Meine Querschnittlähmung und ich: Wovon träumen Sie eigentlich nachts?

„Träumen Androiden von elektronischen Schafen?“ So lautet der Titel der Buchvorlage zu meinem Lieblingsfilm „Blade Runner“. Den ich neulich mal wieder ansah und mich dann fragte: „Träumen Rollstuhlfahrer von treppenfreien Welten?“

Es war so: Ich gehe beschwingt eine Treppe hoch und bin schon fast oben angekommen, als ein mir unbekannter Mann sich zu mir umdreht und fragt, ob ich nicht was vergessen hätte. Verdammt, denke ich. Ich hab den Rollstuhl unten stehen lassen! Und ohne geht nicht! Ich geh also wieder runter, und schnappe mir das für meine Mobilität so wichtige Hilfsmittel….

Das ist natürlich nicht wirklich passiert, sondern ich hab das mal geträumt. Ich träume sowieso komische Sachen. Einmal hab ich geträumt, ich würde den Weihnachtsbaum mit Ostereiern schmücken. Und ich konnte auch stichhaltig erklären wieso. Ein anderes Mal träumte ich, mich würde ein schimmeliger Riesenkürbis verfolgen. Und erst kürzlich jammte ich mit Sting und Leonard Cohen… In einer Gondola. Was meine Träume immer gemeinsam haben: Mein Traum-Ich kann gehen. Der Rollstuhl ist nur dann ein Thema, wenn ich, wie oben beschrieben, daran denke, dass ich eigentlich einen brauche.

Weil ich wissen wollte, wie das anderen so geht, startete ich eine informelle, nicht repräsentative Umfrage unter meinen Rolli-Kumpels und war überrascht, wie unterschiedlich die Ergebnisse waren.

Jetzt bloß nicht aufstehen

„Als ich frisch verletzt war, träumte ich oft, dass ich gehe, renne oder sonst was mache“, sagt ein Freund aus dem Rugby-Team. „Ich war traurig, wenn ich aufwachte und mir klar wurde, dass das nie wieder so sein würde. Je länger ich jetzt schon querschnittgelähmt bin, umso seltener sind diese Träume. Vielleicht, weil ich es jetzt akzeptiert habe. Und jetzt weiß ich eigentlich gar nicht, wie ich im Traum so von A nach B komme. Meistens schwebe ich, vermutlich.“

Mein Kumpel Tetra-Theo lacht sich schlapp, als ich ihm mit der Frage komme. „Neulich hab ich geträumt, ich will irgendwo rein und weit und breit ist kein stufenloser Zugang. Ich wurd‘ richtig wütend und hab alle möglichen Leute zusammengebrüllt, dass sie gefälligst für Barrierefreiheit zu sorgen haben. Nur wusste keiner, was ich wollte.“ Er zwinkert. „Wie im richtigen Leben, oder?“

Ein Bekannter, mit dem ich manchmal Handbike fahre, antwortet auf meine Frage ob er gehen könne, wenn er träume, wie aus der Pistole geschossen: „Immer! Auch jetzt noch, nach fast 40 Jahren als Tetraplegiker. Ich hab den Rollstuhl zwar immer dabei, aber ich kann aufstehen, weggehen, Sachen greifen. Aber die anderen Aspekte, außer der Mobilitätseinschränkung, die sind halt auch ein Thema. Einmal hab ich geträumt, ich wäre auf einer Hochzeit und säße im Rollstuhl und wäre inkontinent. Und meine Mutter sagte zu mir ‚Jetzt bloß nicht tanzen gehen! Sonst sieht man es!‘ “

„Schlimm ist es, wenn der Rollstuhl zwar da ist, aber ich trotzdem nicht vom Fleck komme“, erzählt eine relativ frischverletzte junge Frau, die ich in der Post-Rehaphase manchmal besuche und die offensichtlich noch am Verarbeiten ist. „Das ist wie wenn ich etwas sage, aber keine hört mich und alle ziehen einfach ihr Ding durch.“

Und ein weiterer Rugby-Kollege wundert sich schwer über das, was wir so machen, wenn wir schlafen: „Ich bin immer im Rollstuhl unterwegs, auch wenn ich träume“, sagt er. „Und Treppen oder so tauchen in meinen Träumen gar nicht erst auf. Das macht schon Sinn: Im richtigen Leben mach ich mir da ja auch wenig Gedanken drüber, ob da jetzt was barrierefrei ist oder nicht. Irgendwie klappt’s ja immer.“

Querschnittlähmung vs. Schlafparalyse

Interessant finde ich, was ich neulich gehört habe. Offenbar ist jeder, der träumt, gelähmt. In der Traumphase des Schlafs, ist die willentlich angesteuerte Muskulatur außer Gefecht gesetzt, damit man die Bewegungen, die man träumt, nicht wirklich ausführt, herumrennt, um sich schlägt und sich (oder andere) dabei verletzt. (Als ob ich als Tetraplegiker dazu in der Lage wäre…) Ausnahme sind die Augenmuskeln. Während sich die Augen nämlich schnell hin und her bewegen verarbeitet man, was man den Tag über so erlebt hat und was einen belastet.

Meine Güte, ich will gar nicht wissen, was ich verarbeitet habe, als ich vor dem Killer-Kürbis davongelaufen bin. Vielleicht ein Essen mit den Schwiegereltern. Oder meine Abneigung gegen die Farbe Orange (Fußball lässt grüßen, ne?). Oder einfach die Tatsache, dass ich im richtigen Leben nicht weglaufen kann, auch wenn ich es mir manchmal noch so sehr wünsche.

Und wovon träumen Sie eigentlich nachts?

 

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

Einfach eine E-Mail an info@der-querschnitt.de schicken – die Redaktion freut sich auf spannende Ideen und Anregungen!

 

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.