Männer und Frauen und fünf kleine Unterschiede bei Querschnittlähmung

Männer sind anders. Frauen auch. Und auch nach dem Eintritt einer traumatischen Querschnittlähmung gibt es ein paar geschlechterspezifische Unterschiede, die auf den ersten Blick gar nicht so offensichtlich sind.

Eine traumatische Querschnittlähmung ändert das Leben von Betroffenen grundlegend. Jeder entwickelt eigene Strategien, um mit der neuen Situation umzugehen und jede Rehabilitation ist so individuell, dass sich kaum Pauschalaussagen treffen lassen. Aber gibt es Aspekte einer Rückenmarksverletzung, die Männer und Frauen unterschiedlich hart treffen?

  1. Diagnose Querschnittlähmung

    Auch wenn im langjährigen Durchschnitt die Frauenquote aufgrund der höheren Lebenserwartung ansteigt, ist es dennoch so, dass Männer mit einem Anteil von 70 – 80 % häufiger von traumatischer Querschnittlähmung betroffen sind als Frauen (Strubreiter, 2015). Dies kann sich dadurch erklären lassen, dass Frauen allgemein weniger risikobereit sind als Männer und weniger unüberlegt handeln, etwa im Straßenverkehr oder bei Risikosportarten.

    Anders sehen die Statistiken bei angeborener Querschnittlähmung aus: unter den Kindern, die mit Spina bifida geboren werden, sind etwas mehr Mädchen als Jungs (siehe: Ursachen für eine Querschnittlähmung).

  2. Fortpflanzung

    Alle Folge- und Begleiterkrankungen, die bei einer Querschnittlähmung auftreten können, können Frauen und Männer im gleichen Maße treffen. Mit einer Ausnahme: Eine Querschnittlähmung hat keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit der Frau. Sofern eine Frau im gebärfähigen Alter ist, kann sie auch mit Querschnittlähmung schwanger werden und Kinder zur Welt bringen (siehe: Schwangerschaft bei Querschnittlähmung).

    Bei Männern hat eine Rückenmarksverletzung je nach Ausprägung einen mehr oder minder großen Einfluss auf den Hormonhaushalt, die Erektions- und Ejakulationsfähigkeit und damit auf die Zeugungsfähigkeit. Zudem ist die Samenqualität, d. h. die Anzahl, Beweglichkeit, Vitalität und Aussehen der Spermien (Märk/et al., 2012), nach Eintritt einer Querschnittlähmung, unabhängig von Läsionshöhe und Vollständigkeit, fast immer vermindert. Wenn allerdings ein Kinderwunsch besteht, gibt es auch für Männer mit Zeugungsschwierigkeiten verschiedene Möglichkeiten, den Wunsch Vater zu werden zu erfüllen (siehe: Vater werden trotz Querschnittlähmung).

  3. Immunsystem

    Das Immunsystem ist bei Querschnittlähmung häufig in Mitleidenschaft gezogen (siehe: Das Immunsystem) und auch hier haben Frauen die besseren Karten. Denn Frauen scheinen generell ein stärkeres Immunsystem zu haben als Männer. Verantwortlich hierfür ist laut einer belgischen Studie der Universität Ghent offenbar das X-Chromosom (von denen Frauen ja das Doppelte haben), das als „Heimat“ für verschiedene microRNAs dient, die sich entsprechend positiv auf die Immunkompetenz auswirken. Statistiken zeigten, dass Frauen länger leben als Männer und ihr Körper besser mit Schocksituationen durch Traumata oder Infektionen zurechtkommen, so der Studienleiter. „Wir glauben, dass dies auf das X-Chromosom zurückzuführen ist, das beim Menschen zehn Prozent aller bislang im Genom identifizierten microRNAs enthält.“ Die Rolle vieler dieser microRNAs sei bislang noch nicht bekannt, man wisse jedoch, dass verschiedene Stränge, die sich auf dem X-Chromosom befinden, eine Rolle u. a. in der Immunabwehr spielten.

  4. Blasenmanagement

    Es gibt aber auch Aspekte, bei denen Frauen den Kürzeren gezogen haben. Und zwar den kürzeren Harnweg. Die Harnröhre von Männern ist durchschnittlich 15 Zentimeter länger als die von Frauen und besser zugänglich. Das Verwenden von ableitenden Inkontinenzhilfmitteln ist für Männer daher erheblich einfacher als für Frauen, da die Verwendung eines Kondom-Urinals möglich ist. Zudem kommen Männer bei der Verwendung des intermittierenden Katheterismus (ISK) ohne Spiegel oder Bein- und Labienspreizer aus (siehe: Hilfsmittel für den ISK).

    Zudem sind Frauen wegen der kurzen Harnröhre ohnehin überdurchschnittlich häufiger von Harnwegsinfekten betroffen. Und die Gefahr einer Blaseninfektion steigt bei Querschnittlähmung bei Verwendung von ableitenden Inkontinenzhilfsmitteln (wobei ein Dauerkatheter im Vergleich zum intermittierenden Katheterismus ein höheres Risiko, eine Harnwegsinfektion zu entwickeln, bedeutet) ebenfalls nochmal an. Prophylaktische Maßnahmen sind deshalb besonders wichtig (siehe: 7-Punkte-Plan zur Vermeidung von Harnwegsinfekten bei Querschnittlähmung).

  5. Altern

    Männer und Frauen mit Querschnittlähmung scheinen unterschiedlich vom Alterungsprozess und seinen Konsequenzen betroffen zu sein, wie eine britisch-amerikanische Studie ergab. Obwohl beide Geschlechter ihre Lebensqualität etwa gleich bewerten, charakterisierten Frauen ihre Erfahrungen mit dem Älterwerden als „beschleunigt“, während Männer sie als „kompliziert“ bezeichneten.

    Frauen berichteten mehr von Auswirkungen wie Schmerzen, Fatigue, Hautproblemen und Problemen mit der Mobilität. Bei Männern traten eher Diabetes und andere Gesundheitsprobleme auf. Zudem bestand häufiger die Notwendig, bisher verwendete Hilfsmittel gegen andere einzutauschen. Weiter ergab die Studie, dass ältere Männer und Frauen mit Querschnittlähmung (derzeit noch) ihre Zeit unterschiedlich, abhängig von traditionellen Geschlechterrollen verbrächten (McColl, 2019).

    Dass das Altern mit Querschnittlähmung eine ganz schöne Herausforderung sein kann, beschreiben die zwei Erfahrungsberichte Wie jetzt? Ich bin nicht unverwundbar? und Leben mit inkompletter Querschnittlähmung: „So tun als ob, hat seine Grenzen.“

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