Schlafen Sie gut. Wenn Sie können.

Schlafstörungen sind etwas, das man als echter Kerl nicht ernst nimmt. Richtig? Ich meine, ich habe ja schon eine Querschnittlähmung. Soll ich mich jetzt wegen so einem Pipifax wie Einschlafschwierigkeiten beschweren? Nein. Ich doch nicht.

Das jedenfalls dachte ich vor etwa sechs Monaten, als die leichten Schlafprobleme, die ich schon immer gehabt hatte, begannen unerträglich zu werden. Es lief jeden Abend gleich ab: Ich war hundemüde, konnte aber nicht einschlafen und wenn ich es dann schließlich doch geschafft hatte, schreckte ich wenige Stunden später wieder hoch und lag wach bis der Wecker klingelte. Tagsüber war ich dann erschöpft und den Kollegen und meiner Frau gegenüber verhielt ich mich oft wie die hohläugigen, halbverwesten Zombie-Monster aus einer Horrorserie (die ja ihrerseits auch gerne mal für Schlafstörungen sorgen…). An dem Punkt fing ich dann doch an, mich zu beklagen.

Mein Umfeld gab mir die üblichen Tipps:

  • Schäfchen zählen
  • Warme Milch trinken
  • Schlafzimmer abdunkeln
  • Keine (!) Gruselfilme gucken
  • Sex haben (dieser Vorschlag kam von meinem Bruder, dem Windhund).

Aber irgendwie half alles nichts.

Schlafstörungen bei Querschnittlähmung? Allerdings!

Irgendwann beschlich mich der Verdacht, dass meine Schlafstörungen ja durchaus etwas mit meiner Tetraplegie zu tun haben könnten. Ich recherchierte und, ob Sie es glauben oder nicht, eine Querschnittlähmung kann den Schlaf erheblich beeinflussen. Zum Glück ist die Schlafapnoe an mir vorbeigegangen – Sie können sicher sein, dass meine Frau es mir sagen würde, würde ich schnarchen – aber das heißt ja nicht, dass der Rest der Schlafproblematik mich verschont hat. Ja, genau: Auch hier krieg ich einen Knüppel zwischen die ohnehin schon gelähmten Beine. Die Temperaturdysregulation erschwert es in den Schlaf zu finden, die autonome Dysreflexie weckt einen auf, der Aktivitätsumfang ist eingeschränkt und – das Sahnehäubchen sozusagen – mit der Querschnittlähmung kommt es zu einer eingeschränkten Hormonproduktion von u. a. Testosteron und Melatonin, deren Mangel zu Schlafproblemen führen kann.

Meine Frau und ich dachten also über all die gesammelten Informationen gründlich nach und erstellten für mich einen ausgefuchsten Vier-Punkte-Plan:

  • Schritt 1: Mich auspowern.
    Obwohl ich nur Teilzeit arbeite, finde ich mein Tagesprogramm schon ziemlich straff, einfach weil ich als Tetraplegiker viel länger für alles, was so anfällt, brauche. Trotzdem versuche ich nachmittags eine Runde Sport einzuschieben, entweder beim Rugby-Training, bei einer Tour durch den Park oder einem Oberkörper-Workout im hauseigenen Fitnessstudio (aka: dem Keller).
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  • Schritt 2: Verzicht üben.
    Alkohol und Koffein sind zwei ganz große „No-Nos!“ bei Schlafstörungen. Der Verzicht auf Alkohol trifft mich nicht so hart, weil ich eh nicht so der Schluckspecht bin, aber „Kein Kaffee!“ ist schon eher dazu geeignet mich in Tränen ausbrechen zu lassen. Ich halte mich jetzt erstmal mit entkoffeiniertem Kaffee über Wasser, wobei ich aber langfristig auf Kräutertee umsteigen sollte (würg!).
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    Worauf ich neuerdings auch verzichte sind Fernsehen und Computerspielearbeit zwei Stunden vor dem Schlafengehen. Stattdessen lese ich bei gedimmten Licht Gedichte und Gebrauchsanweisungen, die mich ganz besonders müde machen.
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  • Schritt 3: Schlummertrunk trinken.
    Die Melatoninproduktion kann angeregt werden, und zwar mit einem superleckeren Schlummertrunk, den ich mir eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen gönne. Warme Mandelmilch mit Honig, Zimt, Vanille und Muskat. Ich muss mich echt zwingen, nicht zu viel von dem Zeug zu trinken, weil mich ja sonst nachts eine volle Blase wieder wecken könnte.
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  • Schritt 4: Für Wärme sorgen.
    Bevor ich mich schlafen lege, nehme ich ein Fußbad. Das heiße Wasser wärmt meine Füße schön auf und das Lavendelöl, das ich dazugebe, regt die Durchblutung an.
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    Im Bett lege ich dann eine Infrarot-Wärmedecke auf meine Beine. Mit Heizdecken muss ich vorsichtig sein, da ich wegen der Sensibilitätsstörung ja nicht merke, wenn es zu heiß ist. Das Ding ist also auf die niedrigste Temperatur und so eingestellt, dass es nach fünfzehn Minuten von alleine ausgeht.

 

Das Monster unterm Bett

Meine Schlafstörungen sind nach ca. zwei Monaten nicht weg, aber sie sind besser geworden. Ich schlaf durch und bin tagsüber nicht mehr unausstehlich. Und wenn es in den kommenden Nächten mal wieder eng werden sollte, dann bestimmt nur, weil ich jetzt, im Vorfeld zu Halloween, ganz viele Gruselfilme sehen werde und dann Angst hab, dass was sabberndes und verwesendes unter meinem Bett liegt und irgendwann seine bleiche Hand ausstrecken wird, um nach mir zu greifen. Und dieser Gedanke lässt mich, wirklich, gar nicht gut schlafen…

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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