So rollstuhlgerecht sind Fernlinienbusse

Auch wenn rollstuhlgerechte Fernbusse bald Pflicht sind: Einige „Details“ – fehlende Kompatibilität von Rollstuhl und Verankerung, keine rollstuhlgerechten Toiletten an Bord, wenige barrierefreie Busbahnhöfe – dürften Menschen mit Querschnittlähmung noch länger bei ihren Reiseplänen in die Quere kommen.

Bis Ende 2020 bot auch die Deutsche Bahn Fernbusse an. Heute dominiert FlixBus den Fernbus-Markt in Deutschland

Seit Januar 2020 müssen alle Fernlinienbusse barrierefrei und mit mindestens zwei Plätzen für Rollstuhlfahrer ausgestattet sein. Diese Regelung gilt für Neufahrzeuge bereits seit 2016, ab 1.1.2020 für alle Fernlinienbusse. Um die Branche auf diesem Weg zu unterstützen, hat das Bundesverkehrsministerium den Ratgeber „Barrierefreiheit im Fernbuslinienverkehr“ vorgelegt. Das Handbuch soll Verkehrsunternehmen und allen Beteiligten Orientierung und Hilfestellung bieten. Neben Fahrzeugkonzepten und Empfehlungen zur Umsetzung einer barrierefreien Infrastruktur geht es darin auch um Fahrgastrechte.

Wie ist der aktuelle Stand? Der-Querschnitt.de hat Ende 2019 bei Fernbus-Anbietern nachgefragt, ob und wie weit ihre Flotte schon heute rollstuhlgerecht ausgestattet ist. Nachdem die Deutsche Bahn sich Ende 2020 von ihrem Fernbus-Angebot (IC Busse) trennt, bleibt als großer Anbieter Flixbus. Der Marktführer (Marktanteil Ende 2016: über 90 %) will „Mobilität für jeden ermöglichen“, so die schriftliche Aussage des Pressesprechers. Jedoch stelle das Arbeiten an der Barrierefreiheit FlixBus und alle anderen Fernbusanbieter „vor einige Herausforderungen: Bisher kann von den Herstellern keine serienmäßige Lösung für barrierefreie Busse geliefert werden, weshalb unsere Flotte derzeit nur vereinzelt durch barrierefreie Busse ergänzt wird.“ Auch die sanitären Anlagen seien in der Regel nicht barrierefrei erreichbar, in dringenden Fällen könnten sich Fahrgäste „für Hilfe an den zweiten Busfahrer (falls zwei Busfahrer anwesend sind) oder andere hilfsbereite Fahrgäste wenden. Auch die gesetzlich vorgeschriebenen Halte in den Lenkpausen der Busfahrer eignen sich als Toilettenpause.“

Bevor Menschen im Rollstuhl sich jedoch Gedanken über die „Pippipause“ machen können, müssen sie erst einmal im Bus einen Platz finden – und da kann auch FlixBus für nichts garantieren, denn „wie alle FlixBusse werden auch die barrierefreien Busse flexibel innerhalb des Netzes eingesetzt. Daher ist es aktuell technisch noch nicht machbar, einzelne Rollstuhlplätze zu buchen.“

Im Klartext: Ein Rollstuhlnutzer, der mit FlixBus von A nach B kommen will, muss sich mit deutlichem zeitlichem Vorlauf vorab informieren, ob und wann ein rollstuhlgerechter Bus auf seiner Wunschlinie fährt. Die geplante Reise muss angekündigt werden:

• bei Beförderung im Rollstuhl im Fahrgastraum – zwischen 14 und 7 Tage vor Fahrtantritt per Formular „Anfrage für die Fahrt im Rollstuhl“
• bei Beförderung des Rollstuhls im Gepäckraum – 36 Stunden vor Fahrtantritt per Kontaktformular. Die Beförderung eines faltbaren Rollstuhls bzw. von Gehhilfen und anderen Hilfsmittel ist kostenfrei. Um die Beförderungsmöglichkeit zu prüfen, wird der Fahrgast allerdings gebeten, dem Kundenservice die genaue Bauart des Rollstuhls oder anderer Gehhilfen vor der Buchung mitzuteilen.

Alle Informationen über die Regelungen und Abläufe für das Reisen für Personen mit Mobilitätseinschränkung und die Kontaktformulare sind auch online unter flixbus.de/service/personen-mit-eingeschrankter-mobilitat zu finden.

Auch bei Flixbus gilt: Rollstuhlbenutzer sollten deutlich vor der fahrplanmäßigen Abfahrt an der Haltestelle sein. Menschen mit Behinderung erhalten keine Ermässigung, allerdings reisen auch hier Begleitpersonen (bei einem Schwerbehindertenausweis mit Merkzeichen B) kostenfrei. Dabei gilt folgendes Procedere:
• Mindestens 36 Stunden vor Abfahrt Kundendienst kontaktieren – entweder telefonisch unter +49 (0)30 300 137 300 oder über das Kontaktformular:  Dort das Thema „Fahrgäste mit Behinderung / Begleithunde“ wählen.

Problemfall: Kompatibilität von Rollstuhl und Reisebus

Bei Flixbus gelten wie bei anderen, kleineren Anbietern für die Mitnahme des Rollstuhls im Fahrgastraum strenge Voraussetzungen.

Für Reisen mit dem Rollstuhl im Fahrgastraum muss der Rollstuhl folgenden Normen entsprechen:

• Für Fahrgastsitze zugelassener Rollstuhl gemäß den Normen DIN EN 12183 oder DIN EN 12184.

• Der Rollstuhl muss über besondere Befestigungspunkte für die Sicherung, sogenannte Kraftknoten, nach DIN 75078 verfügen

• Die maximalen Abmessungen betragen: Breite max. 70 cm x Länge max. 120 cm, mit einem Gesamtgewicht von 300 kg.

Und hier offenbart sich eine weitere Hürde auf dem Weg zur rollstuhlgerechten Reisefreiheit im Fernlinienbus: Bei weitem nicht alle Rollstühle sind so gebaut, dass sie in einem Bus im Fahrgastraum benutzt werden dürfen. Dazu die FlixBus-Pressestelle: Rollstühle sind „oft individuelle Sonderanfertigungen, ein universell nutzbares Sicherungssystem an Bord ist also nicht umsetzbar. Ein Großteil der in Deutschland gängigen Rollstühle ist außerdem nicht als Fahrzeugsitz geeignet und viele Elektrorollstühle sind mit Batterien ausgestattet, die laut BOKraft(Verordnung über den Betrieb von Kraftfahrunternehmen im Personenverkehr) nicht im Fahrgastraum befördert werden dürfen. Aus diesen Gründen wird auch an Bord der barrierefreien Fernbusse die Beförderung zahlreicher Rollstühle weiterhin nicht möglich sein.“

Und dann führt der Sprecher noch ein ganz anderes Ärgernis an: „Auch der überwiegende Teil der deutschen Fernbushaltestellen und Autobahnraststätten ist nicht behindertengerecht ausgestattet“. Es bleibt also noch viel zu tun in Sachen Barrierefreiheit im Fernlinienbus.