Gynäkologische Sprechstunde für Frauen im Rollstuhl

Die Frankfurter Ärztin Hannelore Sonnleitner-Doll bietet in Zusammenarbeit mit dem CeBeeF (Club Behinderter und ihrer Freunde e. V.) eine gynäkologische Sprechstunde für Frauen mit Behinderung und im Rollstuhl an. Eine der vielen Besonderheiten: Im Untersuchungsraum steht ein Lifter, mit dem die Frauen problemlos vom Rolli auf gynäkologischen Untersuchungsstuhl oder – liege wechseln können.

Manchmal wird Hannelore Sonnleitner-Doll richtig „sauer“, so erzählt sie im Telefoninterview: Dann nämlich, wenn Frauen über 40 zu ihr in die gynäkologische Sprechstunde kommen, die noch nie im Leben beim Frauenarzt waren. Verärgert ist die Ärztin aber nicht wegen der Frauen – sondern wegen eines „Gesundheitssystems, das es Frauen im Rollstuhl fast unmöglich macht, einen Frauenarzt aufzusuchen.“

„Sie stoßen überall auf Barrieren“, sagt die Ärztin. „Hier eine Schwelle, dort ein Aufzug oder eine Toilette, die zu klein für ihren Rolli sind. Und im Behandlungszimmer haben sie kaum eine Chance, vom Rollstuhl auf den Behandlungsstuhl zu wechseln“. Seit 1998 bietet die engagierte Ärztin deshalb bei profamilia Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem CeBeeF eine gynäkologische Sprechstunde für Frauen im Rollstuhl an.

Lifter und hydraulisch verstellbare Behandlungsliege, viel Platz für Transfers oder zum Manövrieren: Das Behandlungszimmer ist optimal für Frauen im Rollstuhl eingerichtet.

Neben oben erwähntem Lifter gibt es dort auch eine hydraulisch hochfahrbare Behandlungsliege, was sehr viele Frauen schätzen: Sie fahren die Liege auf eine bequeme Transferhöhe, gleiten mit dem Rutschbrett auf die Fläche und lassen sich dort untersuchen. „Für mich ist das ein bisschen umständlicher als auf dem Gyn-Stuhl, aber viele Frauen mögen das lieber, weil sie sich auf der Liege sicherer fühlen als auf dem Untersuchungsstuhl“, sagt die Ärztin. Zudem ist das Personal der profamilia-Sprechstunde entsprechend geschult im Umgang mit Patientinnen mit Mobilitätseinschränkungen. Rahmenbedingungen also, wie sie Rollstuhl-Nutzerinnen in anderen Städten kaum vorfinden.

„Sexualität und Kinderwunsch von Menschen mit Behinderung müssen endlich in die Studienordnung!“
Nicht verwunderlich also, dass die Sprechstunde Patientinnen aus einem sehr großen Einzugsgebiet betreut. Als Sprechstunde für Frauen mit körperlicher Behinderung gestartet, kümmert sich Sonnleitern-Doll inzwischen um Frauen mit diversen Handicaps. Beim Erstgespräch nimmt sie sich für jede rund eineinhalb Stunden Zeit: „Die Anamnese erfordert viel Zeit; ich muss ja wissen, welche Medikamente die Frau einnimmt. Ob sie allein oder in einer Gemeinschaft lebt. Zuhause oder im Heim. Zu welchen Ärzten und Therapeuten sie sonst noch geht, und und und …“. Für jede weitere Behandlung wird eine Stunde reserviert – ein Angebot der Stadt Frankfurt am Main, die die Sprechstunde auch finanziert.

„Rollstuhlzugängigkeit müsste besser honoriert werden, z. B. bei einer Praxisneugründung müsste eine rollstuhlgerechte Ausstattung von vorneherein zur Auflage gemacht werden.“ Und auch in der Arzt-Ausbildung müsste nach Meinung der Ärztin das Thema Sexualität und Kinderwunsch bei Menschen mit Behinderung mehr in den Fokus rücken, vielleicht sogar überhaupt erst einen Weg in die Studienordnungen finden. Zudem müsste das Praxispersonal geschult werden: wie liftet man, wie assistiert man beim Transfer, ohne sich den Rücken kaputt zu machen?

