Auf dem Kreuzfahrtschiff nach Dubai: Tetraplegiker erlebt den Orient

Daniel Friedrich zog sich vor elf Jahren als 17-Jähriger bei einem Badeunfall eine Querschnittlähmung zu und seither lebt der Sachbearbeiter für geografische Anlagedokumentation mit Assistenz und einem Traum: Einmal im Leben Dubai sehen. Auf Der-Querschnitt.de erzählt der Dresdner über seine Reise in den Orient.

„Mein größter Wunsch nach meinem Badeunfall war, Dubai einmal im Leben zu sehen, die Superlative gegenüber dem Dorfleben: Künstliche Inseln, riesige Wolkenkratzer und nicht zu vergessen das höchste Gebäude der Welt in Verbindung mit den alten Tugenden des Orients, dem Handel auf den Märkten.

Elf Jahre nach dem Unfall sollte es Wirklichkeit werden, aber die Probleme begannen schon mit Anfang der Planung. Die Angebote für mich und meine Begleiterin, Krankenschwester Stephanie Erler, von „Dubai barrierefrei“ gibt es erst ab 4,5 Sterne, was definitiv außerhalb meiner Preisklasse liegt. Eigentlich war der Traum schon fast über Board gegangen, bis uns jemand den Vorschlag machte, die Orient Tour auf dem Kreuzfahrtschiff Aida zu buchen.

Sieben Tage, vier Städte und laut Flyer alles barrierefrei. Also nahmen wir mit dem Aida-Team Kontakt auf und erfuhren, dass barrierefreie Kabinen mit Balkon ausgebucht waren – sie müssen anderthalb Jahre vor Reiseantritt gebucht werden – also blieb nur eine Innenkabine. Aber wir planten ja eh nicht viel im Zimmer zu sein.“

Anreise mit Umwegen

Für den Flug zum Schiff hatten Friedrich und seine Begleitperson vom Reiseveranstalter ein Pauschalangebot erhalten, doch auch hier gab es ein Problem: „Es waren weder Nonstop-Flug noch die Mitnahme von Sondergepäck von A nach B möglich.

Nun Flug mit Zwischenstops und Umsteigen für mich als Rollstuhlfahrer viel zu anstrengend, viel zu lange und viel zu hoch ist die Gefahr, dass das Sondergepäck nicht ankommt. Also buchten wir die Reise ohne Flug und organisierten einen eigenen Flug ab Prag, mit einer Airline, von der wir noch nie etwas gehört habe. Aber „No risk, no fun!“.

Nach der Buchung nahmen wir per Email Kontakt mit der Airline auf, um mitzuteilen, dass ein Rollstuhlfahrer an Bord kommt. Daraufhin mussten wir englische Formulare vom Arzt ausfüllen lassen und zurück schicken. Die Mitnahme von Rollstuhl und Duschrollstuhl war kein Problem, aber die Mitnahme von weiterem Sondergepäck war nicht möglich. Was für uns aber kein Problem war, denn Katheter und alle weiteren Utensilien passten in Gepäck und Handgepäck.

Check-In und Boarding gingen ohne Probleme. Ich konnte im Rollstuhl bis zum Flugzeug fahren, wo zwei Security Leute mich dann in den Sitz umgesetzt haben. In Dubai angekommen wurde ich wieder von zwei Security Mitarbeitern aus dem Flugzeug geholt und mit einem eigenen Shuttle zur Passkontrolle und Gepäck Ausgabe gebracht wo ich wieder umsetzen konnte. Am Ausgang hat uns ein Mitarbeiter von National Dubai auf Anfrage ein Special Needs Taxi bestellt. Zwanzig Minuten später war es da, alle Koffer hatten Platz – und auch ich! Ganz ohne umsetzen. Und noch eine schöne Überraschung: Einen Aufpreis für das Taxi muss man in diesem Land nicht bezahlen.“

Auf dem Schiff

„Der Check-In im Hafenterminal war schon gigantisch“, sagt Friedrich. „Pass gegen Bordkarte und in kürzester Zeit waren wir an Bord des Kreuzfahrtschiffes.

Zimmereingang und die Türen sind breit genug für den Rollstuhl, im Zimmer kann man ohne Probleme wenden und sich ins Bett umsetzten. Das Bad ist ausreichend groß und ohne Schwelle erreichbar und der Duschrollstuhl passt optimal in die barrierefreie Dusche. Es ist sogar ein langer Spiegel im Bad, sowie ein höhenverstellbares Waschbecken, sowie eine Notklingel vorhanden. Was nicht möglich ist, selbstständig das Zimmer zu betreten, da es keine Schiebetür oder einen Drücker hat und die Tür mit einem automatischen Schließer versehen ist. Des Weiteren ist das ganze Schiff mit Teppich ausgelegt, was das Fahren sehr erschwert bzw. es für mich als Tetra unmöglich macht.

