Schmerzempfinden bei Querschnittlähmung

Chronische Schmerzen, vor allem chronisch-neuropathische Schmerzen, sind eine häufige und belastende Komplikation bei Querschnittlähmung und werden von Betroffenen oft als verantwortlich für eine verminderte Lebensqualität genannt. Da neuropathische Schmerzen medikamentös nur schwer zu behandeln sind, setzt die Forschung auf ein vermehrtes Verständnis über die Hintergründe der Ausbildung von neuropathischen Schmerzen bei peripheren Nervenschädigungen.

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Akute Schmerzen

Ein akuter Schmerz macht auf eine Erkrankung, eine Verletzung – im Falle einer heißen Herdplatte, z. B. auf eine Gefahrenquelle – aufmerksam und erfüllt somit eine wichtige schützende, warnende und die Gesundheit erhaltende Funktion. Akute Schmerzen können durch eine Behandlung der auslösenden Ursache normalerweise gut und vollständig behoben werden.

Bei der Erstversorgung in der Akutphase können nach dem Eintritt einer Querschnittlähmung operative Eingriffe notwendig sein, die akute Schmerzen verursachen. Durch die querschnittbedingte veränderte Körperwahrnehmung können sich akute Schmerzen auf eine ungewöhnliche oder unbekannte Weise äußern; ein Umstand, über den Betroffene aufgeklärt sein sollten, um Verwirrung und eine zusätzliche psychische Belastung – die nach Eintritt einer Querschnittlähmung ohnehin vermehrt gegeben ist und sich auf das Schmerzempfinden auswirken kann – zu vermeiden (Erdmann, 2012).

Chronische Schmerzen

Chronische Schmerzen sind dauerhaft anhaltend (ab 3 bis 12 Monate) und haben nicht die Warnfunktion, die akute Schmerzen haben. Sie existieren ohne erkennbare oder bereits überwundene Krankheit bzw. Verletzung und damit ohne beeinflussbare Ursache. Damit erfüllen chronische Schmerzen alle Kriterien einer eigenständigen Krankheit (Schmerzkrankheit). Zurückzuführen ist dieses Phänomen möglicherweise auf einen unerwünschten Lernprozess im Rückenmark. Chronische Schmerzen nach Rückenmarksverletzungen sind – wenn nicht nozizeptiv bedingt – neuropathischen Ursprungs (Zäch/Koch, 2006).

Neuropathische (auch: neurogene) Schmerzen

Neuropathische Schmerzen entstehen, wenn Nervengewebe durch äußere Einflüsse (Quetschung, Kompression, Durchtrennung oder Entzündung) geschädigt werden. Sie können nicht nur nach Querschnittlähmungen auftreten, sondern auch nach z. B. Nervenkrankheiten, Amputationen, Krebserkrankungen oder Gürtelrose; zudem können sie durch Giftstoffe oder Medikamente ausgelöst werden oder metabolisch bzw. ernährungsbedingte Ursachen haben.

Man unterscheidet neuropathische Schmerzen hinsichtlich ihrer Lokalisation:

Lokalisation

Neuropathische Schmerzen auf Höhe der Läsion werden auch als segmentale, Endzonen- oder radikuläre Schmerzen bezeichnet. Sie können ein- oder beidseitig auftreten und äußern sich einschießend, elektrisch oder brennend.

Neuropathische Schmerzen unterhalb der Läsion werden auch als zentrale Schmerzen, Dysästhesie oder Phantomschmerzen bezeichnet. Sie treten diffus auf und äußern sich ein- oder beidseitig.

Äußern können sich neuropathische Schmerzen auf vielfältige Weise:

  • Schmerz durch einen taktilen, nicht noxischen Reiz, der normalerweise nicht auftritt, z. B. bei Berührung mit einem Wattebausch (Allodynie)
  • Fehlende Schmerzempfindung bei einem Reiz, der normalerweise Schmerz auslöst (Analgesie)
  • Schmerz in einem Gebiet, der nach einer Nervenläsion gefühllos ist (Anasthesia dolorosa)
  • Spontan auftretende und provozierte, unangenehme und abnorme Empfindungen (Dysästhesie)
  • Verminderte Empfindlichkeit für Berührungsreize (Hypästhesie)
  • Herabgesetztes Schmerzempfinden (Hypalgesie)
  • Verstärkte Empfindung von schmerzhaften und normalerweise nicht schmerzhaften Reizen (Hyperästhesie)
  • Verstärktes Schmerzempfinden auf einen schmerzhaften Reiz hin (Hyperalgesie)
  • Verstärkte Reaktion auf einen schmerzhaften oder nicht-schmerzhaften Reiz, besonders als Antwort auf wiederholte Reize (Hyperpathie)
  • Außergewöhnliche Empfindung ohne unangenehmen Charakter (Parästhesie)

Deafferenzierungsschmerz

Deafferenzierungsschmerzen entstehen durch eine teilweise oder vollständige Verletzung des afferenten Nervensystems und treten in dem ehemaligen Versorgungsgebiet des betroffenen Nervs bzw. Nervenstamms auf.  Leitsymptome sind der Ausfall oder die verminderte Wahrnehmung taktiler oder thermischer Reize.

Deafferenzierungsschmerzen treten innerhalb von Wochen und Monaten nach Eintritt der Querschnittlähmung auf und können attackenartig, einschießend, brennend, prickelnd, einschnürend oder ziehend sein. Betroffene berichten zudem häufig von Missempfindungen, Phantomsensationen und schmerzhaften Missempfindungen, die eine von der Nervenwurzel ausgehende (radikuläre) und gürtelförmige Ausstrahlung auf der Höhe der Verletzung haben können (Erdmann, 2012).

Verletzungsmuster und Syndrome stehen in Zusammenhang mit Schmerzwahrnehmung und Sensibilität und damit auch mit dem Deafferenzierungsschmerz. (Vgl. Sensibilität bei Querschnittlähmung.)

Behandlungsoptionen

Chronische neuropathische Schmerzen bedürfen einer zentral ausgerichteten Behandlung. Bei der Behandlung chronisch neuropathischer Schmerzen, konzentriert man sich zunächst meist auf pharmakologische und physikalische Maßnahmen. Es ist jedoch notwendig jede der folgenden Optionen in die Therapie zu integrieren:

  • Förderung der allgemeinen Gesundheit und Abschwächung bzw. Vermeidung schmerzhafter Faktoren
  • Medikamentöse, nicht invasive Schmerztherapie
  • Nicht medikamentöse, nicht invasive Maßnahmen
  • Chirurgisch-invasives Vorgehen zur Schmerzbehandlung (Zäch/Koch, 2006)

Für eine genaue Beschreibung der Behandlungsmöglichkeiten bei chronischen neuropathischen Schmerzen bei Querschnittlähmung siehe: Schmerztherapie.

Siehe auch: Körpereigenes Protein schützt Nervenzellen vor chronischer Überempfindlichkeit

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