Pflanzenkraft und Co: Vier Phytopharmaka-Gruppen und eine Therapiemethode, die man bei psychischen Problemen kennen sollte

Trauer über den partiellen Verlust der Körperkontrolle, die Verarbeitung eines traumatischen Unfalls, Zukunftsängste – einige Querschnittgelähmte entwickeln deshalb Depressionen, Angststörungen, aber auch depressive Verstimmungen. Pflanzliche Mittel und alternative Heilmethoden können helfen. Neue Studien belegen die Wirksamkeit einiger Verfahren und Präparate.

Jeder fünfte Deutsche war oder ist laut Stiftung Deutsche Depressions-Hilfe zumindest einmal in seinem Leben an einer depressiven Störung erkrankt. An Angststörungen leiden und litten laut Bundes-Psychotherapeuten-Kammer über 15 Prozent der Bevölkerung. Die Behandlung durch einen Psychiater oder Therapeuten kann Betroffenen helfen (siehe auch: Psychotherapie nach der Reha: Darauf kommt es an). Aber nur jeder fünfte Erwachsene zwischen 18 und 79 Jahren habe bei einer akuten psychischen Erkrankung zumindest einmal Kontakt zu Haus- oder Fachärzten, Psychotherapeuten oder stationären Einrichtungen.

Zudem, so formuliert es zumindest die Studie Der Stellenwert der Phytomedizin in der Psychiatrie der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGBP), können Faktoren wie die „Angst vor Nebenwirkungen, wie beispielsweise die Entwicklung einer Abhängigkeit unter der gegenwärtig angewandten Psychopharmakotherapie, und die unzureichende Verfügbarkeit von Psychotherapie-Plätzen“ dazu beitragen, Menschen von einer medikamentenunterstützten Therapie abzuhalten. Präparate auf pflanzlicher Basis können hier eine Alternative darstellen. Bei einigen, so die Studie, ist die Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen.

Die Top-3 der Pflanzenpräparate gegen psychische Probleme sind laut dieser Studie:

1. Stark im Kampf gegen Depression: Johanniskraut

Schon Paracelsus schrieb zur Depressionsbehandlung über die Wirkung des Johanniskrauts gegen die „dollmachenden Geister“ – erste klinische Studien wurden jedoch erst in den 1980er Jahren, 30 Jahre nach dem Beginn der Entwicklung synthetischer Antidepressiva, durchgeführt. Inzwischen gibt es zahlreiche seriöse, klinische Studien und Metaanalysen, die die Wirkung des Johanniskrauts bestätigen.

Die österreichischen Autoren sehen diese vor allem im Zusammenwirken der zahlreichen bioaktiven Komponenten, die im Johanniskraut stecken (u. a. Hyperforin, Hyperosid, Hypericin und Amentoflavon), begründet, wobei Hypericin und Hyperforin der Hauptanteil des therapeutischen Effekts zugeschrieben wird.

Zumindest bei leichten bis mittelgradigen Depressionen gelten Johanniskraut-Präparate den Placebos überlegen und ähnlich wirksam wie Standard-Antidepressiva.

Aber nicht jedes Mittel, auf dem Johanniskraut steht, wird von den Wissenschaftlern empfohlen. Nach Auswertung zahlreicher Studien weisen sie darauf hin, dass vor allem hochkonzentrierte, meist nur in der Apotheke erhältliche, Präparate mit 0,5 % bzw. 5% Hyperforin die erhoffte Wirkung insbesondere auf die Kernsymptome der depressiven Störung wie gedrückte Stimmung, Antriebsverminderung, Interessenlosigkeit, Schuldgefühle sowie allgemeine somatische Symptome, zeigen. Nur bei schweren oder chronischen Depressionen wird von einem Einsatz des pflanzlichen Mittels abgeraten.

Auch wenn Pflanzenmittel im Ruf stehen, weniger Nebenwirkungen zu haben: „ungefährlich“ und neben- und wechselwirkungsfrei sind sie nicht. Deshalb empfehlen die Autoren die Einnahme eines Phythopharmazeutikums nur in Rücksprache mit einem Arzt und der damit verbunden ausführlichen „Aufklärung über die möglichen unerwünschten Wirkungen und Interaktionen mit anderen Medikamenten“ sowie einer ärztlichen Betreuung während der Einnahme.

2. Immer mit der Ruhe: Die wohltuende Wirkung von Lavendelöl

Auch in Lavendel steckt mehr als nur ein Wirkstoff: Sein Öl enthält über 160 verschiedene Substanzen, wobei die Hauptbestandteile Linalool und Linalylacetat sind.

Angewandt wird das Öl aus Lavandula angustifolia wegen seiner entspannenden Wirkung u. a. in der Aromatherapie. Für weitere Informationen zum Thema Aromatherapie siehe auch: Aromatherapie bei Querschnittlähmung, über die Heilkraft von Pflanzenölen informiert der Beitrag Kräuter und Gewürze.

