Querschnittlähmung: Der Einfluss der Lähmungshöhe

Welches Ausmaß eine Rückenmarksverletzung hat, ist abhängig davon, ob sie komplett oder inkomplett ist und von der Läsionshöhe, d. h. von der Stelle im Rückenmark, an der die Verletzung vorliegt.

Die Wirbelsäule besteht aus 24 freien Wirbeln, die über 23 Bandscheiben beweglich verbunden sind, sowie aus acht bis zehn Wirbeln, die zu Kreuz- und Steißbein verwachsen sind. Entsprechend der Wirbel wird das in der Wirbelsäule verlaufende Rückenmark in neurologische Segmente unterteilt, denen zwei Spinalnerven entspringen und über die die Motorik und Sensibilität gesteuert werden.

Nach der Geburt wächst die Wirbelsäule schneller als das Rückenmark. Beim Erwachsenen ist das Rückenmark daher kürzer als die Wirbelsäule und endet etwa auf Höhe des Rückenmarksegments L2.

Auffällig ist, dass im oberen Teil der Wirbelsäule gleichnamige Wirbel und Rückenmarksegemente sich noch nahezu gegenüber liegen, es im unteren Teil jedoch zu einer immer größeren Verschiebung kommt. Dies liegt darin begründet, dass erst die Austrittsstelle der Nervenfaser aus der Wirbelsäule entscheidet, welche Bezeichnung das Rückenmarksegment trägt, mit dem ihre Wurzelfasern verbunden sind.

Die Benennung der einzelnen Spinalnerven entspricht den Rückenmarkssegmenten aus denen sie austreten. Das Paar der beiden obersten Spinalnerven tritt oberhalb des ersten Halswirbels aus. Da auch das unterhalb des siebenten Halswirbels austretende Spinalnervenpaar (C8) noch dem Halsbereich zugeordnet ist, gibt es acht zervikale Spinalnervenpaare bei nur sieben Halswirbeln.

Man spricht von:

  • Halsbereich: 8 zervikale Nervenpaare, C1 – C8
  • Brustbereich: 12 thorakale Nervenpaare, Th1 – Th12
  • Lendenbereich: 5 lumbale Nervenpaare, L1 – L5
  • Kreuzbeinbereich: 5 sakrale Nervenpaare, S1– S5
  • Steißbeinbereich: (meist) 1 kokzygeales Nervenpaar, Co1

Rückenmarkssegmente und ihre Einflussbereiche

Die Spinalnerven, die die Arme und Hände ansteuern, entspringen dem Halswirbelbereich, während die Spinalnerven, die die Beine (und auch Blase, Darm und Genitalien) ansteuern, den Lenden- und Kreuzbeinsegmenten entspringen. Wenn also eine Rückenmarksverletzung auf einer bestimmten Höhe vorliegt, sind die Nerven betroffen, die dem Rückenmark auf dieser Höhe und darunter entspringen.

Das heißt: Je höher die Läsionsstelle ist, desto mehr Körperbereiche sind von motorischen und sensiblen Einschränkungen betroffen. Wenn das Rückenmark im Halswirbelbereich (C1 bis C8) verletzt ist, liegt eine Tetraplegie vor; wenn es in den darunter liegenden Bereichen (ab Th1) verletzt ist, liegt eine Paraplegie vor (siehe auch: Formen der Querschnittlähmung).

Dermatome, die den spezifischen Rückenmarkssegmenten zugeordnet sind.

Die verschiedenen Läsionshöhen

C1 – C5

Komplette Rückenmarksverletzungen im Halswirbelbereich oberhalb von C5 sind besonders schwerwiegend und bedeuten einen Funktions- und Sensibilitätsverlust in Armen und Händen sowie im Rumpf und den unteren Extremitäten. Zudem sind Darm-, Blasen-, Sexual- und evtl. auch die Schluckfunktion beeinträchtigt.

Hinzu kommen bei derart hohen Lähmungen außerdem die Auswirkungen auf die Atmung:  Je höher das Lähmungsniveau, umso mehr erstreckt sich die Lähmung auch auf die direkt an der Atmung beteiligten Muskeln, die z. B. den Brustkorb beim Atmen anheben und damit die Lunge auseinanderziehen (siehe Tab.). Das Zwerchfell trägt 60 bis 70% zur Einatmung bei und ist damit der wichtigste Atemmuskel, aber auch die Zwischenrippenmuskulatur und die Halsmuskulatur wirken bei der Atmung mit. 

