Therapie mit Exomuskel soll inkomplett Gelähmten Motivation und mehr Mobilität bringen

Lorenz Schwärzler steht mitten in den Vorbereitungen zum Zürich Marathon. Das Besondere daran: Er hat eine inkomplette Querschnittlähmung und ist Tetraplegiker. Ein Exomuskel – ein Anzug, der Roboter- mit Textiltechnologie kombiniert – hilft ihm, zu laufen. Ein Medizingeräte-Hersteller unterstützt ihn bei dem einmaligen Testlauf.

Die „extra Muskelschicht für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen“, so die Selbstbeschreibung der Anbieter, hat MyoSwiss entwickelt, ein Spin-off der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Das internationale Team besteht u. a. aus Ingenieuren, Textildesignern, Physiotherapeuten und Medizinern. Das Gerät ist nicht für den Endverbraucher gedacht, sondern wird zu Therapiezwecken angeboten.

Der Exomuskel kombiniert Roboter- mit Textiltechnologie und bietet laut Pressemitteilung des Herstellers Kraft und Stabilität wie eine zusätzliche Muskelschicht. Der Anzug sei in der Lage, die komplexen Vorgänge im Nervensystem zu entschlüsseln, sodass die Anwender selbst entscheiden können wie und wohin sie sich bewegen. Der MyoSuit ermögliche aktivitätsbezogenes Training, das z. B. Treppen hinauf- und herabsteigen, von einem Stuhl auf- und absitzen, Gehen auf unterschiedlichem Terrain (z. B. im Freien auf unebenen Boden), wie auch Balance-Übungen beinhalte. Die Übungen und Tätigkeiten seien dabei sehr nahe an Alltagsbewegungen ausgerichtet.

Spezialgerät für reguläre Therapie

Konzipiert wurde MyoSuit als Trainingsgerät, das in der Rehabilitations- und Physiotherapie für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen eingesetzt werden kann. Momentan wird laut Hersteller eine Infrastruktur für „MyoSuit Training Center“ in Rehakliniken, Physiotherapie-Studios, etc. in Deutschland und der Schweiz aufgebaut. Dort sollen ab Ende des Jahres Menschen mit Mobilitätseinschränkungen mit dem MyoSuit im Rahmen ihrer regulären Physiotherapie trainieren können.

Unterstützt durch eine erfahrene Physiotherapeutin trainiert auch Lorenz Schwärzler wöchentlich mit dem Exomuskel, zusammen mit einem anderen Läufer: Michael Hagmann. Er hat eine Muskeldystrophie und arbeitete bereits während eines dreiwöchigen Therapieaufenthaltes in der Klinik Valens täglich mit dem MyoSuit. Eine einmalige Aktion wie die Teilnahme am Zürich Marathon, wo er und Schwärzler eine Teilstrecke laufen wollen, ist auch für ihn ein weiterer Schritt, um seinem Ziel näher zu kommen: Er will mit seinem Sohn auf einen Berg wandern.

Traum vom Leben ohne Gehstöcke

Schwärzler erlitt als 19-Jähriger, vor über 30 Jahren, einen Badeunfall. Dabei verletzte er sich einen Halswirbel. Seither lebt er als Tetraplegiker mit einer inkompletten Querschnittlähmung. Er hat Mühe beim Gehen und ist auf Gehhilfen wie Stöcke oder seinen elektrischen Roller angewiesen. Fällt er hin, so benötigt er Hilfe, um wieder aufstehen zu können. Als seine Kinder klein waren, konnte er bei Outdoor-Aktivitäten oft einfach nur zuschauen. Sehr vieles war nicht möglich.

Das Training mit dem MyoSuit hat Schwärzler beflügelt, er hat wieder Spaß daran, mit seinem Hometrainer zu trainieren. Dazu der Hersteller: „Anhand der Erfahrungsberichte von Personen wie Lorenz und Michael, welche mit dem MyoSuit in den letzten Monaten regelmäßig trainiert haben, haben wir gesehen, dass das Training auch einen positiven Einfluss auf ihre Motivation hat. Beide haben uns erzählt, dass sie sich auch im Alltag wieder mehr bewegen und sich sportlich mehr betätigen, z. B. trainiert Lorenz wieder regelmäßig zu Hause und kommt auch zu unseren Trainingssessions mit Wanderstöcken angelaufen anstelle mit seinem elektrischen Dreirad anzufahren, wie dies am Anfang der Fall war.“

Vor einigen Tagen hatte Lorenz sein erstes Training mit dem Exomuskel im Freien. Während seines Spaziergangs am See spornten Passanten ihn an, er erhielt viel positiven Zuspruch. Für ihn war die Tatsache, dass er an einem so schönen Tag «einfach so» am See entlangspazieren konnte, ein besonderes Erlebnis.

Probetraining möglich

Interessierte können den Exomuskel testen: Meist donnerstags und freitags bietet MyoSuit dazu in Zürich Probestunden (link: https://myo.swiss/trial-session/) mit einem erfahrenen Physiotherapeuten und einem MyoSwiss-Teammitglied an. Voraussetzung: Interessenten müssen in der Lage sein, von einem Stuhl aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen, wobei die Verwendung von Hilfsmitteln wie Krücken oder einem Rollator erlaubt ist. Sie sollten keine instabile Kardiomyopathie (Erkrankung des Herzmuskels) haben und in jüngerer Zeit kein Trauma durch einen Unfall oder Sturz erlitten haben.

Weitere Informationen auf unter myo.swiss

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