Dafür hängt sogar die Hauspost auf Rollstuhlhöhe, ebenso das Guckloch in der Zimmertür. Leider ist das Bett nur eine Liege, es sind keine Pflegebetten oder elektrischen Lattenroste vorhanden. Es ist also weder in der Höhe noch am Kopfteil verstellbar, was sehr schade ist, für ein barrierefreies Zimmer.

An den ersten beiden Tagen waren wir nur auf dem Schiff, da es die Überfahrt nach Muscat war. Auf jedem Deck gibt es eine Behindertentoilette, an jeder Bar bekomme ich ohne Probleme Getränke. Das Problem bestand eher beim Essen. Ich benötigte Hilfe am Buffet, da die Schilder, die die Speisen beschreiben, so weit oben an der Scheibe hingen, dass ich sie nicht lesen konnte. Man kann als Rollstuhlfahrer einen Tisch bestellen, da wir aber lieber flexibel waren, haben wir diese Möglichkeit nicht genutzt – und trotzdem haben wir immer einen Platz gefunden. Bis auf Deck 15, das Sonnendeck, konnte ich alle Decks mit dem Fahrstuhl ohne Probleme erreichen.“

Die Länder des Orients

Da die meisten Ausflüge von Aida nicht barrierefrei sind oder wenn barrierefrei, so hohe Preise haben, haben wir alles individuell und auf eigene Faust unternommen.

Muscat

In Muscat darf man das Terminal nicht zu Fuß verlassen. Der Shuttlebus bis zum Hafenausgang waren allerdings nicht mit einer Rampe ausgestattet, weshalb wir uns mit unserem Problem an den Manger wendeten. Fünf Minuten später stand der Port Manager mit einem Auto da und brachte uns zum Hafenausgang. Das Umsetzen in ein normales Auto ist für mich ohne Probleme möglich und mein Rollstuhl passt in einen normalen Kofferraum, wenn die Räder abmontiert sind.

Am Hafenausgang stehen Taxen, mit denen man einen Preis für mehrere Stunden Fahrt aushandelt und los geht es. Für unseren Taxifahrer war es wohl ein Highlight: Er hat uns zur Moschee, zur Oper, Old City und zum Palast Hotel gefahren und uns zum Schluss am Markt, dem Souk, aussteigen lassen. Der Souk ist in Laufweite zum Hafen, aber ohne fremde Hilfe kommt man da nur schlecht hin, da es in diesem Land keine abgesenkten Bordsteine gibt.

Am Hafeneingang mussten wir dem Shuttlebusfahrer erklären, dass wir den Port Manager benötigen, und 20 Minuten später war er da, um uns zurück zum Schiff zu fahren.

Abu Dhabi

In Abu Dhabi lief unser Schiff um 18.00 Uhr ein und wir stürzten uns gleich ins Nachtleben.

Es fährt ein Bus-Shuttlw zur Marina Mall, nur war diese ohne Rampe – also nicht mit Rollstuhl befahrbar. Das hieß für uns, dass wieder ein Taxi mit Extragebühr notwendig war, um uns zur traumhaft beleuchteten Moschee zu bringen.

Am nächsten Tag stand „Abu Dhabi bei Tag“ auf dem Plan. Nach einer sehr kurzen Nacht ging es 4:15 Uhr raus aus dem Bett, da wir für 5:00 Uhr einen Ausflug in die Wüste gebucht hatten. Der Transfer in den Jeep war nur mit der Hilfe von Personen möglich, da er so hoch war, aber danach saß ich sehr gut. Nach einer Stunde Fahrt waren wir in der Wüste angelangt. Mit 60km/h durch den Sand wurde mir ein Traum erfüllt. Den Sonnenaufgang zu sehen war gigantisch und hat schon fast dafür entschädigt, dass ich in der Wüste nicht aussteigen konnte.  Und auf der Rückfahrt hatte man ebenfalls sehr gut das Land besichtigen können.

Nach einem ausgiebigen Frühstück an Bord sollte es weiter gehen, aber da der Shuttlebus wieder über keine Rampe verfügte, gingen wir zum Reisemanager und haben ihm das Problem geschildert. Er schlug als Alternative die Taxen vor, woraufhin wir erklärten, dass wir nur Nachteile im Vergleich zu den anderen Passagieren hätten und immer einen Aufpreis zahlen müssten. Als Ausgleich gab es von der Aida für uns Cocktailgutscheine.

Also fuhren wir wieder mit einem normalen Taxi zur Marina Mall, und gingen bzw. rollten dann zu den Etihad Towers, was nur zu empfehlen ist. Danach entlang der Strandpromenade konnte wir so am besten die Stadt genießen – und zwar alles barrierefrei weil alle Bordsteine abgesenkt sind.

Gegen 17:00 Uhr liefen wir aus dem Hafen aus. Ich hatte das Glück auf das Deck 14 zu gelangen – am Spa Bereich vorbei – und konnten so mit allen anderen das Auslaufen im vom Sonnenuntergang beglänzten Hafen genießen. Da man auf der Aida als Rollstuhlfahrer keine andere Chance bzw. Gelegenheit hat an den Bug zu kommen, war das schon außergewöhnlich.

