Warum Inder mit Querschnittlähmung keine Verdauungsprobleme haben

Keine Verdauungsprobleme, keine Laxantien und kein stundenlanges Abführen. Das klingt gut – und ist für Millionen von querschnittgelähmten Indern eine Realität. Die möglichen Gründe hierfür beleuchtet ein Blick über den Tellerrand.

Menschen mit Querschnittlähmung sind häufig von einer neurogenen Darmfunktionsstörung (siehe: Darmfunktion bei Querschnittlähmung) betroffen, die ein spezielles Darmmanagement nötig machen. In Deutschland gibt es viele Querschnittpatienten, die Probleme mit der Verdauung und dem Ausscheiden haben, während das in Indien laut dem Chandigarh Spinal Rehab Center, einer nordindischen stiftungsfinanzierten Einrichtung für Menschen mit Querschnittlähmung,deutlich seltener der Fall ist. Abführmittel werden so gut wie nie eingesetzt. Darüber, woran das liegen könnte, hat die Redaktion mit drei Vertretern der neu gegründeten Stiftung gesprochen.

Ernährung und Verdauung – Abführmittel praktisch unnötig

Fladenbrot aus Vollkornmehl wird zu jeder Mahlzeit gereicht.

Stiftungsgründerin Nicky Kaur ist sicher, dass die positive Situation hinsichtlich Darmmanagement und Verdauung an der indischen Küche liegt. Sie sagt: „Indische Gerichte sind traditionell reich an natürlichen Vitaminen, Mineral- und vor allem Ballaststoffen. Hülsenfrüchte, Gemüse und Vollkornprodukte stehen täglich auf dem Speiseplan.“

Die Furcht vor Blähungen und anderen Verdauungsbeschwerden, die im Westen herrscht, wenn es um Linsen, Bohnen und Co. geht, können die Mitarbeiter des Chandigarh Spinal Rehab Centers nicht nachvollziehen.

„Hülsenfrüchte werden immer über Nacht eingeweicht und das Einweichwasser weggegossen. Die Gewürze, wie Kreuzkümmel und Koriander, die wir den Gerichten hinzufügen, erleichtern die Verdauung“, sagt Stiftungsmitglied Avneet Singh. Auch scharfe Gewürze wie Chili und Pfeffer würden oft verwendet werden, allerdings traditionell eher in der Küche Südindiens (siehe auch: Kräuter und Gewürze).

Getreide werde vor allem in Form von Chapati, einem Fladenbrot aus Vollkornweizenmehl, und Reis täglich verzehrt. Beides werde je nach Region zu jeder Mahlzeit serviert und trüge erheblich zu Ballaststoffbilanz bei.

Auch die Wahl der Milchprodukte – verzehrt werden leicht verdauliche und/oder probiotischen Milchprodukte wie Ricotta und Sauermilch – trüge zweifellos zu der positiven Verdauungssituation von Querschnittpatienten in Indien bei; davon ist Kaur überzeugt. Sie sagt: „Gereifte Käsesorten kennen wir praktisch gar nicht. Doch Lassi, ein Getränk aus Sauermilch, Wasser und Salz, wird häufig genossen.“

Auf die Frage nach dem Verzehr von Fertigprodukte lachen die Vertreter des Chandigarh Centers. Fertigprodukte und westlich geprägtes Fast Food gäbe es in Indien zwar, doch die Mehrheit der Menschen ernähre sich von saisonal, regional verfügbaren Produkten. Aus finanziellen Gründen käme für die meisten gar nichts anderes in Frage.

Ernährung und Dekubitus

Dhal ist reich an Proteinen und Ballaststoffen.

Um Dekubiti vorzubeugen und schneller heilen zu lassen, wird eine eiweißreiche Ernährung empfohlen (siehe: Ernährungsempfehlungen bei Dekubitus). Da traditionell in Indien wenig Fleisch und Eier wenn überhaupt nur im Winter gegessen werden und viele Menschen Vegetarier sind, stellt sich die Frage nach der Eiweißversorgung, die bei der Tendenz zu Dekubiti besonders wichtig ist.

