Ein Blick auf IC Bus und FlixBus: So rollstuhlgerecht sind Fernlinienbusse

Auch wenn rollstuhlgerechte Fernbusse bald Pflicht sind: Einige „Details“ – fehlende Kompatibilität von Rollstuhl und Verankerung, keine rollstuhlgerechten Toiletten an Bord, wenige barrierefreie Busbahnhöfe – dürften Menschen mit Querschnittlähmung noch länger bei ihren Reiseplänen in die Quere kommen.

Ab Januar 2020 müssen alle Fernlinienbusse barrierefrei und mit mindestens zwei Plätzen für Rollstuhlfahrer ausgestattet sein. Diese Regelung gilt für Neufahrzeuge bereits seit 2016, ab 1.1.2020 für alle Fernlinienbusse. Um die Branche auf diesem Weg zu unterstützen, hat das Bundesverkehrsministerium den Ratgeber „Barrierefreiheit im Fernbuslinienverkehr“ vorgelegt. Das Handbuch soll Verkehrsunternehmen und allen Beteiligten Orientierung und Hilfestellung bieten. Neben Fahrzeugkonzepten und Empfehlungen zur Umsetzung einer barrierefreien Infrastruktur geht es darin auch um Fahrgastrechte.

Wie ist der aktuelle Stand? Der-Querschnitt.de hat bei Fernbus-Anbietern nachgefragt, ob und wie weit ihre Flotte schon heute rollstuhlgerecht ausgestattet ist.

IC Busse: Die Fernbusse der Deutschen Bahn

IC Bus, der Fernbus der Deutschen Bahn, bedient derzeit (Stand: April 2019) zehn Strecken in Europa und Deutschland mit vielen Zwischenhalten. Ab 7,90 Euro kann man mit dem IC Bus von Düsseldorf nach Eindhoven, oder ab 14,90 Euro von München nach Prag fahren. In Deutschland ist die An- und Weiterreise mit dem Zug in einer Fahrkarte buchbar. Das Streckennetz der IC Busse und weitere Informationen gibt auf den Seiten der Deutschen Bahn. Begleitpersonen reisen mit einem Schwerbehindertenausweis mit Merkzeichen B kostenfrei (siehe auch: Das Recht auf eine Begleitperson), müssen jedoch genauso wie der Mensch mit Querschnittlähmung eine gültige Sitzplatzreservierung haben. Zwar gewährt das Unternehmen für Menschen mit (Schwer-)Behinderung keine Rabatte – allerdings haben diese die Möglichkeit, eine entsprechend preisreduzierte Bahncard zu nutzen (siehe auch: Nachteilsausgleiche).

Preiswert sind die Busse also – aber können Menschen mit Querschnittlähmung dieses Angebot auch tatsächlich nutzen? Eine Sprecherin der Deutschen Bahn teilt auf E-Mail-Anfrage mit, dass (Stand: April 2019) knapp 75 % der auf den IC Bus-Linien eingesetzten Fahrzeuge über Rollstuhlplätze verfügen. Knapp ein Drittel der Flotte biete sogar Platz für zwei Rollstuhlstellplätze. In diesen Bussen kann der Rollstuhl arretiert werden, sodass der Busreisende seinen Rollstuhl nicht verlassen muss. Alle Busse mit Rollstuhlstellplätzen sind mit einer Rampe oder einem Hublift (jeweils max. Tragkraft: 300 kg) ausgestattet, um das Ein- und Aussteigen zu ermöglichen.

Orthopädische Hilfsmittel werden, so die DB-Beförderungsrichtlinien, unter Berücksichtigung der technischen Voraussetzungen befördert, sofern ausreichend Stauraum vorhanden ist. Dazu müssen sie faltbar sein und dürfen im gefalteten Zustand eine Maximalgröße von Länge: 1.200 mm, Breite: 350 mm, Höhe: 1.090 mm nicht überschreiten. Alle orthopädischen Hilfsmittel müssen im liegenden Zustand transportiert werden können und dürfen nicht mehr als 31,5 kg wiegen.

Wichtig: Rollstuhlnutzer müssen pünktlich sein und mindestens eine halbe Stunde vor Abfahrt zum Abfahrtsort kommen. „Sollte eine Abholung von einem anderen Ort am Busbahnhof erforderlich sein, so ist dies vor der Reise über die Mobilitätsservice-Zentrale mitzuteilen“, so die Beförderungsrichtlinien.

Spontane Fernreisen sind für Menschen, die ihren Rollstuhl auch im IC Bus nutzen wollen/müssen, nicht möglich: Die Nutzung eines Rollstuhlstellplatzes muss bis spätestens 7 Tage vor dem 1. Reisetag bei der Mobilitätsservice-Zentrale unter der Rufnummer 0180 6 512 512 (20 ct/Anruf aus dem Festnetz, Tarif bei Mobilfunk max. 60 ct/Anruf) angemeldet werden. Für detailliertere Informationen lohnt sich ein Blick in die Beförderungsbedingungen der IC Busse, dort vor allem im Abschnitt 6 „Personen mit Behinderungen“.

