Auf Partnersuche: „Ich erlebe oft, dass Leute überfordert sind“

„Liebe wird aus Mut gemacht“, singt Nena. Und an Mut mangelt es Lara ganz sicher nicht: Seit längerem ist die junge, querschnittgelähmte Frau sehr aktiv auf der Suche nach einem Lebenspartner. Durch eine ihrer Annoncen ist Der-Querschnitt.de auf die 27-Jährige aufmerksam geworden.

Lara weiß ziemlich genau, wie der Mann sein soll, nach dem sie sucht: „Wenn Du also zwischen 25 und 35 Jahre alt und ohne Kinderwunsch bist, ein gepflegtes Äußeres hast und auch eine langfristige Beziehung suchst, bis Du in meinem Leben genau richtig!“, schreibt sie in ihrer Annonce. „Vorausgesetzt, Du bist außerdem treu, ehrlich, verständnisvoll, sensibel, sozial eingestellt, ohne Berührungsängste und dazu bereit, mit mir in einer Beziehung durch dick und dünn zu gehen“. Dazu noch zwei Smileys – und fertig ist das Portrait dessen, der noch gefunden werden muss.

Keinen Zweifel lässt Lara auch daran, wer da auf der Suche nach einem Lebensgefährten ist: Nämlich eine Frau mit Behinderung. Nicht alle Suchenden entscheiden sich für diesen offenen, nahezu offensiven Umgang mit den Einschränkungen des eigenen Körpers.

Kontrovers diskutiert: Soll ich offensiv auf meine Behinderung hinweisen?

Die Frage, ob man bei der Partnersuche via Annonce und Online-Angebote von vorneherein auf seine Behinderung hinweisen oder sich damit lieber Zeit bis nach dem Erstkontakt lassen soll, wird kontrovers diskutiert. Einen informativen Überblick über diese Streitfrage, angereichert mit vielen Tipps zum Thema „Partnersuche mit Handicap“, hat die kommerzielle Online-Partnervermittlung ElitePartner.de auf ihrer Seite veröffentlicht. Der Text basiert auf Empfehlungen einer Diplom-Psychologin, die bei dieser Partnervermittlungsagentur als „Single-Coach“ fungiert. Letztendlich muss jeder und jede Suchende dennoch für sich alleine entscheiden, wann und wie er auf seine ganz persönliche Behinderung hinweist.

Die querschnittgelähmte Lara hat sich entschieden, nur noch in spezialisierten Magazinen auf die Suche nach einem neuen Partner zu gehen.

Lara zumindest hat sich ganz klar entschieden: „Ich sag´s direkt“.

Entsprechend liest sich ihre Anzeige, die die Redaktion im ASBH-Kompass, der Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Spina bifida und Hydrocephalus, entdeckt hat: „Ich sitze wegen einer von Geburt an bestehenden Querschnittlähmung im Rollstuhl und habe zudem auch noch einen shuntversorgten Hydrocephalus, und jeweils leider noch eine Folgeerkrankung (Chiari Malformation und Tethered Cord).“ Zudem erfahren potenzielle Interessenten, dass sie „ziemlich unordentlich“ ist, grün-braune Augen hat und im Moment noch im Sauerland wohnt. Dort arbeitet die Bürofachkraft momentan in einer Behindertenwerkstatt.

In dieser Einrichtung machte sie von 2010 bis 2013 ihre Ausbildung. Und lernte dort auch den Mann kennen, mit dem sie ihre bisher längste Beziehung hatte: „Wäre er nicht an den Folgen einer Muskelerkrankung gestorben, ich bin mir sicher: Wir wären noch ein Paar.“

Seither ist sie auf der Suche: „Nach der Ausbildung bin ich zurück in meine Heimat, in den Ruhrpott. Aber in meiner Heimatstadt habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich keinen gleichgesinnten Partner finde. Also bin ich zurück ins Sauerland zu der Einrichtung für Behinderte, auch in der Hoffnung, dort einen tollen Mann kennenzulernen.“

