Meine Querschnittlähmung und ich: Was mir den Hintern rettete

Ich habe es an anderer Stelle schon mal erwähnt: Als Querschnittgelähmter ist man aus verschiedenen Gründen oft in den Hintern gekniffen. Ich habe einen schlauen Weg gefunden, wie ich mir selbigen retten kann. Möchten Sie wissen wie?

Das Schreckgespenst, das im Leben eines jeden Querschnittgelähmten herumspukt, ist das Druckgeschwür, auch Druckstelle oder Dekubitus genannt. Es entsteht, wenn zu lange zu viel Druck auf Körperstellen lastet. Das Gewebe wird geschädigt – und stirbt, wenn es ganz dumm läuft, ab.

Über dieses Risiko klärte man mich bereits in der Erst-Reha sehr genau auf. Und Physiotherapeuten und Pflege bläuten mir quasi mit Holzhämmern ein, was passieren würde, wenn ich nicht regelmäßig Druckentlastungen vornehme würde. Eine Schwester ging so weit, mir ein Bild von einem Dekubitus Grad 4 mit rohem Fleisch und freiliegendem Knochen zu zeigen, woraufhin ich mich fast übergeben hätte, aber andererseits hochmotiviert war, die Positionswechsel regelmäßig durchzuführen. Als mein Rollstuhl schließlich geliefert wurde, entsorgte das Team, das mich betreute, sofort das mitgelieferte Schaumstoff-Rollstuhlkissen und ersetzte es durch eines mit Luftkammern.

Wie Arsch auf Eimer…

Aber leider ist das geeignete Sitzkissen zu finden, eine sehr individuelle Sache. Nicht jeder Hintern liebt jedes Kissen und nicht jedes Kissen liebt jeden Hintern. Irgendwann war bei mir und meinem Kissen die Luft raus (was ich nicht merkte) und eines Abends stellte ich fest, dass mein Allerwertester von einem roten Mal gekennzeichnet war (nein, es ließ sich nicht wegdrücken). Ich verbrachte ein paar Tage auf dem Bauch liegend, was ätzend und langweilig war. Als ich wieder soweit hergestellt war, reckte ich die Hände gen Himmel und schwor ich, dass ich nie wieder hungern eine Druckstelle haben würde. Dann rief ich meinen Physiotherapeuten an und wurde auch gleich einbestellt.

Nur unterbreitete mir er dann einen Vorschlag, der zunächst ziemlich aberwitzig klang. Nachdem ich ihm eine Weile zugehört hatte, sagte ich stirnrunzelnd: „Versteh ich das richtig? Du willst, dass ich, statt auf Luft zu schweben, auf einem harten, festen Kunststoffkissen sitze?“

Er nickt.

„Aber du weißt, dass ich querschnittgelähmt bin?“

Erneutes Nicken.

„Und dass es mit meiner Sensibilität nicht weit her ist?“

Nicken.

„Und du sagst, dass so ein Kissen weitere Druckstellen vermeiden soll?“

Mein anfänglicher Missmut ist hoffentlich verständlich. Man hatte mir eindrücklich vermittelt, wie wichtig die Druckentlastung ist und wie schnell Druckstellen entstehen können, hatte ich ja gerade erlebt. Und nun sollte ich meinen Allerwertesten einem Stück Hartschaum anvertrauen. Und das vierzehn bis sechszehn Stunden am Tag….

Sitz, passt, wackelt und hat Luft

Aber mein Therapeut erklärte (mehrfach), dass mir ein angepasstes Sitzkissen aus polsterbezogenem harten Schaumstoff wirklich helfen könne, weil so ein System der 3D-Form meines Körpers angepasst würde. Die Sitzbeinhöcker seien in Mulden quasi eingebettet. Der Druck werde so besser verteilt und das Becken werde stabilisiert, was gut für Haltung und Rücken sei. Überhaupt, würden so die Körperstellen, die den Druck eher vertragen können, vermehrt belastet, während die mit wenig Muskeln oder Fettgewebe zwischen Knochen und Außenwelt geschont würden.

Ich kann nicht behaupten, dass ich sofort Feuer und Flamme gewesen wäre, doch ich beschloss dem Fachmann zu vertrauen und nach den ersten paar Tagen der körperlichen und geistigen Anpassung, waren meine Zweifel verschwunden und mein Hinterteil und mein neues Sitzsystem nicht mehr voneinander zu trennen. Meine Haut sah besser aus als je zuvor. Und ich hatte seither nie wieder Hautirritationen geschweige denn eine Druckstelle.

Ich will nicht sagen, dass dieses System für alle Rollstuhlfahrer perfekt ist. Für mich funktioniert es aber bis heute, denn es lastet ja im Alltag recht viel Gewicht auf meinem Allerwertesten. Mein eigenes, das so mancher Einkaufstaschen, das meiner Frau, wenn uns übermütig zumute ist…

All das kann ich stemmen, ohne dabei den Hintern zu riskieren. Dank des richtigen Rollstuhlkissens.

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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Fragen & Kommentare

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  1. Jürgen Geromont 07.04.2019, 09:31 Uhr

    Welcher Hersteller liefert dieses Kissen

    • Tanja Konrad 08.04.2019, 10:32 Uhr

      Guten Tag.

      Es handelt sich eigentlich um eine bezogene und gepolsterte Sitzschale, die von verschiedenen Herstellern angeboten werden. Informationen zum Thema finden Sie hier: Haltung bewahren mit Sitzschalen. Eine persönliche Beratung nimmt sicher gerne der Fachhandel vor.

      Viele Grüße
      Die Redaktion