Leben mit inkompletter Querschnittlähmung: „So tun als ob hat seine Grenzen.“

Klaus Gerz ist seit 53 Jahren inkomplett querschnittgelähmt. Und all die Jahre versuchte er so zu tun, als wäre er es nicht. Aber trotz der erhaltenen Gehfähigkeit musste er sich Herausforderungen stellen, die mit der Zeit nicht weniger wurden.

1965 brach sich Klaus Gerz bei einem Kopfsprung in einen öffentlichen Pool den Hals und zog sich eine inkomplette Tetraplegie zu. Seine Rehabilitation fand in Stoke Mandeville, der Wirkstätte des Vaters der Querschnittgelähmten Sir Ludwig Guttmann, statt. Ein Umstand, der dem damals 17-jährigen wohl das Leben gerettet hat. Er sagt: „Ich bin sozusagen das Urgestein der Querschnittgelähmten; die erste Generation Rückenmarksverletzter, die trotz der Querschnittlähmung eine normale Lebenserwartung hat.“ (Siehe auch: Leben mit Querschnittlähmung: „Die Rehabilitation bei Ludwig Guttmann hat mir das Leben gerettet.“)

Gerz sagt, er hatte 52 Jahre so getan, als wäre er gar nicht querschnittgelähmt. Aufgrund der Inkomplettheit seiner Lähmung war seine Gehfähigkeit weitgehend erhalten. Allerdings waren durchaus Einschränkungen gegeben. Mit diesen möglichst erfolgreich umzugehen ist laut Gerz eine Frage des Willens: „Ich glaube, dass die Rehabilitation und die Gestaltung des Lebens nach Eintritt der Querschnittlähmung ganz viel mit dem eigenen Willen zu tun hat. Natürlich kann ein kompletter Para- oder Tetraplegiker keine Funktionen zurückgewinnen, auch wenn er noch so sehr daran arbeitet. Aber wie gut oder wie schlecht, bzw. wie glücklich und erfolgreich man mit der Querschnittlähmung lebt, da haben Wunsch und Wille und die Ansprüche, die man an sich selber stellt, durchaus einen Einfluss. Hinzu kommt, dass Familie und Freunde mich stets unterstützten.“

Die Gehfähigkeit bei inkompletter Lähmungshöhe

Schon in Stoke Mandeville war klar, dass Gerz trotz der Lähmungshöhe von C7 keinen Rollstuhl brauchen würde. Zunächst ging er mit der Hilfe von Gehstöcken, dann ohne. Allerdings, so Gerz, erforderte das Gehen und Stehen seine volle Konzentration. Sein Gehen sei nie ein leichtes Dahinschlendern gewesen. „Ich muss mich auf die körperliche Tätigkeit, die ich ausführe, voll konzentrieren. Ich kann spazieren gehen oder mich unterhalten, ich kann Geschirr spülen oder aufmerksam zuhören. Beides geht nicht. Aber das ist natürlich auch nichts, was ich sofort allen erzählte. Ich tat ja so als wär ich nicht querschnittgelähmt. Möglich, dass ich manche Menschen damit ganz schön irritiert habe.“

Überhaupt, so Gerz, sei es nicht so, dass ihn die inkomplette Querschnittlähmung nicht beeinträchtigte. Es hatte nur gerne das Bild vermittelt, dass dem so sei. Auf einer gewissen Ebene sei es ihm schon immer klar gewesen, dass er eine Behinderung hatte. Nur hatte er es nicht zugeben wollen. „Ich habe immer Vollzeit gearbeitet, immer kompensiert. Was mein Körper nicht von alleine leistet, hab ich eben mit mehr Anstrengung wettgemacht. Ich musste immer mehr geben, um das gleiche zu erreichen, wie andere.“

Was sein Gangbild angeht, hat Gerz einen Trick auf Lager. „Es ist immer gut, Schuhe mit glatten Sohlen zu tragen. Gummisohlen oder ein grobes Profil können mich bremsen oder zum Stolpern bringen. Aber mit glatten Ledersohlen gleiten die Füße am Boden, sodass es nichts ausmacht, wenn ich sie nicht hoch genug anhebe.“

„Außerdem ist es immer gut, wenn man sich beim Gehen an irgendwas festhalten kann. Als meine Söhne klein waren, schob ich sie oft im Kinderwagen herum. Damit war ich deutlich schneller unterwegs als ohne, weil ich mehr Stabilität hatte. Später bin ich dann auf einen Kickroller umgestiegen. Meine Rumpfkontrolle und Körperspannung reichten zum Alpin-Ski-Fahren, warum als nicht zum Rollern. Damit war ich immer genauso schnell oder noch schneller unterwegs als meine Familie. Im Großen und Ganzen fanden sie es auch gut, dass ich so mobil war, bis auf die paar Male, bei denen es mich mit dem Roller hingelegt hat. Zum Beispiel im Urlaub kopfüber einen Schotterweg runter. Aber mir ist nie was passiert und aufgeben wollte ich den Roller ja um keinen Preis.“