„Die Eiweißversorgung ist überhaupt kein Problem. Frische Milchprodukte, Gemüse und Hülsenfrüchte gewährleisten eine ausreichende Eiweißaufnahme. In manchen Gegenden werden Produkte aus fermentiertem Getreide gegessen.“ Durch die Fermentierung wird die Bioverfügbarkeit von Getreide erhöht und zusätzliche Aminosäuren erschlossen.

Generell gelte: Zu einem Proteinmangel komme es vor allem dann, wenn ein Patient nicht genug Nahrung aufnimmt, d. h. wenn er aus z. B. finanziellen Gründen hungern muss.

Ernährung und Hitze

Im subtropischen Indien kann die Hitze ganzjährig ein Problem darstellen, vor allem bei Tetraplegikern, bei denen eine Temperaturdysregulation vorliegen kann. „Die wenigsten Patienten, die zu uns kommen, können sich Klimageräte leisten. Oder verfügen über einen Anschluss an das Stromnetz…“, sagt Kaur und ergänzt: „Auch hier halten wir uns, um zu helfen, vor allem an das, was die traditionelle indische Küche und das Ayurveda vorgeben. In den Speiseplan integriert werden die vielen verschiedene Gurken- und Melonenarten, die es in Indien gibt und die den Körper kühlen.“

„Ebenfalls kühlend wirken Zitrusfrüchte und Beeren wie Stachel- und Johannisbeeren“ fügt Physiotherapeut Premjit Singh Huidrom hinzu. „Verzichten sollte man bei heißem Wetter auf Nüsse, Trockenfrüchte, Fleisch und Eier, die die Körpertemperatur erhöhen. Und natürlich muss man viel trinken, am besten Wasser mit Zitronen- oder Limettensaft. Manchmal geben wir das Gewürz Schwarzsalz hinzu, wegen der Mineralstoffversorgung.“

Typisch indisch

Ein indisches Essen besteht aus mehreren Komponenten.

Eine typische indische Hauptmahlzeit besteht aus verschiedenen aufeinander abgestimmten Komponenten, bei denen Reis und Vollkornfladenbrot immer eine zentrale Rolle spielen. Dazu gibt es:

  • Dhal – ein Gericht aus gekochten Linsen oder Mungbohnen mit Kreuzkümmel und Ingwer
  • Gemüsecurry – eine Kombination aus verschiedenen Gemüsen ist möglich, häufig werden Kartoffeln verwendet
  • Paneer – ein Frischkäse aus Kuhmilch mit Gemüse und Gewürzen
  • Gewürztes Fleisch – Fleisch kommt meist als Geflügel und wenn überhaupt in kleinen Portionen als Beilage vor
  • Je nach Region mehr oder weniger scharfe Saucen auf der Grundlage von Joghurt oder Früchten, Gemüse und Gewürzen

In Europa traten indische Restaurants von Grobbritannien aus ihren Siegeszug durch die Kulinarik an und Gewürze, Saucen und Fladenbrot gibt es heute in der internationalen Sektion der großen Supermärkte. Allerdings sind diese Produkte stark an den westlichen Geschmack angepasst und haben laut Singh wenig mit der originalindischen Küche zu tun. Bestes Beispiel ist das Fladenbrot Chapati, das aus Auszugsmehl hergestellt wird, in seiner indischen Heimat aber traditionell aus dem Vollkornweizenmehl Atta gemacht wird.

Wer sich für die indische oder ayurvedisch-indische Küche interessiert, sollte einen Kochkurs mit einem entsprechend qualifizierten Kursleiter belegen. Angeboten werden solche Kurse z. B. an Volkshochschulen und in vergleichbaren Einrichtungen.

 

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