Andreas Pröve über das Weltenbummeln im Rollstuhl

Andreas Pröve kommt viel herum in der Welt. In Indien ist er gewesen, in Myanmar und dem Nahen Osten. 2018 ging die Reise nach China (siehe: Gegen den Strom). Auf Der-Querschnitt.de spricht der Weltenbummler über sein Fernweh, seinen aufgemotzten Rollstuhl und über die drei Dinge, die für ihn auf Reisen unentbehrlich sind.

Herr Pröve, woher kommt Sie dieses Fernweh, das Sie immer wieder wegzieht?

Den Grundstein dafür hat bestimmt mein Vater gelegt. Als wir – meine drei Geschwister und ich – noch klein waren, ist er in den Ferien immer mit uns nach Finnland gefahren. Im VW-Bus. Das war schon recht abenteuerlich. Und weckte den Wunsch die Welt kennenzulernen.

Und dann war es ja auch so, dass ich, kurz vor meinem Unfall mit 23, als Backpacker in Indien unterwegs gewesen war. Ich wollte wieder in dieses Land, das mich so fasziniert hatte, trotz der Querschnittlähmung. Die Idee erschien zunächst absurd, aber losgelassen hat sie mich auch nie. Ich wollte nicht zuhause sitzen. Ich wollte die Welt sehen! Damals gab es kaum Rollstuhlbackpacker. Aber ich habe es ausprobiert und festgestellt, dass es geht! Man muss nur die Scheu ablegen, andere um Hilfe zu bitte.

Was steht bei jeder Reise auf Ihrer Packliste?

Immer dabei sind das Werk- und Flickzeug für den Rollstuhl. Denn wenn der nicht mehr mitmacht, kann ich die ganze Reise abblasen.

Ebenfalls notwendig ist eine Luftmatratze. Man weiß ja oft nie, wo man abends übernachtet und ob es da ein ordentliches Bett gibt. Letztes Jahr in China z. B.  habe ich viel in Trucker-Herbergen übernachtet. Und da gibt es keine Matratzen. Da gibt es wenn überhaupt ein Holzbrett, auf dem man sich ausstrecken kann. Ohne Luftmatratze sind da Druckstellen vorprogrammiert.

Als Querschnittgelähmter hab ich natürlich auch immer Katheter dabei. 500 waren es bei meiner letzten Reise. Die sind natürlich nicht alle im Handgepäck. Ich schicke sie im Voraus an verschiedene Etappenziele, wo sie dann auf mich warten.

Und dann muss man natürlich auf eine eventuelle Blasenentzündung vorbereitet sein, weshalb ich immer Antibiotika dabei habe. Oft habe ich sie auf meinen Reisen nicht gebraucht, aber wenn sie notwendig werden, dann muss man sie auch schnell nehmen können.

Die drei wichtigsten Dinge, die man mitnehmen muss, sind aber: Halstuch, Ohrenstöpsel und die Bereitschaft sich helfen zu lassen.

Halstuch und Ohrenstöpsel braucht man, weil es in den Unterkünften grundsätzlich zu hell und zu laut ist. Chinesische Truckfahrer hören sich an wie wilde Hunde, wenn sie schnarchen. Immer geht irgendwo eine Tür, ist irgendwo Krach. Und „Licht aus“ geht auch nicht. Das heißt, wenn man es ruhig und dunkel haben und wirklich schlafen will, braucht man Stöpsel für die Ohren und ein Tuch mit dem man sich die Augen verbinden kann. Wenn man nicht ausgeschlafen ist, hält man so eine Reise nämlich nicht sehr lange durch. Statt des Tuches ginge natürlich auch eine Schlafmaske. Aber ein Halstuch kann man sich eben auch vor den Mund binden, wenn es auf der Straße staubig wird und einen Waschlappen kann man notfalls auch daraus machen.