Bei profamilia FFM ihr gibt es diese Rahmenbedingungen. Und so kann sie sich ganz auf die Frauen mit Handicap konzentrieren. Prinzipiell gebe nur wenige Unterschiede zwischen Fußgängerinnen und Querschnittgelähmten. „Ein ganz großes Thema ist der Kinderwunsch, wenngleich vielen leider schlichtweg der Partner fehlt“, erzählt die Ärztin. „Manche haben Zyklusunregelmäßigkeiten, aber ansonsten ist es für eine querschnittgelähmte Frau durchaus möglich, Mutter zu werden; bei tiefen Lähmungen ist noch nicht einmal zwingend ein Kaiserschnitt nötig. Bei Kinderwunsch gehe ich eine Checkliste mit den Frauen durch: Welche Medikamente müssen sie nehmen? Könnte da etwas den Embryo schaden? Wie sieht es mit der Betreuung aus? Kennen sie ihr Recht auf eine Assistenz?“ Fragen, die zeigen, dass vieles regelbar und organisierbar ist. Der Tipp der Ärztin: Wer sich umfassend informiert und plant, gewinnt ein großes Stück an Sicherheit, Zuversicht und Mut.

So finden Frauen im Rollstuhl einen Gynäkologen

Sicherheit und gute Versorgung wünschen sich wohl auch viele Frauen im Rollstuhl, wenn es nicht um den Kinderwunsch sondern um regelmäßige Früherkennungsuntersuchungen geht. Ein großes (Aufreger-)Thema für Sonnleitner-Doll, die immer wieder bei sich in der Praxis Frauen jenseits der 40 hat, die noch nie beim Frauenarzt waren: „Selbst wenn eine Frau keine Praxis findet, in der ihr Genitalbereich untersucht werden kann: Eine Brustuntersuchung sollte möglich sein. Die Untersuchung geht zwar besser im Liegen – aber eine Brust abtasten kann ein Arzt auch, wenn die Patientin im Rolli sitzt!“

Aber wie finden Frauen mit Querschnittlähmung und generell Frauen im Rollstuhl einen Gynäkologen, in dessen Praxis sie kommen können, egal, wie groß ihr Rolli ist? Die profamilia-Ärztin rät dazu, die Kassenärztliche Vereinigung der nächsten großen Stadt (siehe auch externer Link: Kassenärztliche Bundesvereinigung, Arztsuche in Deutschland) anzurufen und sich ganz gezielt „sogenannte barrierefreie Praxen“ nennen lassen. Und dann? Geduldig abtelefonieren, bauliche Gegebenheiten abklären (wie breit sind Türen und Aufzug? Komme ich mit meinen Rolli vom Warte- ins Behandlungszimmer? Habe ich dort Platz zum Manövrieren und zum Transfer auf den Gyn-Stuhl?).

Das ist lästig, ärgerlich und zeitaufwändig. Aber offenbar derzeit der einzige Weg für viele Frauen im Rollstuhl, um eine gynäkologische Untersuchung zu bekommen.
Termine für die gynäkologische Sprechstunde für Frauen im Rollstuhl bei profamilia Frankfurt sind nur nach telefonischer Vereinbarung unter Telefon 069 – 90 744 744 möglich.
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Hannelore Sonnleitner-Doll bietet zusammen mit der querschnittgelähmten Bewegungstherapeutin Susanne Bell einen Geburtsvorbereitungskurs für Frauen und Paare mit Behinderung an.

Für weiterführende Informationen zum Thema Sexualität, Schwangerschaft und Kinderwunsch bei Querschnittlähmung siehe auch:

Schwangerschaft bei Querschnittlähmung
Entbindung bei Müttern mit Querschnittlähmung
Einfach unendlich viel Sonnenschein – vom Alltag als Mutter mit Handicap
Sexualität bei Querschnittlähmung

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