Teilnehmer mit akuter Tetraplegie für Nogo-A Studie gesucht

Das Rückenmark kann sich regenerieren: Phase-II-Studien mit dem Wirkstoff Nogo-A sollen endlich in Querschnittszentren in u. a. der Schweiz und Deutschland an frischverletzten Tetraplegikern vorgenommen werden.

Noch bis in die 1980er-Jahre galt das Zentralnervensystem als grundsätzlich irreparabel und daher uninteressant für ehrgeizige Wissenschaftler. Mit diesem Dogma haben Neurologe Prof. Martin Schwab und seine Kollegen am Zürcher Hirnforschungsinstitut aufgeräumt. Im Experiment wiesen sie nach, dass selbst im Rückenmark die Regeneration verletzter oder durchtrennter Nervenfasern möglich ist. Sie konnten auch zeigen, dass die Nervenfasern so nachsprießen und dass sich eine funktionelle Erholung einstellt. Auf den Mensch übertragen würde dies heißen: mit Nogo-A behandelte Patienten könnten verlorene Funktionen wieder zurückgewinnen.

Nach einer erfolgreichen Phase-I Studie, die die Verträglichkeit des Wirkstoffes teste, gibt es nun grünes Licht für die Phase-II Studie, die funktionelle Erholung zeigen soll.

Ergebnisse bis heute

Eigentlich hätte die Forschung schon Anfang der 2000er umgesetzt werden sollen, doch die Testphase musste ausgesetzt werden, da ein wichtiger Industriepartner absprang und damit die Frage der Finanzierung offen blieb. Erst seit 2016 war klar, dass die Therapie mit den sogenannten Nogo-A-Antikörpern im dreistufigen Zulassungsverfahren in Phase II eintreten würde. Dies bedeutet, dass Menschen, die sich eine akute Rückenmarkverletzung mit nachfolgender Querschnittlähmung zugezogen haben, die Antikörper direkt ins Rückenmark eingeführt werden. Schwab und seine Kollegen hoffen auf eine funktionelle Verbesserung innerhalb von einem bis sechs Monaten.

Bei der aktuellen Studie geht es um die Wirksamkeit, nachdem sich in Phase I die Verträglichkeit der Antikörper als gut erweisen hat. Hierbei wurde Nogo-A wurde 52 Frischverletzten direkt ins Rückenmark gespritzt (publiziert im Sommer 2018 im Fachmagazin Neurorehabilitation and Neural Repair), wobei man die Dosis nach und nach erhöhte. Wie in vorangegangenen Tiermodellen zeigten sich keine Nebenwirkungen. Auch gab es Hinweise auf einen therapeutischen Erfolg; bei fast der Hälfte der behandelten Patienten sei der Heilungsprozess besser verlaufen als bei anderen ohne die Antikörper-Therapie.

Die Studie Phase II – Tetraplegiker gesucht

Nun steht, wie der Schweizer Tagesanzeiger berichtet, ein wichtiger, lange angekündigter Schritt bevor. Eine Phase-II-Studie mit 160 querschnittgelähmten Patienten soll unter der Koordination von Prof. Armin Curt, Direktor Zentrum für Paraplegie an der Zürcher Universitätsklinik Balgrist und Prof. Norbert Weidner vom Universitätsklinikum Heidelberg durchgeführt werden. Und das nicht nur in der Schweiz sondern in über zehn Querschnittszentren (welche genau involviert sind, ist noch nicht bekannt) in ganz Europa. Das Okay der Schweizer Zulassungsbehörde Swissmedic liege bereits vor, die Zustimmungen der Arzneimittelbehörden der anderen teilnehmenden Länder in Deutschland, Grossbritannien, Italien, Spanien und Tschechien stehen noch aus, gelten aber als sicher.

Für die Studie gesucht werden Tetraplegiker, bei denen die Rückenmarksverletzung weniger als vier Wochen zurückliegt. Den Probanden wird der Anti-Nogo-Antikörper im Verlaufe eines Monats in die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) injiziert, während die Kontrollgruppe ein Placebo erhält. Schwab und sein Team hoffen auf das Entstehen neuer Verbindungen in Rückenmark und Gehirn in einem Zeitraum von bis zu sechs Monaten, doch ist es mit dem Nachwachsen von Nervenfasern nicht getan: Wichtig ist auch die begleitende sechsmonatige Rehaphase, in der der Studienteilnehmer die neuen Nervenverbindungen trainiert und lernt seinen Körper neu zu beherrschen.

Die Aussichten – 40%-ige Verbesserungen erwartet

Im Vorfeld lässt sich natürlich schwer sagen, was die Therapie mit Nogo-A erreichen kann, doch hoffen die Forscher auf eine Verbesserung der Beweglichkeit der oberen Extremitäten um mindestens 40% im Vergleich zur Placebogruppe. Neben der Mobilität betrachten die Forscher auch Faktoren wie Blasenkontrolle, Schmerzen, Spastik, Beinfunktion und generell Lebensqualität.

Das Testverfahren ist anspruchsvoll, und die restriktiven Vorgaben der Ethikkommissionen sind strikt einzuhalten. Mit abschließenden Urteilen zur neuen Therapie ist gemäß Plan 2020 zu rechnen.

Fragen & Kommentare

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  1. susy greb 10.12.2018, 10:35 Uhr

    finde es schade das keine Tests an bereits geschädigten Tetras/Paras vorgenommen werden. Mann/Frau entwickelt (teilweise) eine so extreme Sensibilität auf alles was den Körper betrifft. Ein frisch Verletzter kann ja die Verbesserung gar nicht beurteilen, da man vorab nie weiss, wie es sich entwickelt….

    • Tanja Konrad 10.12.2018, 11:37 Uhr

      Guten Tag,
      in der Akutphase wird der Wirkstoff die besten Chancen auf Erfolg haben. Wenn sich die gewünschte funktionelle Erholung einstellt, ist nicht auszuschließen, dass Nogo-A auch bei chronischen Querschnittlähmungen eingesetzt werden könnte.
      Viele Grüße
      Tanja Konrad