Läsionshöhe Betroffene Atemmuskulatur Notwendige Versorgung
C1/2
  • Zwerchfell (Diaphragma)
  • Zwischenrippenmuskulatur (interkostale Muskulatur)
  • Halsmuskulatur
Maschinelle Beatmung
C2/3
  • Zwerchfell (Diaphragma)
  • Zwischenrippenmuskulatur (Interkostale Muskulatur)
  • evtl. Halsmuskulatur
Evtl. Atemhilfsgerät
C3 – C5
  • Zwerchfell (Diaphragma)
Evtl. Atemtherapiegeraät

(nach Grosse, 1993; Zäch/Koch, 2006)

Neben der evtl. Notwendigkeit von Beatmungsgeräten sind Menschen mit einem derart hohen Lähmungsniveau vollständig bzw. überwiegend (bei C5) pflegeabhängig.

Eine rollstuhlgerechte Wohnung mit Spezialmatratze, Duschliege, Lifter bzw. Transferhilfe und Notrufsystem ist notwendig.

Für die Mobilität ist ein Elektrorollstuhl mit Mund- bzw. Kinnsteuerung oder bei einer Lähmungshöhe von C5 mit Handsteuerung die Voraussetzung. Ausschließlich bei einer Lähmungshöhe von C5 ist evtl. das Fahren in einem angepassten PKW, selbständiges Essen und Körperpflege mit Greifhilfen (unter Ausbildung einer passiven Funktionshand) sowie das beidhändige Arbeiten mit adaptierten Bürogeräten möglich, da Schulter- und Bizepskontrolle aber keine Kontrolle von Hand und Handgelenk gegeben ist. Bei Lähmungen über C5 ist das Arbeiten nur mit einer individuell angepassten Mundsteuerung am Arbeitsplatz und eine Umweltkontrolle nur über entsprechende Geräte und Applikationen möglich.

C6 – C8

Verletzungen im unteren Halswirbelbereich führen zu einem Funktions- und Sensibilitätsverlust in z. T. den Armen und Händen sowie im Rumpf und den unteren Extremitäten. Zudem sind Darm-, Blasen- und Sexualfunktion beeinträchtigt. Auch das Atmen und Husten kann durch die nicht innervierte Rumpfmuskulatur beeinträchtigt sein.

Bei C6-Verletzungen besteht meist eine Kontrolle des Handgelenks, aber keine Handfunktion, weshalb eine aktive Funktionshand (siehe: Ausbildung einer Funktionshand) ausgebildet werden kann, um ein Greifen zu ermöglichen.

Betroffene mit Verletzungen in den Bereichen C7 – Th1 können ihre Arme beugen und strecken, können aber trotzdem eine nur eingeschränkte Handfunktion haben.

Für die Mobilität ist ein manueller Rollstuhl mit oder ohne Zusatzantrieb Voraussetzung und das Fahren in einem angepassten PKW ist möglich. Bei der persönlichen Pflege sind Menschen mit diesen Lähmungshöhen teilweise bis vollständig selbständig; ein beidhändiges Arbeiten (bei C6/7-Verletzungen mit Hilfsmitteln) ist möglich.

Eine rollstuhlgerechte Wohnung mit Spezialmatratze, Transferhilfe, Duschrollstuhl bzw. -sitz und evtl. einem Badewennenlifter ist Voraussetzung für größtmögliche Selbständigkeit im Alltag.

Th1 – Th8

Der erste Brustwirbel befindet sich etwa auf gleicher Höhe wie die oberste Rippe. Während die oberen Extremitäten nicht betroffen sind, führen Verletzungen hier i. d. R. zu Lähmungen und Sensibilitätsausfällen in Brust, Bauch, Hüften und Beinen sowie zu Störungen der Darm-, Blasen- und Sexualfunktion. Da die Bauchmuskeln von der Lähmung betroffen sein können, kann nur eingeschränkt gehustet werden.

