Leben mit Querschnittlähmung: „Die Rehabilitation bei Ludwig Guttmann hat mir das Leben gerettet.“

Klaus Gerz bezeichnet sich selbst als Urgestein der Querschnittgelähmten, als erste Generation Rückenmarksverletzter, die trotz Rückenmarksverletzung eine normale Lebenserwartung hat. Seine Rehabilitation fand 1965 bei Sir Ludwig Guttmann im britischen Stoke Mandeville statt.

Als sich Klaus Gerz 1965 im Alter von 17 Jahren bei einem Sprung in ein öffentliches, für einen Kopfsprung vom Springbrett zu flaches Schwimmbecken den Hals brach, waren die Rehabilitationsmöglichkeiten bei Querschnittlähmung noch längst nicht auf dem Stand, auf dem sie heute sind. Seine Überlebenschancen nach dem Unfall stiegen rapide, als er von London nach Stoke Mandeville verlegt wurde, wo Sir Ludwig Guttmann (siehe: Sir Ludwig Guttmann: Vater der Querschnittgelähmten) seit 1944 in einer Klinik zur Behandlung von Rückenmarksverletzten die Methoden der Rehabilitation bei Querschnittlähmung revolutionierte.

Erstversorgung in London

Gerz erzählt: „Die Erstversorgung in der Londoner Klinik war veraltet. Man hatte mir wegen des Trümmerbruchs der Halswirbel – meine Lähmungshöhe ist bei C7 – eine Crutch angelegt, einer Klammer, die am Kopf fixiert wird, und an der zur Druckentlastung ein Gewicht von sieben Kilo zieht. Im dreißig-Betten Saal erfolgt die Betreuung durch die Pflege und die Physiotherapie, deren Darling ich war. Ich meine, ich war ein junger Bub und ich hatte mir den Hals gebrochen. Klar, dass die Schwestern sich da um mich bemühten. Aber die Behandlungsmethoden damals waren noch sehr vom heutigen Standard entfernt. Die Dekubitusprophylaxe erfolgte alle drei Stunden, auch nachts, allerdings blieb ich dabei immer auf dem Rücken liegen. Der Rücken wurde nur mit Franz-Brandwein eingerieben. Und zur Behandlung der neurogenen Blasenfunktionsstörung würde ein Dauerkatheter gelegt, der nie gewechselt wurde.“

Auf seine Frage, wie es weiterginge, sagte man ihm: „Wait and see and drink a cup of tea.“ was sinngemäß bedeutet: „Abwarten und Tee trinken.“ Mit der Antwort konnte der damals 17-Jährige allerdings nichts anfangen. Zu seinem damaligen Zustand sagt Gerz: „Völlige Apathie.“

Nach sechs Wochen kam ein mit der Familie Gerz befreundeter Arzt aus Deutschland zu Besuch, der eine abstruse Geschichte zum Besten gab: „Im Studium in den 30ern haben wir gesehen wie jemand ein radioaktiv bestrahltes Salatblatt gegessen hat. Und vor dem Röntgenschirm konnten wir sehen, wie der das unten wieder ausgeschieden hat. Es ist alles nur eine Willensfrage. Du musst kämpfen.“

Nun änderte Gerz nach dem wochenlangen ziellosen „herumliegen“ seine Einstellung zu seiner Rehabilitation, von der er nicht angenommen hatte, dass er aktiv in sie eingreifen könnte und beschloss: „Ab jetzt kämpfen wir!“. Als die Physiotherapeutin zum passiven Bewegen der Gliedmaßen erschien, wollte Gerz aktive Bewegungen erreichen und kündigte an: „Ich bewege jetzt mein Bein.“ Die Therapeutin riet wegen des Eigengewichtes für den Anfang mit einem kleinerem Ziel: Der Bewegung eines Zehs. Dies funktionierte  nach einigen Anläufen und die Diagnose „inkomplette Querschnittlähmung“ stand fest.

Eine Frage des Willens

„Ich glaube, dass die Rehabilitation und die Gestaltung des Lebens nach Eintritt einer Querschnittlähmung ganz viel mit dem eigenen Willen zu tun hat“, sagt Gerz. „Ich hätte mich ja auch zum Sterben hinlegen können. Natürlich haben Menschen mit inkompletter Querschnittlähmung da einen größeren Spielraum, als solche mit kompletter Querschnittlähmung. Wenn eine Lähmung komplett ist, kann ich es noch so sehr wollen, ich werde meinen Zeh nicht bewegen. Aber ich kann die Entscheidung treffen, wie mein Leben weitergehen soll.“

In Stoke Mandeville

Etwa zwei Monaten nach dem Unfall, erwirkte Gerz‘ Mutter die Verlegung nach Stoke Mandeville. Die Behandlung durch Guttmann und seinem Team war von einer gewissen Strenge und Autorität geprägt, so dass man als Patient nicht auf die Idee kam die Methoden in Frage zu stellen oder nach Abweichungen von oder einem Aussetzen des straffen Stundenplans mit viel Krankengymnastik, Ergotherapie und Sport zu fragen. Gerz sagt: „Tapfer, wenn man Ludwig Guttmann wiedersprach…“. Die wenigsten haben sich das getraut.