So konsequent die DB-Flotte bereits 2019 auf rollstuhlgerechte Busse setzt: rollstuhlgerechte Toiletten sind nicht geplant. Dazu die DB-Sprecherin: „Die sanitären Anlagen der IC Busse sind für Rollstuhlfahrer leider nicht nutzbar. Daher wird Rollstuhlfahrern die Benutzung einer behindertengerechten Toilette an einer Raststätte nach Verfügbarkeit ermöglicht.“

Marktführer FlixBus

Auch Marktführer FlixBus (Marktanteil Ende 2016: über 90 %) will „Mobilität für jeden ermöglichen“, so die schriftliche Aussage des Pressesprechers. Jedoch stelle das Arbeiten an der Barrierefreiheit FlixBus und alle anderen Fernbusanbieter „vor einige Herausforderungen: Bisher kann von den Herstellern keine serienmäßige Lösung für barrierefreie Busse geliefert werden, weshalb unsere Flotte derzeit nur vereinzelt durch barrierefreie Busse ergänzt wird.“ Auch die sanitären Anlagen seien in der Regel nicht barrierefrei erreichbar, in dringenden Fällen könnten sich Fahrgäste „für Hilfe an den zweiten Busfahrer (falls zwei Busfahrer anwesend sind) oder andere hilfsbereite Fahrgäste wenden. Auch die gesetzlich vorgeschriebenen Halte in den Lenkpausen der Busfahrer eignen sich als Toilettenpause.“

Bevor Menschen im Rollstuhl sich jedoch Gedanken über die „Pippipause“ machen können, müssen sie erst einmal im Bus einen Platz finden – und da kann auch FlixBus für nichts garantieren, denn „wie alle FlixBusse werden auch die barrierefreien Busse flexibel innerhalb des Netzes eingesetzt. Daher ist es aktuell technisch noch nicht machbar, einzelne Rollstuhlplätze zu buchen.“

Im Klartext: Ein Rollstuhlnutzer, der mit FlixBus von A nach B kommen will, muss sich mit deutlichem zeitlichem Vorlauf vorab informieren, ob und wann ein rollstuhlgerechter Bus auf seiner Wunschlinie fährt. Die geplante Reise muss angekündigt werden:

• bei Beförderung im Rollstuhl im Fahrgastraum – zwischen 14 und 7 Tage vor Fahrtantritt per Formular „Anfrage für die Fahrt im Rollstuhl“
• bei Beförderung des Rollstuhls im Gepäckraum – 36 Stunden vor Fahrtantritt per Kontaktformular. Die Beförderung eines faltbaren Rollstuhls bzw. von Gehhilfen und anderen Hilfsmittel ist kostenfrei. Um die Beförderungsmöglichkeit zu prüfen, wird der Fahrgast allerdings gebeten, dem Kundenservice die genaue Bauart des Rollstuhls oder anderer Gehhilfen vor der Buchung mitzuteilen.

Alle Informationen über die Regelungen und Abläufe für das Reisen für Personen mit Mobilitätseinschränkung und die Kontaktformulare sind auch online unter flixbus.de/service/personen-mit-eingeschrankter-mobilitat zu finden.

Auch bei Flixbus gilt: Rollstuhlbenutzer sollten deutlich vor der fahrplanmäßigen Abfahrt an der Haltestelle sein. Menschen mit Behinderung erhalten keine Ermässigung, allerdings reisen auch hier Begleitpersonen (bei einem Schwerbehindertenausweis mit Merkzeichen B) kostenfrei. Dabei gilt folgendes Procedere:
• Mindestens 36 Stunden vor Abfahrt Kundendienst kontaktieren – entweder telefonisch unter +49 (0)30 300 137 300 oder über das Kontaktformular:  Dort das Thema „Fahrgäste mit Behinderung / Begleithunde“ wählen.

Problemfall: Kompatibilität von Rollstuhl und Reisebus

Sowohl bei Flixbus als auch bei IC Bus gelten für den Rollstuhl im Fahrgastraum strenge Voraussetzungen.

Für Reisen mit dem Rollstuhl im Fahrgastraum muss der Rollstuhl folgenden Normen entsprechen:

• Für Fahrgastsitze zugelassener Rollstuhl gemäß den Normen DIN EN 12183 oder DIN EN 12184.

• Der Rollstuhl muss über besondere Befestigungspunkte für die Sicherung, sogenannte Kraftknoten, nach DIN 75078 verfügen

• Die maximalen Abmessungen betragen: Breite max. 70 cm x Länge max. 120 cm, mit einem Gesamtgewicht von 300 kg.

Und hier offenbart sich eine weitere Hürde auf dem Weg zur rollstuhlgerechten Reisefreiheit im Fernlinienbus: Bei weitem nicht alle Rollstühle sind so gebaut, dass sie in einem Bus im Fahrgastraum benutzt werden dürfen. Dazu die FlixBus-Pressestelle: Rollstühle sind „oft individuelle Sonderanfertigungen, ein universell nutzbares Sicherungssystem an Bord ist also nicht umsetzbar. Ein Großteil der in Deutschland gängigen Rollstühle ist außerdem nicht als Fahrzeugsitz geeignet und viele Elektrorollstühle sind mit Batterien ausgestattet, die laut BOKraft(Verordnung über den Betrieb von Kraftfahrunternehmen im Personenverkehr) nicht im Fahrgastraum befördert werden dürfen. Aus diesen Gründen wird auch an Bord der barrierefreien Fernbusse die Beförderung zahlreicher Rollstühle weiterhin nicht möglich sein.“

Und dann führt der Sprecher noch ein ganz anderes Ärgernis an: „Auch der überwiegende Teil der deutschen Fernbushaltestellen und Autobahnraststätten ist nicht behindertengerecht ausgestattet“. Es bleibt also noch viel zu tun in Sachen Barrierefreiheit im Fernlinienbus.

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