Gegen den Strom: Mit dem Rollstuhl durch China

Andreas Pröve spricht über sein neues Buch, seine Reise von Shanghai nach Tibet entlang des über 6.000 Kilometer langen Jangtse, die Erfahrungen, die er dabei machte und über die Hindernisse, auf die er dabei stieß.

Seine Reisen haben den querschnittgelähmten Andreas Pröve schon an viele Orte auf der Welt geführt (siehe: Gelesen: Abenteuer Mekong). 2018 ging es nach China und Tibet. Mit Unterbrechungen. Denn sich einen Weg durch China zu bahnen ist doch trickreicher, als Pröve zunächst angenommen hatte.

Über 6.000 Kilometer durch China soll die Reise gehen, entlang des Jangtses, dem längsten Fluss des Landes, von Shanghai nach Tibet. Davor, dass er dabei auf Hindernisse stoßen könnte, hatte Pröve keine Angst, denn er ist ja einiges gewöhnt – und außerdem sind Hindernisse schließlich dazu da, um überwunden zu werden.

Herausforderungen für Rollstuhlreisende

„Aber in China ist alles nochmal eine Nummer anders. Zweimal musste ich zurück nach Deutschland und dann wieder von neuem starten, weil es irgendwelche Schwierigkeiten mit Visum und Reiseerlaubnis gab. Über die chinesische Community in Hannover habe ich dann jemanden gefunden, der jemanden kennt, der jemanden kennt…“, Pröve lacht. „Und dann war da noch das Problem mit meinem Triebling. Das ist ein Antrieb für den Rollstuhl, den ich aus dem Motor einem Go-Kart konstruiert habe und der mit Benzin läuft. Es macht 40 km/h Spitze. Auf deutschen Straßen natürlich total illegal, aber durch Myanmar und Indien hat bin ich mit ähnlichen Antrieben gefahren (Myanmar mit einer Motorsense und Indien mit einem VeloSolex – Motor). Ich kann ja schlecht einen Elektroantrieb verwenden. Strom findet man in Asien nicht an jeder Ecke.“

„Leider meinten manche chinesischen Polizisten, sie müssten mich deswegen aus dem Verkehr ziehen. Ich nahm das Ding dann immer ab. Und 20 Kilometer weiter dockte ich es wieder ran. Denn manche Polizisten haben mich auch einfach durchgewinkt. Eine einheitliche Regelung für den Straßenverkehr gibt es vermutlich nicht.“

„Abgesehen davon fand ich die Chinesen alle total hilfsbereit. Klar gab es am Anfang Berührungsängste. Aber wenn ich mich erstmal verständlich gemacht hatte, dann waren alle immer schnell bereit mir zu helfen, z. B. wenn ich ein paar Stufen nicht hoch kam oder an einer Schwelle scheiterte. Die gibt es in chinesischen Tempeln übrigens ganz oft. Sie sind da um böse Geister fernzuhalten. Manchmal durfte ich in Tempel gar nicht erst rein, weil ich ihn mit den schmutzigen Rollstuhlreifen ja hätte verunreinigen können. Aber ganz oft war das gar kein Problem.“

„Was die Verständigung angeht, kann ein Sprachassistent ungemein helfen. Mit dem i-Phone kann man sich alles was man sagen will, ganz schnell übersetzen lassen und wenn das erstmal geklappt hat, dann helfen einem die Chinesen wirklich gerne. Das ist eine Erfahrung, die ich in vielen der Länder, in denen ich unterwegs war, gemacht habe.“

Der Jangtse

Nach dem Ganges und dem Mekong, ist der Jangtse (auch: Jangtsekiang) der dritte große Fluss, dem Pröve folgt. Von der Mündung in Shanghai bis zum Quellgebiet in Tibet misst er 6.300 Kilometer. „Ich hab ihn allerdings nicht oft gesehen. Der Jangtse ist nicht kanalisiert und man kann sich das nicht so vorstellen, dass man eine Straße direkt am Flussufer entlangfährt. Nicht einmal indirekt. Manchmal war ich hunderte von Kilometern vom Fluss entfernt, aber ich kam immer wieder dahin zurück.“

