Meine Querschnittlähmung und ich: Ist das noch Inklusion?

Wo hört Inklusion auf und wo fängt die Extrawurst an? Mit dieser Frage hat mich meine Frau konfrontiert. Ihr ging es nicht um Rechtsprinzipien – sondern um die Frage, wer eine bestimmte Umkleidekabine im Kaufhaus benutzen darf und wer nicht.

Wenn es um gleichberechtigte Teilhabe geht, ist meine persönliche Inklusionsbeauftragte sehr engagiert: Sie achtet darauf, dass ich völlig gleichberechtigt im Haushalt mithelfe und völlig gleichberechtigt mit ihr ausdiskutiere, ob wir am Abend die Model-Show oder das Fußballspiel anschauen. Meistens gewinnt sie. Aber vergangenen Samstag war selbst sie ratlos und hat damit auch mich in das große „Wie würden Sie entscheiden?“-Dilemma katapultiert.

Auslöser war eine Shopping-Tour. Meine Frau reihte sich brav in die lange, lange Schlange vor den Umkleidekabinen ein. Irgendwann verlor die Frau an Spitzenplatz 1 die Geduld, raffte ihre Anprobiersachen zusammen und ging in die rollstuhlgerechte Kabine (ja, so etwas gibt es!). Die Folge: Großes Gemurre. „Hey! Das können Sie doch nicht machen! Die Kabine ist für Behinderte reserviert!“, und so weiter, und so fort. Der Einwand meiner Ehefrau, dass gerade kein Rollstuhlnutzer da wäre und es wenig Sinn machen würde, die Kabine auf gut Glück freizuhalten, wurde mit hochgezogenen Augenbrauen und noch mehr Gemurre kommentiert („Die haben es eh so schwer!“, „Da kann man doch Rücksicht drauf nehmen!“).

Wieder daheim wollte sie dann von MIR wissen, wer denn nun recht hatte: Die Fußgängerin in der Rollstuhlkabine oder all die Menschen, die diese Kabine auf jeden Fall für Rollstuhlnutzer freihalten wollten? Manchmal ist selbst sie noch zu verunsichern, wenn es um den unverkrampften Umgang mit Menschen mit Behinderung geht, was schade ist, denn dann verlangt sie von mir Antworten und ich bin nun mal kein Spezialist in Sachen Moralethik.

Hätte sie mich nach Toiletten gefragt, hätte ich gewusst, was ich antworte: Ja, macht Sinn, dass sie für Menschen mit Handicap reserviert sind. Wo Fußgänger irgendwie rumbalancieren können, um ja nicht in Kontakt mit der Klobrille zu kommen, müssen sich Rollstuhlnutzer umsetzen. Frauen immer, Männer manchmal. Aber auch ohne Transfer vom Rollstuhl auf die Schüssel bin ich heilfroh, wenn ich eine leidlich saubere öffentliche Toilette vorfinde. Auch wer mit einem Katheter rumhantiert, kommt dem Porzellan ja recht nahe …

Darf ich Disneyland für mich sperren lassen?

Aber bei Umkleiden? Gibt es da wirklich einen vertretbaren Grund, weshalb eine dieser Kabinen nur für meinesgleichen reserviert sein sollte? Der Mitleid-Joker ist ohnehin indiskutabel. Bleibt die Idee, beim Shoppen immer und sofort eine freie Anprobe vorzufinden und ohne zu Warten an allen anderen vorbeiziehen zu können. Diese Option scheint mir ein bisschen über das Ziel der Inklusion (= gleichberechtigte Teilhabe) hinauszuschießen. Mit demselben Argument könnte ich auch Disney World für Fußgänger sperren lassen, weil der Freizeitpark ja auch barrierefrei ist.

Um meine Frau zu beeindrucken, rufe ich eine Bekannte an, die in einer deutschen Großstadt als Behindertenbeauftragte arbeitet. Soll die mir doch aufgrund ihrer amtlichen Kompetenz erklären, wo Inklusion aufhört und die Extrawurst anfängt.

„Nicht nur die Rosinen rauspicken“

„Wir wollen gleichberechtigte Teilhabe,“ findet sie, „aber wahre Gleichberechtigung heißt auch: Man darf sich nicht nur die Rosinen rauspicken.“ Behindertenparkplätze – keine Frage, müssen freigehalten werden und dürfen nicht (von Dauerparkern) blockiert werden. Behindertentoiletten: Hier hat ihrer Meinung nach der Euroschlüssel durchaus seine Berechtigung, denn „das ist eine rein statistische Frage. Wenn nur wenige die Toiletten benutzen, gibt es da auch weniger Dreck. Reicht schon, dass es auch unter den Berechtigten Schweinchen gibt.“ Umkleidekabinen: Jein, oder wie sie es formuliert: „Das ist Quatsch, dass die reserviert werden sollten. Man kann jedem Rollstuhlnutzer zumuten, zu warten, bis diese Kabine frei ist“.

Ähnlich verhalte es sich bei der bevorzugten Bedienung von Schwerbehinderten, aber auch von Schwangeren, bei Behörden und am Bahnschalter: Macht Sinn, um diesen Menschen lange Wartezeiten und damit unverhältnismäßige Belastungen zu ersparen, aber es macht eben keinen Sinn, einen Schalterbeamten stundenlang vor einem leeren Tresen sitzen zu lassen, weil eventuell irgendwann jemand im Rollstuhl vorbeikommen könnte.

Mit den Umkleidekabinen ist´s wohl so wie mit vielen anderen Räumen, Einrichtungen oder Bestimmungen, die mir als Mensch mit Querschnittlähmung das Leben deutlich leichter machen: Sie sind mehr als ein Nice-to-have, denn nur durch sie kann ich selbstbestimmt durchs Leben fahren. Aber: Bis auf begründete Ausnahmen gehören sie nicht nur mir allein. Weshalb ich mitunter eben warten muss – so wie jeder andere Mensch auch.

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