Meine Querschnittlähmung und ich: Was vom Teige übrig bleibt…

Die Weihnachtsbäckerei sieht bei uns zu Hause eigentlich immer so aus, dass ich eine Tüte Lebkuchen kaufe und meine Frau eine Packung Zimtsterne. Mit Weihnachtsvorfreude sind wir dann ausreichend versorgt. Aber seit wir schwanger sind, verändern sich die Dinge.

Seit bei uns Nachwuchs ins Haus steht, schlägt der Mutterinstinkt meiner Frau Saltos. Deshalb hat sie Kinder meines Bruders eingeladen mit uns Weihnachtsplätzchen zu backen. Ich vermute sie will schon mal üben.

Natürlich laufen die Dinge nie so, wie man sie sich vorgestellt hat und als Johan und Tilda, sechs und vier Jahre alt, noch keine halbe Stunde da sind, klingelt das Telefon und meine Frau muss ganz schnell ins Büro, um ganz dringend bei was zu helfen, was sicher nur ganz kurz dauern wird.

Vorübergehend hab ich die Hoffnung die Kinder mit Trickserien im Fernsehen ablenken zu können, aber das kann ich vergessen. Backen hat man ihnen versprochen, also hat Backen stattzufinden. Nicht später. Sofort.

Küche mit Disneylandcharakter

Mein Neffe und meine Nichte lieben meine Küche. Weil beide noch unter 1,30 m sind, finden sie es spitze, dass der Ofen und Kühlschrank auf Augenhöhe, Kochfelder und Arbeitsflächen tiefergelegt und unterfahrbar sind und die Hängeschränke auf Knopfdruck zu ihnen runtergeschwebt kommen.

Tilda entdeckt das Mehl, das meine Frau bereitgestellt hat und wirft es auch gleich runter. Sie heult und ich schwanke zwischen dem Bedürfnis ihre Tränen zu trocknen und dem Wunsch den Rest der Küche mehlfrei zu halten. Ich rolle erstmal los, um den Staubsauger zu holen. Johan will mir helfen. Ich sage ihm, dass er mir am meisten hilft, wenn er Tilda ganz fest umarmt („Um sie zu trösten“, sag ich.) und sie erst wieder loslässt, wenn ich das Mehl aufgesaugt habe.

Zum Glück haben wir die Teige – einen mit Zitrone und einen mit Schokolade – schon vorbereitet. Meine Frau hat den Teig in Frischhaltefolie gewickelt und die krieg ich trotz optimal ausgebildeter Funktionshand nicht auf. Also dürfen das die Kinder machen und ehe ich mich einmal umgedreht habe, um das Nudelholz zu suchen, haben beide schon den Mund voll.

Was vom Teige übrig bleibt, rollen wir jetzt auf dem Arbeitsbrett aus, das auf meinen Oberschenkeln aufliegt. Auch das begeistert die Kinder. Sie können sich links und rechts von mir postieren und helfen das Nudelholz runterzudrücken. Und dabei gleich noch mehr Teig naschen. Tilda versorgt auch mich großzügig mit rohen Teigklumpen und ich muss sagen, es schmeckt gar nicht schlecht.

Inklusive Weihnachtskrippe

Dann geht es daran die Plätzchen auszustechen. In einer großen Tupperdose haben wir Keksformen für Weihnachtsbäume, Sterne, Engel, die gesamte Heilige Familie nebst Hirtenvolk und weitgereisten Königen und allem möglichen Getier, das so im weihnachtlichen Winterwald kreucht und fleucht. Tilda sticht eifrig drauf los, aber Johan ist noch unschlüssig. Er wühlt in der Kiste und entdeckt ganz unten eine Giraffenform…

„Stand bei Jesus an der Krippe“, sag ich.

…eine Quietscheentchenform…

„Hüteten die Hirten auf den Feldern“, sag ich.

… und eine Rollstuhlfahrerform.

„Einer der Heiligen Drei Könige war querschnittgelähmt“, sag ich.

Johan staunt. „Wirklich?“ fragt er.

Ich fühle mich genötigt zuzugeben, dass das nicht wirklich so war.

Johan zuckt die Schultern. „Wir tun so als ob.“

Kurze Zeit später haben wir in unseren inklusiven Weihnachtskrippe nicht nur einen querschnittgelähmten Weisen aus dem Morgenland, sondern gleich drei. Außerdem Hirten im Rollstuhl, Engel im Rollstuhl; und einen Joseph hätten wir auch gehabt, wenn er nicht den Kopf verloren und Tilda den Rest aufgegessen hätte.

Mit Hilfe meiner feinmotorisch versierten Frau verzieren wir später die Plätzchen mit bunten Schokolinsen und schokolierten Salzstangen als Radspeichen.

Als die Kinder schließlich mit Kartoffelsalat und Würstchen versorgt im Wohnzimmer sitzen und meine Frau und ich noch schnell die Küche aufräumen wollen, nimmt sie mich in die Arme und sagt: „Du wirst ein toller Vater sein.“

Zwischen den alternativen Heiligen, den müden aber zufriedenen Kindern und dem Plätzchenteig im Profil meiner Rollstuhlreifen, bin ich geneigt ihr Glauben zu schenken.

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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