Vater werden trotz Querschnittlähmung

Während Empfängnisbereitschaft und Schwangerschaft von Frauen mit Querschnittlähmung nicht bzw. nur wenig beeinflusst sind, ist die Zeugungsfähigkeit von Männern durch eine Rückenmarksverletzung häufig beeinträchtigt. Mit Eintritt der Querschnittlähmung lassen nicht nur die Erektions- und Ejakulationsfähigkeit, sondern auch Qualität und Beweglichkeit der Spermien und somit die Fruchtbarkeit des Betroffenen in der Regel nach. Jedoch gibt es durchaus Möglichkeiten einen Kinderwunsch von querschnittgelähmten Männern zu erfüllen.

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Fruchtbarkeit

Die Samenqualität, d. h. die Anzahl, Beweglichkeit, Vitalität und Aussehen der Spermien (Märk/et al., 2012) ist nach Eintritt einer Querschnittlähmung, unabhängig von Läsionshöhe und Vollständigkeit, fast immer vermindert. Als Ursache können querschnittsbedingte Faktoren wie Lähmungsdauer, erhöhte Temperatur der Hodengegend, seltene Ejakulationen, Methoden der Blasenentleerung, Harnwegsinfektionen, die Einnahme von Antibiotika, Spermaantikörper, Störung in der Synthese von Sexualhormonen und Veränderungen des Hodengewebes ausgeschlossen werden. Neue Studien konzentrieren sich darauf mögliche Ursachen im vegetativen Nervensystem zu suchen, da alle Organe, die die Spermaqualität beeinflussen, von diesem kontrolliert werden (Zäch/Koch, 2006). Eine Behandlung zur Verbesserung der Spermaqualität ist noch nicht bekannt.

Zeugung

Die Zeugungsfähigkeit ist beim querschnittgelähmten Mann nicht nur wegen der verminderten Spermienqualität eingeschränkt, sondern auch durch die möglicherwiese verminderte oder fehlende Fähigkeit zur Erektion und Ejakulation (siehe: Sexualität bei Querschnittlähmung) und das dadurch bedingte Unvermögen Sperma in die Gebärmutter der Partnerin einzubringen. Es gibt jedoch Möglichkeiten einen Kinderwunsch zu erfüllen; in jedem Fall sollte ein spezialisierter Urologe zur Rate gezogen werden.

Zunächst wird nach einer assistierten Ejakulation (durch eine penile Vibratorstimulation oder eine transrektale Elektrostimulation) ein Spermiogramm zur Untersuchung der Spermaqualität durchgeführt. Sollte weder durch die penile Vibratorstimulation noch die transrektale Elektrostimulation eine Ekjakulation erreicht werden, wird eine testikuläre Spermienextraktion bzw. perkutane Punktion vorgenommen, bei der Spermien durch einen operativen Eingriff aus dem Hodengewebe entnommen werden.

Ist eine hinreichende Menge an genügend beweglichen Spermien vorhanden, kann eine intrauterine Insemination vorgenommen werden, bei der Samenzellen mittels eines Katheters in die Gebärmutterhöhle der Frau eingebracht werden. Beim Vorhandensein einiger weniger beweglicher Spermien, besteht die Möglichkeit einer intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI). Bei dieser Methode der künstlichen Befruchtung wird das Spermium direkt in das Zytoplasma einer Eizelle gespritzt (Kämpfer, 2012).

Für mehr Informationen zu medizinischen, rechtlichen und finanziellen Aspekten siehe: Durch künstliche Befruchtung zum Wunschkind

Eltern sein

Ein Kind in die Welt zu bringen, das eigene Leben neu auszurichten, das überwältigende Gefühl Mutter oder Vater zu sein, stellte jedes neue Elternteil – ob Rollstuhlfahrer oder Fußgänger – vor Herausforderungen, deren Ausmaß im Vorfeld durch keine noch so detaillierte Schilderung oder noch so genaue Beobachtung abzusehen ist. Frischgebackene Eltern berichten oft, noch nie zuvor so viel Freude, aber auch noch nie zuvor so viel Angst empfunden zu haben.

Eine Rückenmarksverletzung hat keinen Einfluss auf die eigenen Qualitäten als Vater, wird aber einige Zusatzmaßnahmen erforderlich machen, die über die Anpassung der Hilfsmittel (unterfahrbares Kinderbett, unterfahrbarer Wickeltisch, Positionierung aller notwendigen Produkte zur Versorgung des Kindes in guter Reichweite) hinausgeht. Je nach Höhe der Verletzung wird ein eigenständiges Versorgen, das Hochnehmen, Tragen, Füttern, Baden und Wickeln des Kindes schwierig bis unmöglich sein und dieser Aspekt der Betreuung wird vom Partner oder von einer dritten Person übernommen werden müssen. Doch selbst wenn ein querschnittgelähmter Vater solche Hilfen in Anspruch nehmen muss, so ist er nicht zu ersetzen und kann trotz Rückenmarksverletzung viel wertvolle Zeit mit dem Kind verbringen und an (fast) allen Aspekten seiner Kindheit teilhaben.

Durch sein Verhalten – weinen, wenn unzufrieden; friedlich sein, wenn alles okay ist – wird ein Kind seine Eltern immer sehr deutlich wissen lassen, ob sie „es gut machen“ oder nicht. Und es wird ihnen immer die Chance zur Verbesserung geben. Ob Mama oder Papa im Rollstuhl sitzen, wird ihm egal sein. Und letztendlich ist diese Meinung die einzige, die zählt.