Das allerwichtigste, was man dabei haben sollte, wenn man sich auf solch einen Trip geht, ist die Bereitschaft sich helfen zu lassen. Die Angst vor fehlender Barrierefreiheit auf Reisen kann man ganz schnell überwinden, wenn man sich bewusst macht, dass die Menschen gerne helfen, wenn man nur klar genug macht, dass man Hilfe braucht.

Gibt es etwas, das Sie auf Ihren Reisen gelernt haben, das Sie für Ihr Leben in Deutschland umsetzten können?

Ich habe auf meinen Reisen gelernt, dass man nicht so viel rumjammern darf und die Dinge positiv betrachten muss, auch mit Querschnittlähmung. Klar war das schwer für mich als ich 1981 den Unfall hatte. Ich ließ die Spiegel abhängen, weil ich mich nicht im Rollstuhl sehen wollte. Ich musste mir die Zeit zum Verarbeiten nehmen – aber irgendwann hab ich mich dann dazu entscheiden weiterzumachen. Ganz wichtig war, dass ich mir eine Herausforderung suchte. Für mich war es das Reisen. Für andere kann das etwas völlig anderes sein. Aber weitergehen muss es.

Und wenn man dann unterwegs ist, muss man lernen um Hilfe zu bitten, auch wenn es schwer fällt. Die Menschen sind überall gleich. Manche sind freundlich, andere nicht. Manche sind hilfsbereit, andere nicht. Die meisten wollen helfen! Wenn ich irgendwo an eine Treppe kam, und es keinen anderen Weg gab, dann habe ich Leute gefragt, ob sie mir hochhelfen. Wenn die mich erstmal verstanden haben, was ich will, dann kamen von allen Seiten welche gerannt, die mithelfen wollen. Ich achte aber auch darauf, die Leute nicht zu überfordern. Wenn mich eine Gruppe raufgetragen hat, dann hab ich denen bestimmt nicht gesagt, dass sie warten sollen, bis ich wieder runter wollte. Ich hab mir dann halt jemand anderen gesucht.

Welche Umbauten haben Sie an Ihrem Rollstuhl vorgenommen?

Um den Rollstuhl backpacking-tauglicher zu machen, habe ich den einen oder anderen Umbau vorgenommen. Zum einen bin ich viel mit einem handkurbelbetriebenen Handbike unterwegs. Aber weil das anstrengend ist, und ich damit auch nur eine begrenzte Distanz schaffe, habe ich, um weiter zu kommen, auch ein benzinbetriebenes Antriebsgerät, meinem Triebling, das ich aus dem Motor einem Go-Kart konstruiert habe und mit dem ich bis zu 40 km/h schnell werde. Durch Myanmar und Indien bin ich mit ähnlichen Antrieben gefahren (Myanmar mit einer Motorsense und Indien mit einem VeloSolex – Motor).

Die Rollstuhlräder kann ich einfach abmontieren – ohne den Rollstuhl zu verlassen. Wenn so ein Reifen geflickt werden muss, ist es schon ganz günstig, wenn man dabei nicht auf Auspuffhöhe am Straßenrand im Dreck sitzen muss. Ich habe also einen Wagenheber gebastelt, mit dem ich unter dem Rollstuhlsitz auf beiden Seiten nur eine Rolle lösen muss. Dann kippe ich den Rollstuhl zu beiden Seiten hin an, wackele also ein bisschen hin und her, und schon kann ich die Räder abnehmen. Das soll mir mit einem Fahrrad mal jemand nachmachen…

Und was so die Toilettensituation angeht: In der Sitzfläche meines Reiserollstuhls ist ein Loch. D. h. wenn ich etwas nicht mehr brauche, dann fällt das einfach raus… Oder ich hänge da eine Plastiktüte drunter, wenn nicht gerade eine Bodentoilette verfügbar ist, was in China und manchmal ja auch noch in Frankreich aber ziemlich üblich ist.

 

Siehe auch:

Gegen den Strom: Mit dem Rollstuhl durch China

Gelesen: Abenteuer Mekong

 

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