Mit dem Handbike über die Alpen: Das Team ROL IT rockt die Berge

Andrea Szabadi-Heine hat sich viel vorgenommen: Die querschnittgelähmte Handbikerin will mit einer inklusiven Truppe in zehn Tagen die Alpen überqueren. Schon die Probeläufe waren anspruchsvoll – was spektakuläre Bilder beweisen.

Szabadi-Heine ist eine der Leiterinnen des Projekts „ROL IT“ der österreichischen Alpenvereinsjugend. In der Zeitschrift „Sport + Mobilität mit Rollstuhl“ (Ausgabe 12/2018) berichtete sie über die Aktivitäten der inklusiven Transalp-Truppe. Sie hat Text und Fotos zur Veröffentlichung auf Der-Querschnitt.de zur Verfügung gestellt:

Eine Alpenüberquerung mit Handicap und das auch noch im unwegsamen Gelände? Ein Traum wird wahr. Die österreichische Alpenvereinsjugend ist überzeugt, dass Inklusion überall möglich ist. Seit Mai 2018 ist das Team „Inklusive Transalp“ das sich nun den pfiffigen Namen ROL IT (Radeln ohne Limits Inklusive Transalp) gegeben hat, in den Bergen unterwegs mit dem Ziel, 2019 eine mehrtägige Alpenüberquerung mit Fahrrädern zu bewältigen.

Die Berge helfen, das eigene Potzenzial zu entdecken, ist Handbikerin Andrea Szabadi-Heine überzeugt

Schon lange vor dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2008 hat der Alpenverein Österreich eigene Programme und inklusive Angebote entwickelt. „Geleitet von der Überzeugung, dass all unsere Teilnehmer und Teilnehmerinnen – egal ob mit oder ohne Behinderung – von einem selbstbestimmten und gleichberechtigten Miteinander profitieren und voneinander lernen können“, sagt Alpenvereinspräsident Andreas Ermacora.

Um das Naturerlebnis für Menschen mit und ohne Behinderung möglich zu machen initiierte der Alpenverein das Projekt „Inklusive Transalp“. Die Idee dazu wurde von der Alpenvereinsjugend geboren. Im Januar 2018 fiel der Startschuss zu dem alpinen Inklusionsprojekt. Eine der Leiterinnen des Projekts ist Andrea Szabadi-Heine. Sie ist selbst nach einem Unfall querschnittgelähmt und dennoch passionierte Sportlerin: „Eine Behinderung sollte kein Grund sein, sich nicht hinaus in die Natur zu begeben. Die Berge sind für jeden da. Sie können unheimlich viel Kraft geben und einem helfen, das eigene Potenzial zu entdecken. Und wenn man sie mit Menschen erleben darf, die sich neugierig aufeinander einlassen, ist das unglaublich bereichernd“, sagt die 50-Jährige.

Gemeinsam Hindernisse überwinden und Grenzen verschieben

„Wer wenig Kontakt zu Menschen mit Behinderung hat, kann sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen, wie so ein Vorhaben funktionieren soll. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass man im Team die größten Hindernisse überwinden und über sich hinauswachsen kann. Wichtig ist dabei, die Ressourcen und Stärken von jedem Einzelnen zu nutzen. Es gibt Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer, die voller Begeisterung über Wurzelwege hinunterradeln, es gibt Menschen, die vollständig sehbehindert sind und trotzdem klettern. Und es gibt Kinder mit kognitivem Unterstützungsbedarf, die die Stars in ihrem Freundeskreis sind, wenn sie zu Hause von ihren Abenteuern berichten“, erzählt Andrea Szabadi-Heine. „Auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Inklusiven Transalp haben die Chance, ihre individuellen Grenzen zu verschieben und gemeinsam im Team die Wege ins Freie erkunden.“

Motivation pur beim ersten Treffen

Teamgeist ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen der Alpenüberquerung.

Vom 25. bis 29. Mai traf sich das 16-köpfige „Inklusive Transalp Team“ auf der Ferienwiese in Weißbach bei Lofer das erste Mal. Ziel war es vor allem, sich kennen zu lernen und als Team zusammen zu wachsen. „Mit dieser Woche sind wir dem Ziel, gemeinsam eine Transalp durchzuführen, einen großen Schritt nähergekommen“, sagt Szabadi-Heine. In der Leitung des Transalp-Teams wird die Sozialpädagogin von Markus Emprechtinger und Mel Presslaber unterstützt. Die Teammitglieder kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Einer davon ist Adrian Wiewiora: „Unser erstes Treffen war ein voller Erfolg. Wir haben gemeinsam die Loferer Steinberge auf zwei oder drei Rädern erkundet. Zur Alpenquerung ist es zwar noch ein weiter Weg, aber eins ist jetzt schon gewiss: Die richtigen Leute, um diesen zu gehen, haben sich schon gefunden. Die Begeisterung, die Offenheit und das gegenseitige Vertrauen, die Solidarität und der Wille, gemeinsam etwas zu schaffen, haben diese fünf ersten Tage geprägt und zu einem besonderen Erlebnis gemacht. Die wichtigste Zutat für eine erfolgreiche Transalp ist also auf jeden Fall vorhanden: Der Teamgeist. Der reicht jetzt schon für zwei Alpen-Überquerungen“, beschreibt Wiewiora die Stimmung bei der Auftaktveranstaltung in Weißbach.

