Experten-Tipps für die Anschaffung eines Assistenzhundes

Immer häufiger sieht man Querschnittgelähmte, die mit einem Assistenzhund unterwegs sind. Was gibt es zu beachten? Was spricht gegen die Anschaffung eines solchen speziell ausgebildeten Tieres? Die Redaktion hat per E-Mail bei Jana Bosch nachgefragt. Sie hat viele Jahre Assistenzhunde ausgebildet. Inzwischen betreut sie im Deutschen Assistenzhunde-Zentrum T.A.R.S.Q. angehende Assistenzhundetrainer.

Der-Querschnitt.de: Haben Querschnittgelähmte, ähnlich wie Blinde, generell das Recht, einen Assistenzhund mit in die Arbeit zu nehmen?
Jana Bosch, Assistenzhunde-Zentrum: In Deutschland gibt es leider kein einheitliches Gesetz, das die Rechte von Assistenzhunden regelt, so wie es z. B. in anderen Ländern wie Österreich und USA üblich ist. Deshalb müssen verschiedene Gesetze zu Rate gezogen werden, die Anwendung finden. In den USA muss der Arbeitgeber die Mitnahme von jedem Assistenzhund (egal ob Blindenführhund oder Assistenzhund) erlauben und kann sonst wegen Diskriminierung Behinderter angezeigt werden.

In Deutschland gibt es seit dem 1. Mai 2002 das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), laut dem Menschen mit Behinderungen Menschen ohne Behinderungen gleichgestellt werden müssen. Dies betrifft grundsätzlich alle Behinderungen, nicht nur Sehbehinderungen. Von diesem Gesetz kann auch abgeleitet werden, dass Menschen mit einer Behinderung gestattet werden muss, ihren Assistenzhund mit zum Arbeitsplatz zu nehmen.

Zusätzlich gibt es das BGG, das die Barrierefreiheit regelt. Darunter fällt z. B. auch, dass es einen Fahrstuhl oder eine Rampe für Rollstuhlfahrer geben muss. Kamen solche Fälle in der Vergangenheit vor Gericht wurde grundsätzlich auch der Assistenzhund als Hilfsmittel zur Bewegungsfreiheit anerkannt, weshalb die Mitnahme vom Arbeitgeber erlaubt werden musste.

Noch vor einigen Jahren, als vorwiegend der Blindenführhund eine „Lobby“ hatte und es nur sehr wenige andere Assistenzhunde gab, hieß es z. B., dass Blindenführhunde Zutritt in Lebensmittelgeschäfte haben sollten. Inzwischen sind aber auch alle anderen Assistenzhunde so bekannt, dass so gut wie jedes Recht, was sich auf Blindenführhunde bezieht, auf alle Assistenzhunde erweitert wurde. Inzwischen wurden sogar Gesetze, z. B. zur Hundesteuerbefreiung oder z. B. bei Fluglinien die Mitnahmeregeln dahingehend angepasst, dass Assistenzhunde explizit auch erwähnt sind (neben Blindenführhunden). Auch die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung vertritt seit Jahren die Auffassung, dass bei allen Rechten alle Arten von Assistenzhunden für alle Behinderungen inbegriffen sind.

In der Praxis kommt es aber am Arbeitsplatz auch heute noch darauf an, um welchen Arbeitsplatz es sich handelt. So wird eine Mitnahme ins Büro meist gar keine Schwierigkeiten verursachen, während es bei einer Arbeitsstelle in einem Supermarkt vielleicht eher zu Diskussionen mit dem Chef kommt. Aber wir haben auch schon Kunden, die ihren Assistenzhund mit in den Supermarkt nehmen. So sind grundsätzlich alle Orte, an denen auch grundsätzlich Assistenzhunde laut dem Bundesministerium für Gesundheit zugelassen werden (als Besucher), wie öffentliche Bereiche von Gesundheitseinrichtungen oder Lebensmittelgeschäfte, Kinos, allgemeine Geschäfte etc., auch für alle Assistenzhunde zugänglich. Das bedeutet, ein körperlich beeinträchtigter Arbeitnehmer mit LpF- Assistenzhund (Anmerkung der Redaktion: LpF steht für lebenspraktische Fähigkeiten) kann nicht aufgrund eines Assistenzhundes abgelehnt werden, da Kunden ja auch Assistenzhunde mitnehmen dürfen.