„Eine große Herausforderung waren immer wieder die Übernachtungsmöglichkeiten. Ich musste ja immer etwas gefunden haben, bevor es dunkel wurde – ich habe meiner Frau versprochen nicht bei Dunkelheit zu fahren – und das war gar nicht so leicht. In den Städten natürlich kein Problem, aber oft blieb mir nichts anderes übrig, als in den Trucker-Herbergen zu übernachten, und die sind alles andere als Luxus. Das ist meist ein langer, flacher Verschlag und die Toiletten sind für mich als Rollstuhlfahrer unerreichbar. In China hatte ich wegen der Hygienestandards zwar keinen Durchfall, aber lustig war das da dann trotzdem nicht.“

„Nach solchen Episoden war ich dann immer dankbar, wenn ich in einem richtigen Hotel übernachten konnte, wo ich ein Zimmer immer schon von unterwegs aus reserviert hatte. Das war nämlich ziemlich notwendig, denn wenn ich da total verdreckt und im Rollstuhl ankam, musste ich immer erstmal beweisen, dass ich kein obdachloser Irrer war. Eine Buchungsbestätigung war da immer ungemein hilfreich. Eine Etappe habe ich mir tatsächlich auch auf dem Jangtse gegönnt. In einem Kreuzfahrtschiff. Ich hatte eine rollstuhlgerechte Kabine gebucht, die dann aber alles andere als rollstuhlgerecht war. Ins Bad kam ich jedenfalls nicht. Mein Urin ging dann über die Reling in den Jangtse…“

Die Eindrücke

„Bei meiner Reise durch China, waren es die Menschen, die mich beeindruckten und natürlich auch die wunderschöne Landschaft. Natürlich war der Jangtse immer der rote Faden, aber meine Abstecher weg vom Fluss führten mich zu besonderen Zielen wie die 200 Meter hohen, bewaldeten Sandsteinpfeiler um die Stadt Zhangjiajie, die jeden Besucher in die Scheinwelt des Films Avatar versetzen; es ging durch die Schluchten des Wulong Nationalparks; zur größten, aus dem Fels gehauenen Buddha Statue der Welt; durch Terrassenfelder oder zu den 300 Meter hohen Sanddünnen in der Badain Jaran Wüste, zwischen denen sich Seen gebildet haben. Ein unvergesslicher Anblick. Nicht zuletzt haben uns die 6.000 Meter hohen Berge um die Quelle des Jangtse, die Tanggula Mountains und der Geladaindong Gletscher, aus dem der längste Strom Asiens entspringt, begeistert. Allerdings nicht zu lange, denn nach Tibet durften wir genau 20 Kilometer rein, dann mussten wir umkehren.“

 

 

 

„Auch beeindruckend, aber auf eine andere Weise, waren die Megastädte am Jangtse, die seit dem Bau des großen Staudamms zu explodieren scheinen, und die Bevölkerung die Schwierigkeiten hat, dem rasanten Wachstum des Landes zu folgen.“

Seine Eindrücke vermittelt Pröve seinem Publikum in einer live Multivision-Show 2019/2020, bevor er sich wieder auf Abenteuer begibt. Sein nächstes Ziel soll 2020 der Iran sein.

Tour-Daten

Im September 2019 startet Pröve mit seiner Multivision-Show „China. Von Shanghai nach Tibet“ zu einer Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Die aktuellen Tourdaten sind hier abrufbar.

Das Buch

  • Gegen den Strom. Mit dem Rolli durch China
  • Von: Andreas Pröve
  • Seiten: ca. 220
  • Farbabbildungen: ca. 100
  • ISBN: 978-3-86690-704-1
  • Preis: 19,95 (Stand: August 2019)
  • Verlag: National Geographic

Veröffentlicht wird Pröves neues Buch voraussichtlich Ende August 2019 und kann in Kürze vorbestellt werden.

 

 

 

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