Auch in der Praxis hat sich das Team als tauglich erwiesen, so zum Beispiel beim gemeinsamen Floß-Bau. Nach einer kurzen Fahrt auf den Rädern zum nächstgelegenen Ritzen See entstand dort unter den fleißigen Händen des Transalp-Teams aus Brettern, alten Traktorreifen und Seilen ein recht ansehnliches Floß, das allen Platz für eine schiffsbruchfreie Rundfahrt bot.  Längere Biketouren standen ebenfalls auf dem Programm: Auf der Strecke von Weißbach über das Hintertal und die Wildenbachklamm zurück zur Ferienwiese musste sich die Gruppe den ersten Herausforderungen stellen. Steile Wegstücke, die zum Ausfall der Unterstützungsmotoren der Handbikes geführt haben und umgestürzte Bäume konnten das Team jedoch nicht lange aufhalten: Immer waren helfende Hände da, um zu schieben und zu heben oder nach dem erfolgreich überwundenen Hindernis ein paar High Fives zu verteilen.

„Während all dieser Aktivitäten sind Berührungsängste verloren gegangen, wurden Grenzen ausgelotet und neue Perspektiven erschlossen. So konnten sich die Fußgänger bei einem Handbikerennen selbst einmal mit den Möglichkeiten und Grenzen der betreffenden Technik vertraut machen oder die Rollstuhlfahrer mit Hilfestellung eine Runde auf einem „normalen“ Mountainbike drehen“, erzählt Wiewiora.

Beim ersten Treffen des Transalp-Teams wurden auch essenzielle Fragen geklärt wie: Was ist mit unseren Ressourcen überhaupt möglich? Welche Wege können wir bewältigen? Wo liegen die Herausforderungen und wie können wir diese mit vereinten Kräften überwinden? Wo brauch ich Unterstützung und wie kann ich andere unterstützen?

Das Ziel: Eine coole Strecke auch für Handbikes

Rücksicht, Offenheit und Respekt tragen Radfahrer und Handbiker über die Berge.

Erste Überlegungen zur Zielfindung ergaben eine Alpenüberquerung mit einer coolen Strecke (möglichst wenig Asphalt) zu machen, die für alle Teammitglieder passt.

Alle Entscheidungen sind geprägt von Rücksicht, Respekt und Offenheit.

Auch möchte das Team mit diesem Projekt einen Beitrag zur Inklusion leisten, und z. B. die Tour allen zugänglich machen. Eine tolle Plattform ist hier alpenvereinaktiv.com.

Step 2 führte das Team vom 26. bis 31. August 2018 nach Steinach am Brenner.

Dort ist so einiges ins Rollen gekommen, es wurden neue Ideen geboren und reichlich Zeit auf zwei oder drei Rädern verbracht. Es wurden Grenzen bezüglich Kondition, Material und Gruppendynamik ausgelotet, vor allem aber wurde an dem großen Ziel der Transalp 2019 und einem passenden Namen für das Team getüftelt.

Als Ziel wurde folgende Strecke gesteckt: Beginnend in Scharnitz geht´s durch das Karwendel und über das Tuxer Joch. Von dort aus über den Brenner Grenzkamm und den Jaufenpass runter nach Meran und vorbei am Molvenosee zum phänomenalem Ziel, dem Gardasee. Von nun an ein konkretes Bild der Transalp vor Augen zu haben und nicht länger eine vage Vision, rückt das große Ziel ein bedeutendes Stück näher.

Statt dem eher informativen Titel „Team Inklusive Transalp“ trägt das Projekt von jetzt an den pfiffigen Namen „ROL IT“ (Radeln ohne Limits Inklusive Transalp). Neben einem Filmteam, das die Truppe bei step 2 einen Tag begleitete, statten auch Hanna Moser und Nici Supletzky einen Besuch ab. Es war für Gruppe und Leiter toll, einigen der Projektinitiatiorinnen und – initiatoren aus der Alpenvereinszentrale einmal danke zu sagen, ohne die es das Team nicht gäbe.

Nach einem weiteren Treffen soll ein gemeinsamer Skitag weiter zu einem guten Teamspirit beitragen.

Im Frühjahr 2019 geht´s zu einem letzten Check auf die Ferienweise – und für September 2019 ist schließlich die zehntägige Alpenüberquerung angesetzt.


Der-Querschnitt.de dankt Andrea Szabadi-Heine und der Redaktion von „Sport + Monbilität mit Rollstuhl“, der Informationsschrift des Deutschen Rollstuhlsportverbandes, für die freundliche Überlassung des Textes und der Bilder!

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