Meine Querschnittlähmung und ich: Erotikroman mit Rollstuhlfahrer

Wie haben Menschen mit Querschnittlähmung eigentlich Sex? Diese Frage stellen sich viele Frischverletzte, wie z. B. ich nach meinem Unfall, aber auch viele Nicht-Betroffene, die einfach neugierig sind. Ob Sie es glauben oder nicht: Die Antwort kann man jetzt in einem Liebesroman nachlesen…

Eigentlich fällt es mir schwer einzugestehen, dass ich um die Existenz von Liebesromanen überhaupt weiß. Und „Liebesromane“ müssen wir mal ganz zügig in Anführungszeichen setzen, denn in Wahrheit meine ich Erotikromane und die sind eigentlich… Schmuddelkram. Sie wissen, was ich meine, ja? Diese Taschenbücher, auf deren Cover sich Paare in nur halbbekleidetem Zustand tummeln und die man gerne in Sockenschubladen oder im Bücherregal hinter den ledergebundenen Werken der Manns und John Steinbeck versteckt.

Die Helden solcher Romane sind meist nicht nur sündhaft gutaussehend sondern auch steinreich; die Männer draufgängerische Teufelskerle, die Frauen willensstarke Madonnen. Oft gibt es im Leben von wenigstem einen der Protagonisten ein schreckliches Geheimnis, das den Geheimniskrämer daran hindert sein Glück mit beiden Händen zu ergreifen…  Zusätzlich zu dieser Seelenpein, wird auch immer ein Feuer in den Lenden beider Hauptdarsteller entfacht, bis sie willenlos in die Arme des jeweiligen anderen sinken und dann Haken umeinander schlagen, bis sie sich 200 Seiten später zu einem furiosen Happy End durchringen können. Ganz wie im richtigen Leben also.

Liebesheld mit Querschnittlähmung

Ein Vertreter dieser Gattung (die ich nur ganz, ganz selten lese, ich schwör‘) ist „Harter Fall. Weiche Landung.“ von Sarina Bowen. Und hier passiert mal ganz was ungewöhnliches, weil der Protagonist nämlich querschnittgelähmt ist! Und dieser Umstand macht den Roman nicht weniger „liebevoll“, das kann ich Ihnen flüstern.

Darum geht es: Snowboarder und Frauenheld Hank ist nach einem Sportunfall querschnittgelähmt. Seinen Traum von Olympia musste er begraben und seine Model-Freundin ist ebenfalls verduftet. Nach einem Alkoholexzess trifft er die attraktive Ärztin Callie, und rekrutiert sie prompt für seine Rehabilitation, um sie in seiner Nähe haben zu können. Diese wiederum darf natürlich nicht zugeben, dass sie sich zu Hank hingezogen fühlt und jedes  Mal ganz weiche Knie kriegt, wenn er mit seinen tätowierten Schultern und muskulösen Armen durch den Eingang des Therapiezentrums rollt.

Kein Sex ist auch keine Lösung.

An dieser Stelle fängt jetzt das Haken schlagen an, denn Callie darf sich nicht auf Hank stürzen, und Hank denkt, sie will nicht, weil er querschnittgelähmt ist. Natürlich landen die beiden trotzdem in der Kiste, und – huiuiui! – wer sich schon lange mal gefragt hat, was querschnittgelähmte Männer eigentlich so mit Frauen anfangen, dem werden an dieser Stelle gründlich die Augen geöffnet. Ich meine, ich wusste das natürlich alles schon vorher, aber kurz nach meinem Unfall wäre das Buch für mich goldwert gewesen, als ich nämlich noch dachte, ich würde niemals wieder für eine Frau attraktiv sein, geschweige denn sie glücklich machen können.

Selbstverständlich gibt es noch weitere Verwirrungen des Herzens, die aber schnell von einer kleinen, blauen Pille gelöst werden können. Der arme Hank war nämlich der Meinung, dass man an der Flaute in seiner Hose nichts würde ändern können, und mit seinem Urologen darüber zu reden, traute er sich nicht. Erst ein Gespräch mit einer Gruppe anderer querschnittgelähmter Männer überzeugt ihn, dass Erektionen doch möglich, nur eben planungsbedürftig sind. Das freut zunächst Hank (im Selbstversuch) und dann auch Callie und das Happy End lässt nicht mehr lange auf sich warten.

Was lernen wir daraus?

Bis zu einem gewissen Grad ist „Harter Fall. Weiche Landung.“ ziemlich realistisch und Mann kann es gerne als Schritt für Schritt-Anleitung verwenden, wie man Frauen glücklich macht. Natürlich ist Schritt 1 unglaublich gut auszusehen und Schritt 2 unglaublich reich zu sein. Aber rein handwerklich kann man vielleicht noch was lernen – egal wie lange man schon rollt.

Meine Frau sagt übrigens, dass es sie glücklich machen würde, wenn ich mal staubsauge oder ihr (genau wie Hank seiner Callie!) einen Kuchen backen würde. Ich bin zunächst etwas irritiert und auch enttäuscht. Aber dann sagt sie, dass sie gegen multiple Orgasmen auch nichts einzuwenden hat. Und unsere Welt ist wieder in Ordnung.

 

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

Einfach eine E-Mail an info@der-querschnitt.de schicken – die Redaktion freut sich auf spannende Ideen und Anregungen!

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.