Phytopharmaka auf Basis von Lavendelöl können jedoch mehr als nur entspannen: In Form von Kapseln finden sie als ergänzende oder begleitende Maßnahme bei der Therapie von Schmerzen, innerer Unruhe, Angstgefühlen und daraus resultierenden Schlafstörungen Anwendung (zum Thema Schlafstörungen siehe auch: Alternative Methoden für einen besseren Schlaf) – und wirken z. B. bei generalisierter Angststörung mitunter ähnlich gut wie Psychopharmaka. Die österreichischen Autoren schreiben ihnen auch eine positive Wirkung bei Neurasthenie (Nervenschwäche), posttraumatischer Belastungsstörung, Somatisierungsstörung sowie gemischter Depression zu.

3. Sanfter Stresskiller: Rosenwurz

Stärkend und beruhigend zugleich soll Rosenwurz wirken. Im Wurzelstock der Hochgebirgspflanze stecken über 140 Wirkstoffe – wobei die wirksamkeitsrelevanten Inhaltsstoffe Salidrosid (auch bekannt als Rhodiolosid) sowie sog. Rosavine (Rosavin, Rosin und Rosarin, Phenylpropanoide) zu sein scheinen.

Rosenwurz zählt zu den Adaptogenen, d. h. die Heilpflanze kann durch ausgleichende Effekte die Widerstandfähigkeit eines des Organismus gegenüber biologischen, chemischen und physikalischen Belastungsfaktoren stärken. Zahlreiche Studien hätten gezeigt, so das Team um Univ.-Prof. Dr. Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Wien, dass die Einnahme von Rosenwurz-Präparaten z. B. bei Burn-out-Patienten zu einer deutlichen Verbesserung ihres Zustandes geführt habe. Andere Studien würden mit Einschränkungen (Standardisierungsprobleme, fehlende Replikationsstudien) ergeben, dass Rosenwurz als Adaptogen eine Reihe positiver Wirkungen bei verschiedenen pathophysiologischen Zustandsbildern wie körperlicher und geistiger Ermüdung (Aufmerksamkeitsstörung), Stress-induzierter chronischer Fatigue (siehe auch: Fatigue – Chronische Erschöpfung) und Depression zeige und dank seiner „kognitiv stimulierenden und emotional beruhigenden Wirkung“ eine effektive Ergänzung bei der Behandlung psychischer Stress-Symptome darstelle. Mehr Informationen zum Thema Stress sowie Stressbewältigung finden sich in den Beiträgen sowie Wie kann ich Stress entgegenwirken? sowie Wie kann ich Stress entgegenwirken?

4. „Edelplacebos“ oder Wundermittel? Weitere beliebte Heilpflanzen

Mangels wissenschaftlicher Belege nicht in der Übersicht enthalten: Baldrian, Hopfen, Enzian, Kamille, Thymian, Schokolade, Kaffee… Es gibt unzählige Kräuter, Rinden oder Wurzeln, denen Menschen eine heilende Wirkung auf die Seele (oder den Körper) zuschreiben. Andere sehen in ihnen eher Edelplacebos, die allenfalls deshalb wirken, weil der Betroffene an sie glaubt.

Doch viele Anwender schwören – gerade bei leichteren Beschwerden – auf die Tees oder Anwendungen. In ihrer reinen Form oder in homöopathischer Darreichung. Einen Überblick z. B. über die Bachblüten-Therapie geben die Beiträge Zur inneren Harmonie mit der Bach-Blütentherapie  sowie Erste Hilfe für die Seele mit Bach-Blüten Notfalltropfen.

5. Kleiner Piks mit großer Wirkung: Akupunktur

Nicht nur ein Phytopharmazeutikum, sondern auch Akupunktur kann gegen Depressionen helfen. Zumindest als Begleiterin einer Psychotherapie. Eine US-Studie stellte auf der Suche nach nichtpharmakologischen Behandlungsalternativen fest: Wird eine (Gesprächs-)Therapie mit Akupunktur-Sitzungen kombiniert, profitieren Depressions-Patienten ganz besonders.

Über die Wirkung der Akupunkturmassage, einer Weiterentwicklung der klassischen Akupunktur, auf das körperliche und seelische Befinden Querschnittgelähmter informiert ausführlich der Beitrag Akupunkturmassage nach K. Radloff bei Querschnittlähmung.


Für Menschen, die unter psychischen Problemen wie Depressionen leiden, gibt es zahlreiche Hilfsangebote: Unter anderem können sie sich an die Telefon-Seelsorge (0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222) wenden, die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet ein Informationstelefon (0800/33 44 533) und auf ihrer Seite eine interaktive Karte mit Suchfunktion für Krisendienste und Beratungsstellen an.

Im Falle einer Erkrankung oder des Verdachts auf eine Depression ist das Gespräch mit einem Arzt/Psychologen unverzichtbar.

 

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.