Manfred Sauer beschreibt dies in seinem Bericht über Stoke Mandeville mit den Worten: „Die wöchentlichen Visiten liefen so ab: Zuerst ging die streng hierarchisch formierte Gruppe zu den Frischverletzten am Eingang der Station. Dann zu den Mobilen im Rollstuhl, aufgestellt in Reih und Glied, Fußrasten in einer Flucht, neben sich die Urinflasche stehend, die auf Befehl hochgehalten wurde und Dr. Guttmann seinen Kommentar abgab. Er stellte kurze Fragen und bekam knappe Antworten. „Weiter so“ hieß es dann meistens von Dr. Guttmann und vom Patienten „Thank you, Sir“ und der nächste war dran – und jeder hatte etwas Lampenfieber.“

Gerz bestätigt diese Eindrücke Sauers mit einem Lächeln. „Genau so war das. Ich erinnere mich an das letzte Mal, als ich die Visite mitmachte. Ich konnte schon wieder mit Gehhilfen gehen und musste mir zum Abschied anhören – natürlich auf Englisch, der deutschstämmige, vor der Verfolgung durch die Nazis geflohene Dr. Guttmann hatte nie deutsch mit mir gesprochen – ich solle das nächste Mal besser aufpassen, wenn ich in einen Pool spränge. Ich würde richtig wütend, als ich das hörte und gab gegen jede Regel Widerworte. Ich sagte (auch auf Englisch) „Entschuldigen Sie, Dr. Guttmann, wenn Sie in einen öffentlichen Bus steigen, kontrollieren Sie dann die Bremsen?“ Dr. Guttmann drehte sich wieder zu mir um, berührte meinen Arm und sagte „Trotzdem!“. Das war das erste und einzige, das ich ihn auf Deutsch sagen hörte. Erst später wurde mir klar, was er mir hatte sagen wollen. Nämlich, dass ich – gleichgültig wie unschuldig ich mich an dem was mir passiert war fühlte – doch eine gewisse Mitverantwortung trug. Wäre ich bei meinem ersten Sprung in ein unbekanntes Wasser nicht gleich kopfüber gesprungen, hätte ich mir vielleicht nur die Füße angeschrammt und gewusst, dass das Becken nicht tief genug für einen Kopfsprung war. Aber ich hatte ja den großen Macker markieren müssen…“

Das Leben mit Querschnittlähmung

Klaus Gerz

Bei seiner Rückkehr nach Deutschland 1966 sagten ihm Ärzte aus dem Freundeskreis der Familie: „In Murnau wärst du längst tot.“ Denn in Deutschland galt damals in vielen Kliniken noch „bei Querschnittlähmung aufgeben, hinlegen, sterben“.

Für Stoke Mandeville-Patienten hingegen schien es selbstverständlich zu sein, ohne Druckstellen, mit intakter Harnröhre, Blase und Niere, ohne Infekte, ohne Kontrakturen und mit einer Bereitschaft zur Leistung entlassen zu werden, die die Teilnahme am gesellschaftlichen und beruflichen Leben ermöglichte, auch wenn die Querschnittlähmung eine Schwierigkeit darstellte, die nicht so leicht zu überwinden war (und ist). Ludwig Guttmann sagte zu seinem Patienten: „Ich will, dass du ein Steuerzahler wirst.“

Gerz ließ sich von seiner Rückenmarksverletzung nicht aufhalten. Vielmehr tat er so, als hätte er gar keine. In den Augen anderer wollte er unbedingt das Bild des aktiven, gescheiten, erfolgsorientierten Jugendlichen aufrechterhalten, das er vor dem Unfall in England abgegeben hatte. Er ging wieder zur Schule und beeindruckte seinen Mathematiklehrer damit, dass er innerhalb weniger Woche den Stoff aufholte, den seine Klassenkameraden in mehreren Monaten durchgenommen hatten. Er schaffte das Abitur mit ordentlichen Noten, absolvierte ein Jurastudium, heiratete, zeugte zwei Söhne und war bis zur Pensionierung 33 Jahre in einer Vollzeitposition als Beamter tätig. Und Steuern habe er dabei stets bezahlt, sagt Gerz

In all der Zeit war er stets hin und hergerissen. Einerseits wollte er gerne über seine Querschnittlähmung reden, andererseits wollte er sie ignorieren. Heute noch sagt er: „Wissen Sie, ich will eigentlich gar nicht über meine Situation sprechen. Aber andererseits… andererseits möchte ich andauernd darüber sprechen.“

Bei seiner Ehefrau Andrea findet Gerz ein offenes Ohr, „auch wenn sie“, so sagt er lächelnd, „diese Geschichten inzwischen schon 100 Mal gehört hat.“

 

 

Siehe auch: Manfred Sauer über Stoke Mandeville und Rainer Küschall: Von Stoke Mandeville zu olympischen Höchstleistungen

 

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