Reine Kopfsache? Sensorische Signale bei Querschnittpatienten

Eine Studie der schottischen Heriot-Watt-Universität hat ergeben, dass die Rehabilitation von Patienten mit plötzlich eingetretener Querschnittlähmung verbessert werden könnte, wenn ein Focus auf die Umweltwahrnehmung gelegt würde.

Die Studie „Affordanzen bei Querschnittlähmung“ geht davon aus, dass eine Verletzung des Rückenmarks zu kognitiven Beeinträchtigungen führen kann, auch wenn keine zerebrale Läsion erkennbar ist. Da die Patienten gezwungen sind, die Umgebung in einer sitzenden Position zu erkunden, kann eine veränderte Beziehung zum Raum motorisch-kognitive Unterschiede im Vergleich zu unverletzten Personen erklären. Der peripersonale Raum ist motorisch kodiert, d.h. er steht in Bezug zur Darstellung von Handlungsfähigkeiten und steht in engem Zusammenhang mit Erreichbarkeitsaffordanzen. Die Affordanzen wiederum, d. h. die von einem Gegenstand – offensichtlich vorhandene oder tatsächlich gegebene – angebotene Gebrauchseigenschaft  auch für Menschen, hängen mit dem peripersonalen Raum und den motorischen Fähigkeiten des Betrachters zusammen. Man könnte also davon ausgehen, dass diese motorisch-kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt werden, wenn ein Individuum die Bewegungsfähigkeit verliert.

Die Studie

Die schottischen Forscher haben dieses Thema bei 10 Patienten mit Paraplegie (d. h. es liegen keine motorischen Einschränkungen der oberen Gliedmaßen vor) und bei einer Kontrollgruppe von 20 Personen untersucht. Allen wurde eine Aufgabe zur Einschätzung zur Erreichbarkeit gestellt und es wurden neuropsychologische Tests vorgenommen. Die Ergebnisse zeigen, dass alle Studienteilnehmer die gleiche Genauigkeit bei der Schätzung der Lage ihrer peripersonalen Raumgrenzen aufweisen, aber nur die Kontrollgruppe die typische Überschätzung der Reichweite zeigte. Zudem zeigten Patienten mit Querschnittlähmung eine höhere Variabilität in ihren Beurteilungen als Kontrollpersonen.

Sensorische Signale

In einer Pressemitteilung der Heriot-Watt Universität erklärt Dr. Anna Sedda, Assistenzprofessorin für Psychologie am Heriot-Watt: „Die Studie liefert den Beweis, dass die physikalische Veränderung der Bewegungsfreiheit bei Querschnittlähmung einen direkten Einfluss darauf hat, wie unser Gehirn die Eigenschaften eines Objekts in sensorische Signale übersetzt.“

Beim Vergleich der Ergebnisse von Menschen mit Rückenmarksverletzungen und nicht querschnittgelähmten Menschen gleichen Alters, hätten die Wissenschaftler bei computergestützten Aufgaben festgestellt, dass Patienten mit Querschnittlähmung den Raum, den sie mit den Händen erreichen können, nicht überschätzen. Diese Überschätzung sei allerdings normal, da im Normalfall ja die Fähigkeit vorläge, den Oberkörper ein wenig weiter zu schieben und so die Reichweite zu erhöhen.

Die querschnittgelähmten Studienteilnehmer zeigten auch mehr Variabilität bei der räumlichen Beurteilung, was dadurch, dass die Zielobjekte näher an sie herangeführt wurden, verbessert worden sei.

Sedda sagt: „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen mit Querschnittlähmung die Eigenschaften eines Objekts, die mit der nachfolgenden Handlung zusammenhängen, nicht nutzen, und dass dieser Unterschied in der Wahrnehmung mit der alltäglichen Erfahrung zusammenhängt, wie sich der eigenen Körper nach Eintritt der Verletzung anders verhält als zuvor.“

„Derzeit können etwa 25% der Menschen mit Rückenmarksläsionen, die sensorische Funktionen zurückgewonnen haben, die Nutzung der unteren Gliedmaßen nicht wiedererlangen“, fügt Sedda hinzu, „und wir wissen noch nicht, woran das liegt.“

Die Forscher glauben, dass eine entsprechende kognitive Rehabilitation in Kombination mit Maßnahmen der Physiotherapie dazu beitragen könnte die erreichten Rehabilitationsziele für diese Patientengruppe zu verbessern.

Die Studie wurde im Fachmagazin Journal of Neuropsychology veröffentlicht: Affordances after spinal cord injury

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