Jetzt allerdings steht der Roller auf dem Abstellgleis, denn Gerz ist jetzt, im Alter von 70 Jahren, nochmals umgestiegen. Diesmal in einen Rollstuhl. „Mit dem Alter wird es schwieriger die Einschränkungen, die mit der Querschnittlähmung kommen, so zu kompensieren wie früher. Für 120% fehlt mir heute schon mal die Kraft. Das mit dem Rollstuhl ist schon eine Umstellung. Aber ich muss sagen, ich komme deutlich schneller und kraftsparender voran. Vor allem jetzt, wo ich das Mobilitätstraining hinter mir habe. Zuhause brauch in den Rollstuhl nicht, aber im nächsten Urlaub ist er auf jeden Fall dabei.“

Die Folgen der inkompletten Querschnittlähmung: Blase und Darm bleiben nicht verschont

Obwohl die Gehfähigkeit weitgehend erhalten war, trafen Gerz dennoch jene Ausfälle, die eine Querschnittlähmung in den allermeisten Fällen mit sich bringt. Das Blasenmanagement erfolgt durch Triggern, eine inzwischen selten verwendete Technik, bei der der Betroffene durch das Beklopfen der Blase oberhalb des Schambeins, ein Reiz auslöst, der den Detrusor dazu bringt, sich reflexartig zusammenzuziehen und das Urinieren zu ermöglichen. Häufig bleibt bei dieser Methode eine Restmenge Harn in der Blase zurück, was zu Komplikationen wie Entzündungen und Blasensteinen führen kann. „Damit hatte ich aber niemals Probleme. Keine Blasenentzündungen. Nie!“ sagt Gerz lächelnd und erklärt, er sei sich an dieser Stelle durchaus bewusst, was für eine glückliche Fügung dies sei. Kein ewiges Herumärgern mit Kathetern oder Urinbeuteln ist etwas, das sich so mancher Querschnittgelähmte wünschen würde, noch vor dem Wiedererlangen der Gehfähigkeit.

Auch das Entleeren des Darms erfolgte, wie Gerz es ausdrückt, viele Jahre mehr schlecht als recht, führte aber, trotz der im Alltag gegebenen Gefahr einer überraschenden Inkontinenz, irgendwie zum Ergebnis. Bis sich die unausgefeilte Methode des beharrlichen Pressens rächte und es zu einem Darmprolaps kam. Erst 2017 wendete er sich ratsuchend an die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten (FGQ), die ihn an das Beratungszentrum für Ernährung und Verdauung Querschnittgelähmter der Manfred-Sauer-Stiftung verwies. Hier erhielt er die Informationen, die ihm, wie er sagt, in den vergangenen 50 Jahren durchaus auch hätte nützlich sein können, wenn er sich nur mehr mit dem Thema Querschnittlähmung und ihren Folgen auseinander gesetzt hätte. Begeistert sagt er über seine neuen Erfahrungen: „Für das Darmmanagement brauche ich heute lediglich eine Stunde. Der Rest des Tages gehört mir und ist garantiert „unfallfrei“!“

Mit inkompletter Querschnittlähmung im Alltag

Klaus Gerz

Im Alltag hat Gerz sich von seiner Querschnittlähmung nie bremsen lassen. Heute ist Gerz in Pension, nachdem er bis 2013 in Vollzeit als Jurist gearbeitet hatte. Für die Tätigkeiten des täglichen Lebens lässt er sich heute mehr Zeit als früher und genießt es seine Kräfte für die wichtigen Dinge schonen zu können. „Ich mache morgens Gymnastik und Stretching (etwa 40 Minuten lang), weil sich das positiv auf meine Spastik auswirkt. Ich brauche etwa eine Stunde für das Darmmanagement und dann gehe ich Schwimmen oder Einkaufen. Oft sorge ich auch fürs Abendessen… Ein bisschen Zeit bleibt da natürlich immer noch und ich könnte mir vorstellen mich ehrenamtlich zu engagieren, z. B. beim Peer Counseling.“

„Allerdings“, so überlegt Gerz laut, „bin ich als Peer Counselor wohl nicht so richtig geeignet. Wenn da so ein Frischverletzter ist, der gar nichts mehr kann. Der alle möglichen Ausfälle und Funktionsstörungen hat, von der der Gehfähigkeit über Blase, Darm, Sexualität und Sensibilität, dann bin ich vielleicht der Letzte, der ihm helfen kann. Immerhin kann ich ja noch alles.“

An dieser Stelle mag so mancher Leser ein bisschen schmunzeln. 52 Jahre lang hat Gerz versucht so zu tun, als hätte er gar keine Querschnittlähmung und wie es scheint, bricht es sich nicht so leicht mit derart alten Gewohnheiten.

 

Siehe auch: Leben mit Querschnittlähmung: „Die Rehabilitation bei Ludwig Guttmann hat mir das Leben gerettet“.

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