Während eine Querschnittlähmung (gleich welcher Höhe) keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit von Frauen im gebärfähigen Alter hat, kann bei einer Läsionshöhe von oberhalb Th6 die Milchproduktion nach der Entbindung und damit das Stillen des Babys beeinträchtigt sein (Kämpfer, 2012).

Diese Läsionshöhe von Th6/7 ist ebenfalls ausschlaggebend für das mögliche Auftreten einer autonomen Dysreflexie, einer Kreislaufstörung, die u. U. lebensbedrohlich sein kann (siehe: Was geschieht bei einer autonomen Dysrefexie?).

Th9 – Th12

Bei einer Verletzung im unteren Brustwirbelbereich (Th9 – Th12) sind Rumpfkontrolle und auch eine gewisse Kontrolle der Bauchmuskulatur gewährleistet, während Hüfte und Beine gelähmt sind. Auch Darm, Blase und Sexualfunktion sind meist beeinträchtigt. Bei letzterem ist zu beachten, dass Querschnittgelähmte eine psychogene Erektion haben, wenn die Läsionshöhe unterhalb von Th11 bis L2 liegt, selbst wenn sakrale Wurzeln oder das sakrale Rückenmark zerstört sind. Reflektorische Erektionen sind bei einer Läsionshöhe von oberhalb Th11 möglich, allerdings nur wenn die sakralen Wurzeln und das sakrale Rückenmark intakt sind (Kämpfer, 2012).

Bei einer Läsion oberhalb von Th10 kann u. U. ein erhöhtes Risiko von Gallenerkrankungen und gestörter Gallenblasenmotilität bestehen (Apstein et al., 1987).

Für alle kompletten Verletzungen im Brustwirbelbereich gilt:

Möglich sind das beidhändige Arbeiten und das freie Sitzen mit Rückenlehne. Eine rollstuhlgerechte Wohnung mit Spezialmatratze, Duschrollstuhl und evtl. einem Badewannenlifter ist Voraussetzung für die Selbstständigkeit.

Für die Mobilität ist ein mechanischer Rollstuhl notwendig und der PKW muss entsprechend adaptiert und mit einem Handsteuergerät ausgerüstet sein.

L1 – L5

Verletzungen von Nerven im Bereich von L1 – L5 führen in der Regel zu einem gewissen Funktionsverlust der Hüften und Beine. Auch Darm, Blase und Sexualfunktion sind meist beeinträchtigt.

Möglich sind das beidhändige Arbeiten und das freie Sitzen evtl. ohne Rückenlehne. Evtl. auch das Gehen kurzer Strecken mit Gehhilfen. Eine rollstuhlgerechte Wohnung ist Voraussetzung für die Selbstständigkeit.

Für die Mobilität ist ein mechanischer Rollstuhl notwendig und der PKW muss entsprechend adaptiert und mit einem Handsteuergerät ausgerüstet sein.

S1 – S5

Die Sakralwirbel verlaufen vom Becken bis zum Ende der Wirbelsäule. Verletzungen von S1 – S5 führen i. d. R. zu einem gewissen Funktionsverlust in Hüften, Beine, Knöchel und Füße sowie zu einer eingeschränkten Kontrolle von Darm und Blase und eingeschränkter Sexualfunktion.

Das Gehen und das Treppensteigen sollte kein Problem darstellen. Für sportliche Zwecke wird evtl. ein Sportrollstuhl benötigt und auch der Einsatz einer Peronaeusschiene kann im Einzelfall notwendig sein. Bei einer Lähmungshöhe von S1 sind keine spezifischer Hilfsmittel erforderlich.

Für die Mobilität im PKW wird eine Automatikschaltung notwendig sein.

Weitere Informationen

Für weitere Informationen siehe: Rehabilitationsziele bei Querschnittlähmung

Die genannten Möglichkeiten und Einschränkungen beziehen sich auf komplette Lähmungen. Bei inkompletten Lähmungen kann sich ein weitaus differenzierteres Bild zeigen, so dass bei inkompletter Lähmung keine Aussage über den Einfluss der Lähmungshöhe gemacht werden kann. Siehe: Die inkomplette Querschnittlähmung.

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