Doch bisher hat sie keinen anderen Mann gefunden, der Verständnis hat für die Probleme, die unter anderem die Lähmung im Lendenwirbelbereich mit sich bringt. Weder einen mit, noch einen ohne Behinderung. „Spätestens wenn du denen sagst, dass es zu meinem Behinderungsbild gehört, inkontinent zu sein, treten die ein Stück zurück und nehmen Abstand von dir.“
Am Telefon lacht die 27-Jährige kurz auf, dann erzählt sie weiter: „Das erlebe ich ganz oft und grundsätzlich, dass Leute damit überfordert sind. Teilweise kann da noch nicht mal meine Familie mit umgehen,“ – wieder ein kurzes Lachen – „und die kennen mich schon seit fast 30 Jahren!“

Spezialisierte Single-Börsen

Um derartige Zurückweisungen möglichst zu vermeiden, inseriert die junge Frau ausschließlich in Zeitschriften für Menschen mit Behinderung oder entsprechenden Foren, nie würde sie in einer klassischen Tageszeitung eine Annonce aufgeben: „Da wird das passieren, was ich gerade sagte: Da wären nur Männer, die damit völlig überfordert wären, dann kann ich das auch gleich lassen. Ich reduziere das lieber auf spezielle Magazine und Internetforen.“

Die Beschränkung auf Medien für Menschen, die in einer ähnlichen Lebenssituation wie man selbst sind, kann durchaus sinnvoll sein, hat jedoch auch Nachteile, da man z. B. den Kreis der potenziellen Adressaten/Lebensgefährten von vorneherein einschränkt. Auf dem Vergleichsportal singleboersen-finder.de  sind unter dem Titel „Singlebörsen für Menschen mit Behinderung“ sachlich und informativ die Vor- und Nachteile von konventionellen und spezialisierten Anbietern gegenübergestellt. Dieser Vergleich kann hilfreich sein, wenn man sich unsicher ist, in welchem Medium oder auf welcher Plattform man auf die Suche gehen will…

Auf Laras Kontaktanzeigen haben sich insgesamt etwa 30 Männer gemeldet. Der richtige war bisher nicht dabei. Manchmal ließen schon die ersten E-Mails ahnen, dass die Chemie ganz einfach nicht stimmt. Manchmal waren es ganz handfeste Gründe, die gegen den Ausbau des Kontakts sprechen: „Ich habe ganz klar geschrieben, dass ich im Sauerland wohne, es melden sich aber viele von irgendwoher. Obwohl die mitunter gar nicht mobil genug sind, um hin- und herzufahren.“

Weiter auf der Suche

Und deshalb sucht Lara weiter und ist voll des Mutes, dass sie einen Partner finden wird, der aus der Region stammt, zu ihr passt und gerne mit ihr lebt. Mit dem sie sich intellektuell austauschen kann und der bereit wäre, sich auf ihre spezielle Situation und Bedürfnisse einzulassen – so wie sie es auch bei ihm täte. Fußgänger oder Rollstuhlfahrer, das ist ihr egal: „Aber schön wäre natürlich ein Partner, der mich auch beim ein oder anderen Punkt in meinem Alltag unterstützen kann – und der mich so nimmt wie ich bin. Mit allem drum und dran!“. Eine neue Annonce hat sie noch nicht formuliert: „Das werde ich ganz spontan machen, wenn ich Lust darauf habe. Außerdem kann es ja gut sein, dass noch jemand einen meiner älteren Posts in einem Facebook-Forum entdeckt.“ Denn auch im Internet, u. a.  in der Facebook-Gruppe „Rolling Love“  hat Lara kundgetan, dass sie auf der Suche nach einem neuen Partner ist und auf ernstgemeinte Antworten hofft. Interessenten sollten übrigens neben Charme und Empathie eine weitere Voraussetzung mitbringen: „Natürlich ist die Optik jetzt auch nicht total und völlig unwichtig.“


Im Internet finden sich zahlreiche Singlebörsen und Partnervermittlungen für Menschen mit und ohne Behinderung. Manche der Angebote sind kostenfrei, bei manchen ist lediglich die Registrierung kostenfrei, bei manchen ist der Preis gestaffelt je nach Dauer des Vertrages, beziehungsweise abhängig von den Funktionen und Möglichkeiten, die User nutzen wollen. Bitte das Kleingedruckte lesen und die für sich passende individuelle Lösung finden. Nähere Informationen zum Thema Partnersuche im Netz gibt es im Beitrag Fisch sucht Handbike – Die Singlebörse Handicap-Love und andere Flirtportale.

 

 

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