ sind. Laut Studie waren blinde, gehörlose und schwerstkörper-/mehrfach behinderte Frauen besonders häufig betroffen, nach Auskunft der Pressestelle des Bundeskriminalamtes (Stand: September 2018) gibt es jedoch keine belastbaren auf Frauen im Rollstuhl spezifizierten Zahlen.

Aber man braucht kein statistisch erhöhtes Risiko, um den Wunsch zu verspüren, sich stärker zu machen: „In den Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskursen geht es darum, sich in seiner jeweiligen Lebenssituation, mit seiner jeweiligen Lebensgeschichte, auseinanderzusetzen und zu mehr Selbstvertrauen zu finden.“ Wobei, auch das ist Rapp wichtig, nie vergessen werden dürfe, dass die Verantwortung für Grenzüberschreitungen, Übergriffe oder Angriffe beim Aggressor liege – und nicht bei dem Menschen, der sich nicht wehren konnte.

Effektiv Hilfe finden

Zum Kurs gehört noch ein Thema, das für alle Menschen in einer Gefahrensituation nützlich sein dürfte: Was muss ich tun, damit mir im Fall der Fälle jemand hilft? Auch dafür gibt es Regeln. Rapp zum Beispiel rät dazu – falls es sich um eine bedrohliche Situation in der Öffentlichkeit handelt – Menschen ganz konkret anzusprechen: „Sie in dem blauen Pulli! Bitte helfen Sie mir!“ Die personalisierte Ansprache könne zum Beispiel dazu beitragen, aus einem passiven „Gaffer“ einen aktiven Helfer werden zu lassen. Wichtig sei, zudem konkret zu benennen, welche Unterstützung man von der helfenden Person brauche.

Die 50-Jährige hat sich u. a. bei Maloush Köhler (Amsterdam) zur Trainerin und Coachin für „Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Frauen und Mädchen mit Behinderungen“ ausbilden lassen. Zudem ist sie Gründungsmitglied des BV-FeSt e.V. (Bundesfachverband für feministische Selbstbehauptung und Selbstverteidigung): „Meine Kurse haben eine bestimmte Ausrichtung, ich gehe zum Beispiel sehr intensiv auf das Thema weibliche Sozialisation und damit verbundene Hemmungen ein. Das fühlt sich vermutlich anders an als ein Kurs, den ein Mann leitet, der aber natürlich auch seine Berechtigung hat. Jede Frau sollte für sich den Kurs suchen, der sich für sie gut anfühlt. Dazu gehört auch die Entscheidung, ob sie ein rein weibliches Umfeld bevorzugt oder eine gemischte Gruppe.“ Rapp behält nach eigener Aussage immer im Hinterkopf, dass viele Frauen bereits Gewalt, insbesondere auch sexualisierte Gewalt, erlebt haben, und achtet darauf, dass im Kurs keine weiteren Grenzen überschritten werden. „Solidarität unter Frauen zu fördern, gerade wenn es um das Thema sexualisierte Gewalt geht, ist mir ein besonders wichtiges Anliegen. Viele Frauen fühlen sich nach wie vor sehr alleingelassen mit dem Erlebten.“

Frauen im Rollstuhl und auch allen anderen Frauen, die an einem ihrer Kurse teilnehmen, gibt Rapp vier Grundregeln mit auf den Weg:

  • Glaub an Dich!
  • Gib niemals auf!
  • Schau auf Deine Stärken!
  • Suche effektiv Hilfe!

Wichtige Punkte, die vermutlich auch im ganz normalen Alltag, ganz ohne Bedrohungssituation, jeder Frau (und jedem Mann) guttun.



  • Über Hilfsangebote und Präventionsmöglichkeiten informiert die Broschüre „Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit Behinderung“
  • Die Seite „Mädchen sicher inklusiv!“ des Mädchenhaus Bielefeld e. V. bietet eine – auf Wunsch anonyme – Online-Beratung für Mädchen mit Behinderung, die sich in einer Krisensituation befinden und zum Beispiel Hilfe und Schutz vor Gewalt suchen. Hier besteht die Möglichkeit zu Einzelchats und regelmäßigen Gruppenchats.

 

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