Der-Querschnitt.de: Gibt es Ausnahmen? Kann der Arbeitgeber die Mitnahme verweigern?
Jana Bosch, Assistenzhunde-Zentrum: Ja, es gibt Ausnahmen, wenn andere schwerwiegendere Gründe, z. B. hygienische Gründe oder Sicherheitsgründe, eine Mitnahme unmöglich machen. Gerichte entscheiden auch immer wieder so, dass sie im Zweifelsfall im Einzelfall abwiegen, wessen Interessen schwerer wiegen. So kann ein Assistenzhund grundsätzlich nicht mit auf die Intensivstation genommen werden oder in einen Operationssaal und jemand, der dort arbeitet, kann dementsprechend seinen Assistenzhund in der Regel nicht mitnehmen. Oder z. B. in der Lebensmittelherstellung, wo völlig steril gearbeitet werden muss, mit Kleiderschutz/Haarnetz usw. kann es sehr schwer sein, dass ein „haarender“ Hund zugelassen wird. Oder Arbeitsplätze, wo Gefahr für den Hund droht, z. B. wenn es extrem laut ist oder heiß, z. B. bei Arbeiten mit Feuer oder Schweißarbeiten.
Aber hier entscheidet immer der Einzelfall. So kennen wir auch Fälle, wo Lehrer ihren Assistenzhund selbst dann in eine Klasse mitnehmen durften, wenn in der Klasse Kinder mit Asthma und Hundehaarallergie waren. Die Kinder mussten dann die Klasse wechseln – das ist dann natürlich für niemanden eine zufriedenstellende Lösung und auch für die Eltern und Kinder unfair.
Wenn der Arbeitgeber die Mitnahme verweigert, muss es dafür wirklich schwerwiegende Gründe geben, wie Hygiene oder Sicherheit.

Der-Querschnitt.de: Blindenhunde zählen als „Hilfsmittel“, Assistenzhunde nicht. Gibt es für Querschnittgelähmte, bzw. Körperbehinderte andere Möglichkeiten, zumindest einen Teil der Kosten fremdfinanziert zu bekommen? Müsste sich hier in der Sozialgesetzgebung etwas tun?
Jana Bosch, Assistenzhunde-Zentrum: Ja, mildtätige Vereine geben LpF-Assistenzhunde teilweise kostenlos ab. Hier sollte sich jeder genau über den Verein informieren, für den er sich entscheidet und wie der Verein es mit dem Eigentum des Hundes handhabt. Viele Vereine, die Assistenzhunde kostenlos abgeben, behalten nämlich auf Lebenszeit des Hundes das Eigentumsrecht am Hund, das heißt theoretisch könnten sie den Hund auch jederzeit wieder wegnehmen, wenn sie meinen, er hat es nicht gut beim neuen Partner. In der Praxis passiert dies zum Glück nur sehr selten.
Eine andere Möglichkeit sind Zuschüsse von mildtätigen Vereinen oder Stiftungen zu den Kosten eines Assistenzhundes. Es gibt Vereine, die gezielt Spenden dafür sammeln, damit Betroffene nur noch einen Bruchteil der Kosten selbst übernehmen müssen. Oder Stiftungen bezahlen teilweise auch die gesamten Kosten.

Der-Querschnitt.de: Weshalb glauben Sie als Expertin, dass Assistenzhunde auch/gerade auch für Querschnittgelähmte eine wertvolle Hilfe sein könnten?
Jana Bosch, Assistenzhunde-Zentrum: Weil sie Unabhängigkeit ermöglichen. Man ist nicht mehr so auf die Hilfe Fremder angewiesen und auch die Sicherheit ist größer. So kann ein LpF-Assistenzhund nicht nur lernen, beim Aufstehen vom Boden, oder wenn man hingefallen ist, zu helfen, sondern auch auf Kommando ein Telefon zu bringen, um Hilfe zu rufen.

Der-Querschnitt.de: Und welche Überlegungen sprechen gegen die Anschaffung eines Assistenzhundes?
Jana Bosch, Assistenzhunde-Zentrum: Persönliche. Es muss immer ganz individuell geschaut werden, ob ein Assistenzhund wirklich eher eine Hilfe oder eine Belastung darstellt. Oder ob jetzt z. B. (noch) nicht der richtige Zeitpunkt für einen Assistenzhund ist. Wer z. B. keine Hunde mag, wird mit einem Hund, mit dem er 24 Stunden zusammen sein muss nicht glücklich, selbst wenn er ihm den Alltag erleichtern kann. Ein Hund ist halt nicht nur ein Hilfsmittel wie ein technisches Hilfsmittel, sondern ein Hund ist auch noch ein Lebewesen, das Aufmerksamkeit möchte, mehrmals täglich spazieren gehen möchte, spielen möchte usw. Das kann auch anstrengend sein. Zumal ein Assistenzhund überall mit hin geht und das auch für die Bindung wichtig ist – man ist quasi nie mehr ohne Assistenzhund, das ist nicht für jeden etwas. Und man hat plötzlich Verantwortung, nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für den Hund, das muss man auch wollen.

Eine Hundehaarallergie muss nicht unbedingt ein Ausschluss sein, hier kann geschaut werden, ob die Allergie bei einem bestimmten Hund (Fellart) z. B. nicht auftritt.

Auch Wohnverhältnisse sind nicht ausschlaggebend. Ein Assistenzhund fühlt sich auch in einer 1-Zimmer-Wohnung wohl. Für den Hund ist es entscheidend, dass er immer bei seinem Menschen sein kann, nicht wie groß die Wohnung ist.

Kann oder soll der Hund allerdings nicht mit zur Arbeit genommen werden und wäre dann jeden Tag zehn Stunden alleine zu Hause, ist dies kein Leben für einen Assistenzhund und er kann ggf. auch seine Aufgaben nicht mehr zuverlässig ausführen, weil die vertrauensvolle Bindung fehlt.

Andere Haustiere hingegen sind überhaupt kein Ausschlusskriterium, Assistenzhunde müssen mit allen anderen Tieren gut auskommen.

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