Sechs Dinge, auf die man beim Kauf eines Rollstuhls achten sollte

Ein perfekt angepasster Rollstuhl ist eines der wichtigsten (Hilfs)-Mittel in Sachen Mobilität, Teilhabe und Selbstständigkeit. Betroffene sollten deshalb bei der Auswahl eines neuen Rollstuhls auf einige Aspekte achten.

Nach einem Querschnitt durch Unfall wird in der Regel in der Akutklinik, spätestens in der Reha, ein Erst-Rollstuhl ausgewählt und angepasst. Hier steht meist ein Team aus Ergo- und/oder Physiotherapeuten sowie Fachkräfte aus dem Sanitätsfachhandel mit Rat und Tat zu Seite.

Tritt die Lähmung schleichend ein (wie bei Multipler Sklerose, siehe: Multiple Sklerose und Querschnittlähmung) oder ein Betroffener benötigt nach einigen Jahren im Rollstuhl einen neuen fahrbaren Untersatz, steht das Netzwerk aus der Klinik nicht mehr zur Verfügung. Aber allein ist ein Betroffener dennoch nicht: Er kann sich von einem erfahrenen Rollstuhlfahrer aus dem Bekanntenkreis oder  aus entsprechenden Foren Tipps zur Rollstuhlanpassung holen (siehe: Deutschsprachige Online-Medien für Querschnittgelähmte) – und sich natürlich im Sanitätshaus seines Vertrauens beraten lassen.

Einen neuen Rollstuhl sollte man mit großer Sorgfalt auswählen, denn ein fehlerhaft angepasster Rollstuhl kann gravierende Auswirkungen auf die eigene Mobilität und die eigene Gesundheit haben. Zudem können schlechte Rolleigenschaften und eine geringe Wendigkeit des Rollstuhls die Mobilität deutlich einschränken (siehe auch: Energielabel für Rollstühle).

1. Wer übernimmt die Kosten?

Erfahrene Rollstuhlfahrer raten dazu, bei einem Neuantrag bereits in der Verordnung möglichst detailliert zu begründen, weshalb man welches Modell mit welcher Ausstattung möchte und braucht. Betroffene sollten ihren Bedarf nachvollziehbar vermitteln und wissen, welche Möglichkeiten die Sozialgesetze dazu eröffnen. Zudem wird dazu geraten, immer erst die Genehmigung abzuwarten, bevor man einen neuen Rollstuhl in Auftrag gibt.

Für detaillierte Informationen zum Prozedere siehe: Medizinische Hilfsmittel beantragen (1). Zudem gibt die Stiftung Warentest in ihrer Veröffentlichung Medizi­nische Hilfs­mittel: Was die Kasse zahlt einen guten Überblick zu Themen wie Genehmigung, Verordnung, Erstattung und Lieferanten (siehe auch: Hilfsmittel beantragen – Die Checkliste von Stiftung Warentest).

Falls der Erst-Antrag für den neuen Rollstuhl nicht genehmigt wird, besteht die – durchaus erfolgversprechende Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Siehe auch: Medizinische Hilfsmittel beantragen (2) – Keine Angst vor Widerspruch

2. Welches Modell passt zu mir?

Generell unterscheiden sich die Rollstühle nach ihrem Antrieb (siehe auch: Rollstuhltypen von A – Z  und Rollstuhlbestandteile und Zubehör):

  • Greifreifenrollstuhl
  • Manueller Rollstuhl mit Zusatzantrieb
  • Rollstühle mit Einhandantrieb (hier wird das zweite Rad über das erste Rad mitgesteuert)
  • Elektrorollstuhl oder Rolli, mit Elektromotor-Antrieb
  • Schieberollstuhl (passive Form der Fortbewegung)

Wer sich einen neuen Rollstuhl anschafft, sollte vorher eine Mobilitätsanalyse seiner selbst machen: Brauche ich ein klappbares Modell, weil ich es wirklich oft verstauen muss? Oder sollte ich einem Modell mit – stabilerem – Starr-Rahmen den Vorzug geben, zu dem Preis, dass das Verstauen vielleicht etwas länger dauert? Bin ich bereit, aus eigener Tasche einen Aufpreis zum Kassensatz zu zahlen, um mir mein Wunschmodell anzuschaffen?

3. Höhe, Breite, Tiefe: Das muss passen!

Eine professionelle Rollstuhlanpassung ist einer der wichtigsten Aspekte bei der Anschaffung eines neuen Rollstuhls, und es gibt einiges, das dabei beachtet werden muss.

