Der Jahrestag

Mein Geburtstag ist im März, trotzdem feiere ich auch einen Tag im Spätsommer. Den Tag meines Unfalls. Den Tag, an dem ich mir die Querschnittlähmung zuzog.

„Bist du soweit?“ schreit Jörn, an dessen Bauch ich geschnallt bin, in mein Ohr.

„Ja“, sagt mein Mund, der elende Verräter, während mein Verstand in meinem Inneren herumtobt und brüllt: „Nein! Bist du nicht! Bist du NICHT!“

Mein Mund wird trocken und will meinem Verstand gerade recht geben, aber da befinden wir uns schon im freien Fall in Richtung Erdboden. Die Welt wirbelt um mich herum. Steinige Gebirgspfade und kantige Felsen sausen auf mich zu und drohen meinen Schädel aufzuklopfen wie ein wachsweiches Frühstücksei. Dann reißt uns das Gummiseil zurück und wir schnellen wieder zu der Brücke hoch, von der wir uns gestützt haben. Jörn stößt ein triumphierendes Freudengejohle aus, während ich einfach nur froh bin, dass ich heute früh gründlich abgeführt habe…

Ich bin noch am Leben! Und ich genieße es in vollen Zügen!

So also hatte ich den dritten Jahrestag meines Unfalls begangen. Mit einem Tandem-Bungee-Sprung, weil das ungefähr das Extremste war, das ich mir hatte vorstellen können. Im Jahr darauf machte ich eine Mountainbike-Tour, bei der es über steile, holprige Waldpfade einen Berg hinab ging. Danach sah ich aus wie Sau – und war unglaublich glücklich. Im folgenden Jahr versuchte ich mich im Kite-Surfen und danach im Jet-Ski-Fahren.

Sie erkennen das Muster, ja? Ich feiere meinen Jahrestag, indem ich mir eine Herausforderung suche. Indem ich etwas mache, von dem alle überzeugt sind, dass das mit Querschnittlähmung gar nicht geht.

Ich beweise mir selbst und anderen das Gegenteil, mit einer Aktion, die schreit: „Hurra! Ich bin noch am Leben! Und ich genieße es in vollen Zügen! Seht was ich tue! Seht was ich kann!“

Auf Verständnis stoße ich damit nicht überall. Meine Eltern und Geschwister sind einhellig der Meinung, dass es an diesem Tag, der mein Leben so grundlegend veränderte, nichts zu feiern gäbe. Natürlich sind sie glücklich, dass ich lebe. Sie sind stolz auf mich. Sie sehen, dass ich fast alles erreicht habe, was sie sich für mich gewünscht haben. Trotz Querschnittlähmung! Sie sehen das glückliche, erfüllte Leben, das ich führe. Aber sie sehen auch, was ich nicht mehr bin. Was ich wegen des Unfalls nicht mehr hatte werden können. Und dieser Vergleich macht sie traurig.

Keine Vergleiche

Im Gegensatz zu meiner Ursprungsfamilie hat meine Frau keine Probleme damit, meinen Jahrestag mit mir zu begehen. Sie hat mich erst nach dem Unfall kennengelernt. Sie vergleicht den Mann, der ich bin, nicht mit dem Mann, der ich war. Sie fragt nicht „Was wäre gewesen wenn…?“ oder sagt „Weißt du noch, als….?“

Okay, manchmal sagt sie das schon, sie bezieht sich dabei aber nie auf einen Zeitpunkt, an dem ich noch gehen konnte. Sie sagt zum Beispiel eher so etwas wie: „Weißt du noch, als du heute früh gesagt hast, dass es kein Problem für dich ist nach der Arbeit was vom Bäcker mitzubringen?“, wenn wir unser Abendbrot mal wieder ohne selbiges essen müssen. Anders als andere denkt sie nämlich, dass nicht die Querschnittlähmung meine größte Einschränkung ist, sondern meine angeborene Schusseligkeit.

Den Tag, an dem ich feiere, dass ich noch immer am Leben bin, feiert meine Frau jedenfalls gerne mit. Am ersten Jahrestag, an dem wir ein Paar waren, gingen wir Tauchen im Roten Meer. Im Jahr danach war es Wild-Water-Rafting. Ich weiß noch, wie ihre Augen da leuchteten. Das Leben mit ihr zu feiern, sie an meiner Seite zu haben, wenn ich all diese wilden Dinge tue, macht noch viel mehr Spaß als die vorherigen Alleingänge. Mit ihr gemeinsam ans Limit zu gehen und dabei zu wissen, dass wir uns hundertprozentig auf die Rückendeckung des anderen verlassen können, ist vielleicht das größte und beste Abenteuer überhaupt.

Ein müdes Lächeln und wie es mir vergeht.

Kurz vor meinem jüngsten Jahrestag nimmt meine Frau mich beiseite und erklärt mir, dass sie die Pläne, die ich mache – Basejumping und Segelfliegen stehen ganz oben auf der Liste – zwar gut fände, sie mich dieses Jahr aber gerne überraschen würde. Mit etwas Extremem.

Ich stimme zwar großmütig zu, belächle sie aber mit einer gewissen Herablassung. Ich bin schließlich einiges gewohnt. Es gibt keine Herausforderung, die ich nicht meistern könnte! Kein Abenteuer, in das ich mich nicht mit Freude stürzen würde! Wenn sie mich aus der Reserve locken will, wird sie sich schon etwas besonders „Extremes“ einfallen lassen müssen.

Noch vor dem Aufstehen gibt mir meine Frau am Morgen des fünften Septembers ein kleines, längliches Kästchen. Es sieht verdächtig nach einer Schmuckdose aus, aber da meine Frau mir wohl kaum eine Halskette schenken wird, sehe ich meinen Verdacht auf einen Gutschein für irgendeine Aktion bestätigt.

Als ich das Kästchen öffne und sehe ich was darin liegt, geht mir der Arsch auf Grundeis. Ich fühlte mich fast wieder so wie beim Bungee-Jumping, als ich haltlos gen Erdboden fiel und dachte, mir würde der Schädel gespalten werden.

Es ist ein Schwangerschaftstest. Mit zwei blauen Strichen.

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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