Leben mit Querschnittlähmung: „Warum bilden Rollstuhlfahrer so selten Assistenzhunde aus?“

„Sie sitzen beide im Rollstuhl? Dann können Sie keine Verantwortung für einen Welpen tragen!“ Die Abfuhr des Assistenzhunde-Ausbildungsvereins war nicht die einzige Barriere, die das Paar nehmen musste. Ihr  Kampfgeist lohnte sich: Vor 18 Monaten zog Welpe „Lui“ bei ihnen ein. Das Paar bildet ihn unterstützt von einem spezialisierten Hundetrainer selbst zum Assistenzhund aus.

„Wir waren schockiert, dass es selbst bei einer Organisation, die auf Patenschaften für die Welpen, die später zu Assistenzhunde für Behinderte ausbildet und dann vermittelt werden, angewiesen sind, so große Vorurteile gegenüber Rollstuhlfahrern gibt“, erzählt Melanie Kehrberg. Die 36-Jährige ist seit ihrem 16. L

ebensjahr querschnittgelähmt. Ein Moped-Unfall. Ihre Läsion liegt zwischen Th5 und Th7.

Ihr Lebensgefährte Peter Blättler leidet an Hereditärer Spastischer Spinalparalyse (HSP). Keine Querschnittlähmung im klassischen Sinne, aber die Symptome ähneln denen einer Querschnittlähmung. HSP ist eine sehr seltene, unheilbare Erbkrankheit, die häufig bereits in der Pubertät beginnt und sich stetig verschlimmert. Die degenerative Erkrankung des Rückenmarks mit ihrer spastischen Steifheit der Beinmuskulatur erschwert Betroffenen das Gehen oder macht es häufig irgendwann unmöglich.

Der 54-Jährige beobachtet an sich das Fortschreiten der Erkrankung. Er weiß, dass er ebenso wie seine Lebensgefährtin auf den Rollstuhl angewiesen bleiben wird. Und er weiß – ebenso wie Melanie – dass vor allem er in nicht mehr allzu weiter Ferne einen Assistenten brauchen wird.

Ressentiments gegen Herrchen und Frauchen im Rollstuhl

Der Gedanke, einen Assistenzhund in die Familie zu holen, lag also nahe. Doch von der Idee zur Umsetzung war es ein weiter Weg. Versuch eins – erst einmal die Patenschaft für die Sozialisierung eines Welpen zu übernehmen, der später für Behinderte ausgebildet wird – scheiterte an den Ressentiments der Ausbildungsorganisation. „Dort glaubte man und sagte uns das auch, dass wir als Rollstuhlfahrer nicht in der Lage seien, auf einen Welpen aufzupassen“, erzählt Blättler. Frustriert legte das Paar den Hunde-Wunsch In die Ablage „Hätten wir gerne. Geht aber so nicht.“

Monate später wanderte die Idee dann doch in das Fach „Geht doch!“, Untergruppe: „Und zwar richtig!“.


Den Weg von Welpe Lui zum Assistenzhund haben die beiden in dem Video „Lui – Assistenzhund in Ausbildung“ dokumentiert:


„Wir als Rollstuhlbenutzer können am besten einschätzen, was unser Assistenzhund können sollte“

Über eine Bekannte, die kürzlich selbst einen Welpen bekam, wurde das Paar auf eine Züchterin mit einer besonderen, in Deutschland noch nicht anerkannten „Rasse“ aufmerksam. Dort fanden sie „Lui“, einen „recht agilen“ Rüden, der zu drei Viertel Labrador und zu einem Viertel Ungarischer Vizsla ist (auch Vizslador genannt). Lui musste beim Assistenzhundetrainer ein paar Wesenstest bestehen, bevor er sich einverstanden erklärte, ihn zusammen mit dem Paar auszubilden.

Kehrberg und Blättler entschieden sich bewusst für einen Welpen. „Wir dachten uns: Wieso eigentlich werden Hunde, die später einmal Rollstuhlfahrern assistieren sollen,

Lui ist immer noch „Assistenzhund in Ausbildung“, kann seine Besitzern aber bereits bei vielen Gelegenheiten unterstützen.

überwiegend von Fußgängern ausgebildet?“, sagte sich das Paar. Weil zumindest ihnen sich der Sinn dieser Vorgehensweise nicht völlig erschloss, entschied das Paar: „Wir bilden unseren Assistenzhund selbst aus, dann lernt er von vorneherein die Dinge, die später für uns wichtig sein werden.“

Mindestens 24 Monate lang wird Lui, der inzwischen eineinhalb Jahre alt ist, mit Unterstützung eines persönlichen Assistenzhundetrainers ausgebildet. „Aber eigentlich trainiert der Ausbilder nur uns Menschen: Wir lernen, wie wir dem Hund etwas beibringen können.“, sagt Kehrberg.