Die wichtigsten Bereiche, die bereits bei der Herstellung des Rollstuhls angepasst werden sollten, sind

  • Sitzbreite
  • Sitztiefe
  • Rückenhöhe
  • Abstand zwischen Sitz und Fußbrett

Hersteller- und modellabhängig veränderbare Variablen, d. h. Komponenten, die jederzeit an z. B. die Tagesform des Rollstuhlfahrers angepasst werden können sind

  • Sitzhöhe
  • Sitzneigung
  • Armlehnen
  • Einstellung des Kipppunktes

Wenn ein Rollstuhl nicht optimal an seinen Fahrer angepasst ist, kann dies zu einer Reihe von negativen Auswirkung auf Gesundheit und Mobilität führen, die u. a. Haltungsschäden, Verlust der Körperstabilität, Überlastung von Gelenken und Muskulaturabbau umfassen und zu Verletzungen, Schmerzen und der Entstehung von Druckstellen führen können.

Für detaillierte Informationen zu den genannten Parametern und zu Anzeichen, die darauf hindeuten, dass ein Rollstuhl schlecht angepasst ist, siehe: Aspekte der Rollstuhlanpassung.

4. Wichtige Variable: Sitzkissen und -schalen

Im Prinzip kommt jeder Rollstuhl mit einem Sitzkissen bei seinem neuen Besitzer an. Ein Kissen, das zur Grundausstattung gehört und nicht extra verordnet wurde, besteht meist aus Schaumstoff in mittlerer Festigkeit, ist 3-5 cm hoch und quadratisch. Mitunter ist Rollstuhlfahrern der Standard zu wenig, sie benötigen z. B. spezielle Anti-Dekubitus-Sitzkissen, die den Druck auf eine größere Fläche verteilen, bzw. druckentlastend sind. Für Tipps zur bedarfsorientierten Auswahl des Sitzkissens siehe: Sitzkissen für Rollstühle.

Reicht die Rumpfmuskulatur nicht aus, um den Oberkörper eigenständig aufrecht zu halten, können Sitz- und Rückenschalen für eine bessere Haltung und mehr Aktivität im Rollstuhl sorgen. Ob die Indikation für eine Sitz- oder Rückenschale vorliegt und welche am besten geeignet ist, entscheidet der (Fach-)arzt. Siehe auch: Haltung bewahren mit Sitzschalen

5. Ab auf den Übungsparcour: Fahren will gelernt sein

Jeder Neu-Einsteiger in den Rollstuhl hat Anrecht auf ein Mobilitätstraining. Eine Umfrage des Deutsche Rollstuhl-Sportverband DRS zum Thema ‚Zur Einführung und Ausbildung im Gebrauch des Hilfsmittels Rollstuhl‘ ergab jedoch, dass weniger als die Hälfte der Umfrageteilnehmer eine solche Einweisung erhalten hat (siehe auch: DRS-Umfrage zur Rollstuhlversorgung: die Ergebnisse). Neu-Einsteiger sollten diese Chance nutzen – und alte Hasen könnten die Lieferung des neuen Rollstuhls als Motivation nehmen, einen entsprechenden Kurs zu besuchen.

Kurse zum Thema Mobilität im Rollstuhl werden von z. B. Querschnittzentren, Sanitätshäusern, Rollstuhlsportverbänden und Stiftungen angeboten. Wer einen Anbieter auswählt, sollte darauf achten, dass in den Kursen auch wirklich die relevanten Techniken vermittelt werden. Essentiell wichtig sind, z. B. das Kippen auf der Stelle und beim Drehen, das Überwinden von Schwellen mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen, das sichere Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel oder das selbstständige Befahren schwierigster Bodenprofile.

Für einen ausführlichen Beitrag mit Videoanleitungen siehe: Rollstuhlhandhabung: Mobil im Rollstuhl

6. Wohin mit dem Alten?

Meist bleiben Hilfsmittel wie Rollstühle im Besitz dessen, der sie (teil-)finanziert hat, z. B. eine Krankenkasse. Wer jedoch einen komplett selbst finanzierten Rollstuhl gegen ein neues Modell austauschen will, kann versuchen, seinen alten Rolli über eine Hilfsmittelbörse im Internet zu verkaufen (siehe: Hilfsmittelbörsen im Netz). Oder er kann ihn einer wohltätigen Organisation spenden (siehe auch: Wohin mit alten Rollis und Co? Hilfsorganisation sammelt (gebrauchte) Hilfsmittel).

Weitere Informationen zum Thema gibt es auch im Beitrag Acht Dinge, die man beachten sollte, wenn man (neu) im Rollstuhl unterwegs ist.

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