Bahrain

Am nächsten Tag stand Bahrain auf dem Programm. Die Fußgänger konnten mit einem kostenlosen Shuttle, in die Mall gebracht werden. Leider war der Shuttlebus für uns keine Option, denn – man kann es vielleicht schon erraten – er verfügte über keine Rampe. Wir stellten uns schon darauf ein, wieder ein Taxi nehmen zu müssen, doch als wir unser Problem an der Rezeption schilderten, stellte sich heraus, dass es a) keine Taxen gäbe und man b) den Hafen nicht zu Fuß verlassen dürfte.

Man bot uns eine einzige Möglichkeit an nach Bahrain zu kommen – nämlich mit einem Hafenmitarbeiter für schlappe 180 US$. Wir blieben also an Bord und verbrachten einen ruhigen Sonnentag am Pool. Einen Schwimmbeckenlift gibt es an Bord leider nicht, aber mit der Hilfe vieler kleiner Heinzelmännchen schaffte ich es dennoch im Pool zu baden. Mangelnde Barrierefreiheit kann manchmal mit viel Raffinesse und viel gutem Willen wettgemacht werden. Schade nur, dass das nötig war.

Am späten Nachmittag sind wir wieder ausgelaufen. Leider wurde es mir diesmal verwehrt auf das Deck 14 zu fahren und dem Auslaufen zuzusehen. Für 25€ hätte ich, laut der Leiterin des Spa-Bereichs, gedurft. Aber dazu fiel mir nur „Nein, DANKE!“ ein.

Dubai

Mein großes Ziel erreichten wir um 10:00 Uhr. Im Taxi (dass der Shuttlebus keine Rampe hatte, versteht sich mittlerweile von selbst, oder?) fuhren wir zur Palmeninseln, die wir dann mit der Metro besichtigen konnten. Im Burj Khalifa muss man als Rollstuhlfahrer nicht so lange warten, da hat man gewisse Vorteile, aber den Ausblick empfand ich dann als nicht ganz so schön wie in Abu Dhabi von den Etihat Towers aus. Den Sonnenuntergang und das Wasserspektakel zwischen Mall und Burj Khalifa haben wird von der Brücke an der Mall beobachtetet, was ein echt schöner Ausklang war.

Freitag war Abreisetag, wir konnten das Gepäck am Terminal lassen und den Tag noch in vollen Zügen in Dubai genießen. Wir besuchten den Souk und Dubai Creek. Leider war es uns nicht möglich eine Bootstour auf dem Creek zu machen, da es keine rollstuhlgerechten Plätze gab. An dem Tag ging kein Lüftchen und es war kochend heiß. Bei 30 Grad im Schatten, hatte ich schon etwas Kreislaufprobleme. Ist halt nicht mein Wetter.

Als wir unser Gepäck am Hafen abholten, bestellte uns das Aida Team ein Special Needs Taxi, das innerhalb von 30 Minuten da war. Am Flughafen lief alles glatt; der Transfer ins Flugzeug mit dem Flughafenservice ging tadellos. Vor dem Check In wurde ich sehr genau kontrolliert und auf dem Rückflug, habe ich nur geschlafen, weil ich von den sieben Tagen Orient schon ziemlich kaputt war.

Fazit eine Woche Orient im Rollstuhl

Über eines muss man sich als Rollstuhlfahrer im Klaren sein: Man muss sich selber kümmern und vorher planen, da es nicht viel barrierefreie Ausflüge im Angebot der Aida gibt. Aber das Schiff ist wirklich rollstuhlgerecht und für ein barrierefreies Zimmer zahlt man einen Top-Preis, da ja sonst für Rollstuhlzimmer in Hotels oder Ferienwohnungen im Vergleich zum Standard recht hohe Preise verlangt werden.

Das größte Problem waren auf dieser Reise eigentlich meine Abführprobleme, die vor allem die Krankenschwester schier in den Wahnsinn treiben wollten. Aber die lagen ja eher an der anderen Ernährungsweise als zu Hause, wegen den ungewohnten Speisen an Bord und vielleicht auch einem anderen Trinkverhalten. Dass es im Urlaub zu Verdauungsproblemen kommen kann, kennen ja ganz viele, nicht nur Rollstuhlfahrer – nur dass es für letztere halt noch etwas unangenehmer ist.

Allein wäre so eine Fahrt für mich nicht möglich gewesen, aber mit Assistenz hat man eine schöne Woche im Warmen. Es ist beeindruckend zu sehen, dass eigentlich in mitten von Nichts so eine Metropole erschaffen wurde und gleich dahinter die Wüste anfängt. Imposant war der Eindruck als die Sonne unterging und die Stadt in Millionen von Lichtern erstrahlt, am besten war der Blick vom Schiff aus.

Tatsächlich hat mir aber Abu Dhabi noch besser gefallen als Dubai, wo ich eigentlich nur hin wollte. Mein Traum jedenfalls hat sich erfüllt.

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