Und so macht Lui jeden Tag ein paar kleine Fortschritte, die nicht immer zu hundert Prozent im Sinne von Frauchen und Herrchen sind: „Mit das erste, was er gelernt hat, war, Türen selbstständig zu öffnen. Das war uns ganz wichtig, denn wenn Peter oder ich in der Wohnung stürzen, soll Lui laut geben und dann in der Lage sein, das Rettungsteam in die Wohnung zu lassen, ohne dass es die Tür aufbrechen muss.“ Das Türöffnen beherrschte Lui schnell aus dem Effeff. Und wandte es zum Leidwesen seiner Besitzer auch ohne Notfall an. Zunächst musstenTüren zu Zimmern, in die er nicht laufen soll, abgesperrt bleiben, heute hat er auch diese Lektion gelernt und öffnet Türen nur noch auf Aufforderung.

Assistenzhund-Ausbildung: Vertrauen eines der wichtigsten Lernziele

Am Interviewtag steht ein anderer Meilenstein für Lui an: Treppentraining. „Wenn einem von uns etwas passiert, muss er in der Lage sein, die Treppe rauf- und runterzulaufen. Wir können ihn ja

Assistenzhund Lui begleitet das Paar im Arbeitsalltag und in der Freizeit.

schlecht im Aufzug losschicken! Woher soll er wissen, ob er mit seiner Schnauze den Knopf fürs Erdgeschoss oder fürs Dachgeschoss drücken soll.“ So baut das Paar Lui immer stärker in seinen Alltag ein – und immer mehr wird er dazu befähigt, Kehrberg und Blättler im Alltag zu helfen. Wenn er noch etwas älter ist, soll er zudem auf längeren Spaziergängen einen der Rollstühle mitziehen, auch das war ein Grund, sich für diesen Hund zu entscheiden.

Vieles haben Lui und seine Besitzer inzwischen gelernt: Wenn sie vom Einkaufen kommen und den Schoss vollbepackt haben, läuft Lui vor und stuppst mit dem Türöffner die Tiefgaragentür auf. Immer öfter hebt er Dinge auf, die zu Boden gefallen sind, ohne sie erst langwierig durch Schnüffeln zu überprüfen. „Dieses Vertrauen ist ganz wichtig, dazu erziehen wir ihn ganz bewusst. Schließlich ist er unsere einzige Chance, an das zu kommen, was uns unter den Tisch gekullert ist,“ erzählt Peter Blättler. „Lui muss wissen: Alles, was aus unserer Hand kommt, ist okay; egal, was uns herunterfällt, er hebt es auf.“

Barriere: Arbeitgeber

Dieses Vertrauen zu schaffen, setzt auch voraus, dass der Hund möglichst viel Zeit mit seinem Rudel, also mit Frauchen und Herrchen, verbringt. Kehrberg und Blättler arbeiten beide Vollzeit – die zweite große Barriere, die sie überwinden mussten: Denn Arbeitgeber sind nicht verpflichtet, Assistenzhunde in der Ausbildung am Arbeitsplatz zu gestatten. Bei Blättler, der bei der Stadt Frankfurt im Prozess-Management tätig ist, gab es keine Reglementierungen; er konnte Lui von Anfang an mit zur Arbeit nehmen.

Anstrengend, so ein Tag im Büro … während Frauchen arbeitet, gönnt Lui sich eine Pause.

Kehrberg musste kämpfen. Vier Monate lang hat sie nachgehakt, nachgefragt und bei ihrem Arbeitgeber, einem großen Technologie- und Transformationsunternehmen, das Thema Assistenzhund immer wieder aufs Tapet gebracht. Dann irgendwann wurde Assistenz-Azubi Lui zum Vorstellungsgespräch geladen – und überzeugte nicht nur den Vorgesetzten, sondern noch viel wichtiger: auch die Beauftragten für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz.

Kehrberg bekam ein Einzelbüro. Schilder an den Eingangstüren informieren nun Besucher, dass hier ein Assistenzhund seine Arbeit tut, was man auch an seiner Dienst-Uniform, einer Kenndecke erkennt. Draußen gibt es eine eigene Wiese, die Lui benutzen darf, sicherheitshalber steht dort nun auch ein Spender mit Plastiktütchen. Und mit das wichtigste: Von dem Arrangement profitiert nicht nur Kehrberg – Lui tut dem Betriebsklima gut. „Es gibt eine Menge Leute, die sich freuen, wenn er mit mir zur Arbeit kommt“, sagt die IT-Expertin, die selbst Personalverantwortung trägt.

Auch für das Paar ist Lui „zu hundert Prozent eine Bereicherung“, auch wenn ihr Leben damit „nicht unbedingt leichter geworden ist“. Aber die beiden zahlen durch viele Trainingsstunden und dem Plus an Verantwortung, das sie nun für dieses Tier haben, ein in eine Zukunft, in der Lui sie zuverlässig unterstützen wird.

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